Nie seit 1986 haben Schweizer Teenager so wenig geraucht und Alkohol getrunken wie heute. Der Befund der Studie von Sucht Schweiz und des Bundesamtes für Gesundheit (BAG) überrascht selbst Fachleute. «Dieses erfreuliche Ergebnis zeigt, dass Prävention sehr wohl etwas bewirkt, auch wenn immer wieder das Gegenteil behauptet wird», sagt die Basler SP-Nationalrätin Silvia Schenker.

Die Aargauer Nationalrätin Ruth Humbel (CVP) führt den Erfolg auf die seit der Jahrtausendwende intensivierte Suchtprävention zurück: «Diese Massnahmen haben sensibilisierend gewirkt – auch auf die Eltern, die ihren Kindern heute bessere Vorbilder sind.» Der eingeschlagene Weg müsse konsequent weiterverfolgt werden, fordern die beiden Gesundheitspolitikerinnen aus der Nordwestschweiz unisono.

Dieser Meinung ist auch Irene Abderhalden, die Direktorin von Sucht Schweiz. Wolle die Gesellschaft ihre Jugend wirksam schützen, müssten alle Verantwortung übernehmen und ihre Konsumnormen ändern, sagt sie. «Im Parlament aber geschieht derzeit das Gegenteil. Die Interessen der Wirtschaft erschweren oder verunmöglichen einen erfolgreichen Jugendschutz.» National- und Ständerat haben kürzlich Mindestpreise für alkoholische Getränke, Werbeverbote und ein Verbot von Happy Hours für Spirituosen abgelehnt. Am Widerstand der grossen Kammer könnte auch das von Bundes- und Ständerat befürwortete Nachtverkaufsverbot für Alkohol scheitern. Umstritten ist auch die weitere Verteuerung von Zigaretten. Der Bundesrat möchte den Preis eines Päcklis von heute gut acht auf bis zu elf Franken erhöhen.

Humbel warnt: «Sind Zigaretten zu teuer, kommt der Schwarzmarkt ins Rollen.» Diese Gefahr sieht auch der Zürcher SVP-Nationalrat Toni Bortoluzzi: «Die Politik des Bundes wird langsam, aber sicher prohibitiv.» Auch er freue sich, wenn Jugendliche weniger Alkohol trinken und rauchen würden. Für diesen Trend sei aber nicht die Prävention des Bundes, sondern gesellschaftliche Ächtung ausschlaggebend. «Früher galt die Sauferei als Kavaliersverhalten. Heute wird sie geächtet.»

«Das Kiffen wird verharmlost»

Auseinander gehen die Meinungen auch, was den Umgang mit Cannabis angeht, dessen Konsum bei Jugendlichen im Unterschied zu Alkohol und Tabak in den vergangenen vier Jahren kaum zurückgegangen ist. «Das BAG wird nicht müde, die gesundheitsschädigende Wirkung des Alkohol- und Tabakkonsums zu betonen, verharmlost aber das Kiffen», sagt Bortoluzzi. «Das ist widersprüchlich.»

«Die Verbotspolitik ist an ihre Grenzen gestossen», attestiert auch Abderhalden. Kiffen gelte bei Jugendlichen heute als nicht so schlimm. «Die Cannabis-Politik ist am Scheideweg – noch ist nicht klar, wie es weitergehen soll.» Roy Salveter, Co-Leiter der Abteilung Nationale Präventionsprogramme beim BAG, spricht sich für eine Legalisierung aus. Das Verbot erschwere es, an Cannabis rauchende Jugendliche heranzukommen. «Weils verboten ist, geben sie es nicht zu.»