Auf den ersten Blick ist alles wie zu den guten alten Zeiten. Die Uniformen der Schweizer Armee haben sich kaum verändert seit der grossen Armeereform im Jahr 1995, zumindest äusserlich nicht. Tatsächlich ist vieles anders: Nach und nach haben die Uniformen ihren Heimatschutz verloren. Heute kümmern sich nicht mehr hiesige Textilateliers oder sogar Heimarbeiterinnen um die Bekleidung der Soldaten. Jetzt ist «Made im Ausland» angesagt.

Das Beschaffungswesen in der Schweiz wurde weitgehend liberalisiert, und für die Rüstungsbeschafferin Armasuisse gelten da keine Ausnahmen. Wie jede Behörde hat sie sich bei Vergaben nach den Spielregeln der Welthandelsorganisation WTO zu richten. Überschreitet die Beschaffung von Waren den Wert von 230 000 Franken, muss ein Auftrag öffentlich ausgeschrieben werden. Strukturpolitik ist verboten. Das Gesetz fordert die Gleichbehandlung aller Anbieter.

Was das heisst, zeigt die Armeeuniform geradezu beispielhaft: Die Bérets kommen aus Österreich, die Kampfstiefel aus Rumänien, die Unterwäsche teilweise aus Indien. Und diese Liste liesse sich beinahe beliebig fortsetzen.

Keine Massenware aus der Schweiz

Das einheimische Gewerbe muss sich dem internationalen Wettbewerb stellen. Der Preisdruck ist hoch, die Margen sind tief. Immerhin kann der Bund seine Kassen schonen, weil ausländische Unternehmen oft günstiger produzieren.

Entscheidend bei einer Vergabe ist, wer ein Produkt zu einem «optimalen Preis» liefert. Oder anders ausgedrückt: Der Zuschlag geht an das wirtschaftlich günstigste Angebot, und das ist nicht zwingend jenes mit dem billigsten Preis. Ein potenzieller Lieferant muss Mindeststandards erfüllen, der entsprechende Katalog umfasst über 30 Anforderungen.

Umweltschutzauflagen sind ebenso vorgeschrieben wie ein Qualitätsmanagement. Auch Unterlieferanten müssen sich an die örtlich üblichen Arbeitsbedingungen halten und staatlich festgelegte Mindestlöhne zahlen. Gerade der letzte Punkt sorgt regelmässig für Kritik. So bemängelte die Organisation Public Eye im vergangenen Sommer: Die Armee kaufe Unterwäsche bei einem indischen Anbieter, dessen Löhne selbst für örtliche Verhältnisse tief seien.

Der Branchenverband Swiss Textiles verfolgt diese Entwicklungen aus zwei Warten. Das öffentliche Beschaffungswesen sei von grosser Bedeutung für die Textilindustrie, sagt Verbandsdirektor Peter Flückiger. Man dürfe sich aber nichts vormachen: «Es geht schon lange nicht mehr um die Frage, ob das Gnägi-Leibchen in der Schweiz genäht wird.» Im heutigen Marktumfeld sei es kaum möglich, Massenware hierzulande günstig herzustellen.

Vielmehr hat das stattgefunden, was Flückiger als «Veränderung der Wertschöpfung» bezeichnet. Schweizer Textilunternehmen spezialisieren sich zum einen auf Nischen wie hochfunktionale Textilien, im militärischen Bereich etwa auf die Herstellung von Schutzwesten. Zum anderen verstehen sie sich vermehrt als «flexible Dienstleister». Die Rede ist von Produktentwicklung, Veredelung oder Vertrieb.

Die persönliche Ausrüstung eines Soldaten mit «Tenü A», «Tenü B», Sturmgewehr und einigem Zubehör.

Die persönliche Ausrüstung eines Soldaten mit «Tenü A», «Tenü B», Sturmgewehr und einigem Zubehör. 

Eine ungewöhnliche Allianz

Der internationale Wettbewerb lässt sich freilich kaum aufhalten. Handlungsbedarf sieht Swiss Textiles jedoch beim Beschaffungsrecht. Mit der soeben präsentierten Revision ist der Verband nicht zufrieden. «Der Bundesrat hat wichtige Chancen verpasst», sagt Flückiger. Es sei nicht gelungen, öffentliche Vergaben konsequent nachhaltig auszurichten. Die Branchenvertreter sind deshalb eine ungewöhnliche Allianz eingegangen: Sie lobbyieren gemeinsam mit der «Clean Clothes Campaign», einem Ableger von Public Eye.

Die beiden Organisationen wollen, dass soziale und ökologische Mindestanforderungen in Beschaffungsverfahren stärker berücksichtigt werden. Etwas, das in der EU längst üblich ist. Zudem seien striktere Kontrollen durch staatliche Auftraggeber nötig. Christa Luginbühl von der «Clean Clothes Campaign» sagt, es brauche «zielführende rechtliche Grundlagen».

Zwei Franken pro Stunde

Ein Lieferant bestätigt die Einhaltung der Mindeststandards heute mit einer sogenannten Selbstdeklaration. In der Praxis würden die entsprechenden Papiere jedoch kaum überprüft, kritisiert der Verband Swiss Fair Trade. Selbst Beschaffungsstellen sprächen hinter vorgehaltener Hand bisweilen von «Lügenpapieren». Peter Flückiger von Swiss Textiles fordert, dass auch Unterlieferanten in Osteuropa oder Asien während der Auftragserfüllung überprüft werden. «Verstösse müssen geahndet werden», sagt der Verbandschef.

Wie gross der Spielraum trotz Selbstdeklaration ist, zeigt ein aktueller Fall der Armee. Im vergangenen November machte die «Rundschau» des Schweizer Fernsehens publik, unter welchen Bedingungen die Militärstiefel in Rumänien hergestellt werden. Lediglich zwei Franken pro Stunde verdient eine Näherin beim beauftragten Unterlieferanten. Unternehmen lässt sich dagegen wenig: Der Lohn verstösst nicht gegen das rumänische Gesetz.

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Die Ausrüstung eines Schweizer Rekruten: