Gastkommentar

Blocher und die Rente: Vielleicht ist es nur Alterszorn

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Viel wurde spekuliert über die Gründe von Christoph Blochers 2,7-Millionen-Franken-Forderung in eigener Sache. Unsere Kolumnistin Esther Girsberger glaubt dabei weniger an politische, sondern an ganz andere Motive.

Seit die «Schweiz am Wochenende» den Fall publik gemacht hat, rätselt die halbe Schweiz darüber, warum alt Bundesrat und Milliardär Christoph Blocher seine ihm zustehende Bundesratsrente nun doch noch beziehen will.

Die Begründungen reichen von «er will die SVP wieder ins Gespräch bringen», über «er will von der Begrenzungsinitiative ablenken» oder «er hat noch eine Abrechnung mit dem Bundesratsgremium offen». Blocher selbst trägt nicht zur Klärung bei, indem er sein Argumentarium mehrmals wechselte.

Die Rentenfrage gab schon bei unzähligen Bundesräten zu reden. Doch bei keinem dieser Persönlichkeiten war das Aufheben darüber aber so gross wie bei Christoph Blocher. Eigentlich kann sich der SVP-Mann darauf etwas einbilden: Offenbar schreibt man ihm immer noch einen grossen Einfluss auf das politische Leben zu.

Vielleicht liegt der wahre Grund der Rentenrückforderung aber nicht im parteipolitischen Kalkül, sondern in einem Wesenszug, den viele Männer aufs Alter hin entwickeln: Sie werden verbittert oder geradezu «alterszornig». Viele dieser Senioren waren beruflich erfolgreich, hatten einflussreiche Positionen, verfügen über ein genügendes bis hohes Alterskapital, ihre Kinder gehen ihren Weg, die Enkelkinder entwickeln sich prächtig.

Diese Männer hätten also beste Voraussetzungen, den vierten Lebensabschnitt zufrieden zu verbringen. Stattdessen nerven sie sich über die Regierungen, über die Wirtschaftsverbände, über die Gewerkschaften ohnehin, über die «Black-Lives-Matter»-Kundgebungen, über die Klimademonstrationen, über die überschuldeten Sozialwerke, über Trump und über Biden erst recht.

Früher schrieb man diesen Alterszorn dem Machtverlust zu. Seit der Coronakrise ist es die Zugehörigkeit zur «Risikogruppe», die den über 65-Jährigen ständig eingehämmert wird. Sie werden, nachdem sie früher ihren wesentlichen Anteil am wirtschaftlichen Gedeihen der Schweiz beigetragen haben, erst recht marginalisiert, in die Quarantäne geschickt. Das Virus bedroht ihre eigene finanzielle Situation und die der Schweiz, die sie in ihren Augen so massgeblich mitgeprägt haben.

Nun sollen plötzlich andere, Jüngere zuständig sein für die Wirtschaft und die Rettung der Welt generell. Junge, die für «Black-Lives-Matter» auf die Strasse gehen, die für die Gender-Diskussion lautstark demonstrieren, die die Grundeinkommen-Debatte wieder aufnehmen und die gesellschaftlichen Veränderungen lustvoll begleiten.

Es ist eine Generation, die den Staat in die Pflicht nimmt, anstatt ihn als übereifrigen Regulator zu verdammen. Eine neue Generation, welche die Älteren erst recht im Nachgang zur Corona-Zeit aus dem Alltag drängt, so die Haltung vieler Senioren.

In meinem Umfeld gibt es aber auch genügend andere ältere Männer. Sie lassen sich lustvoll auf Diskussionen mit anderen Generationen ein, werfen ihre Lebenserfahrung nicht besserwisserisch in die Runde und lehnen die gesellschaftlichen Veränderungen nicht ab. Sie bekennen sich zu den gleichen Werten des Lebens wie die Jungen und begrüssen es geradezu, dass neue Wege gegangen werden müssen.

Diese Männer haben ihren ehemaligen Einfluss reflektiert und beherrschen die Kunst des Ruhestands, ohne sich aus dem Alltag gedrängt zu fühlen. Sie klammern sich nicht egoistisch am Gewesenen fest, sondern sind neugierig und konstruktiv in Bezug auf die erwarteten Umbrüche. Gerade darum fallen mir diejenigen Senioren auf, die sich ständig negativ äussern.

Der Philosoph Ludwig Hasler feiert mit seinem Buch «Für ein Alter, das noch was vorhat» grosse Erfolge. Er ruft dazu auf, im Alter an einer Zukunft mitzuwirken, die nicht mehr die eigene sein wird – sei es an der Zukunft der Familie, der Gemeinde, der Bienen, der Traditionen, der Biodiversität, der Poesie. Er tut dies lustvoll und vor allem auch mit feiner Ironie. Er nimmt die Sache ernst, aber nicht sich selber. Christoph Blocher und vielen Senioren, die sich durch ihren Negativismus eigentlich dem heutigen Leben verweigern, sei dieses Buch empfohlen.

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