Streitgespräch

Blocher und der grösste Schweizer Europas

Das Treffen von Jean-Claude Juncker und Christoph Blocher nach den öden Provokationen. Fazit des Streitgesprächs? Blocher versteht Junckers Liebe nicht.

«Die Tasche lassen Sie hier», sagte die Dame am Eingang, «sonst sind Sie behindert auf der Flucht.» Herrjeh, wurde das – Blocher gegen Juncker – so schlimm? Keineswegs. Es wurde keine Schlacht, es flogen keine Tomaten, auch ohne dass sich die Männer entschuldigten für jüngste Provokationen. Die Langeweile war angelegt – zum Glück ist es nicht langweilig geworden.

Langsam hat man ja wirklich den Verleider: In der einen Ecke bellt wieder mal einer, und in der anderen heult der zweite auf. Wie Hunde, die man nachts in Vorgärten vergessen hatte. Alles so durchschaubar wie banal. Und trotzdem schreckt von Neuem alles auf, rennt hin, in Erwartung, dass sich die zwei verbeissen, verknäueln, oder dass einer aufgibt und den Nacken senkt.

Kein Platz war mehr frei im neusten Zwinger gestern Abend, im Zürcher Schauspielhaus, wo sich die beiden Herren trafen, eingeladen von der deutschen «Zeit»: Alt-Bundesrat Christoph Blocher und der EU-Mann Jean-Claude Juncker, Premierminister Luxemburgs. Auf dem Balkon verwechselte eine Zuschauerin die vielen Scheinwerfer mit Fernsehkameras. Es verriet, was sie an ungewohnter Stätte fiebrig erwartete: eine Show, ein Showdown.

Angefangen hat’s wieder mal mit braunem Raunen. Irgendwer sagte «Nazi», oder führte sich auf wie einer. Wie oft hatten wir das Spielchen schon? Wie oft bereits bei Blocher? Zählt das noch einer? Man kann keine Kerben zählen, wo es nur eine gibt. Sicher nur die eine EU-Kerbe: Brüssel – halt den Rüssel! Alles, was einer zur Schweiz aus EU-Warte äussert, riecht für Blocher nach Hegemonie. Wirkt auf ihn wie ein Aufmarsch, der sich rund um eine friedvolle Insel zusammenzieht. Er wird alt und älter, aber dieser Reflex bleibt immer jung: grosses Maul von drüben, grosse Klappe hüben. Zöge man das Publikum ab und die Medien, die bei Duellen ebenfalls reflexartig sekundieren – es würde vollends zum Spuk, zum Geisterspiel.

Aber Publikum ist da, drum scheinbar auch das Interesse. Also erklärt man das einmal mehr zur «Debatte» – und sitzt und schwadroniert und trinkt das gebenedeite Debatten-Wasser. Alles ist Zischtig-Club, Endlos-Talk, ausfransende Arena. Niemand hätte sich gewundert, wenn zwischen Juncker und Blocher gestern auch noch Thilo Sarrazin aufgetaucht wäre oder Klaus Schwab mit Daniela Katzenberger. Im totalen Gerede klebt irgendwie alles mit allem zusammen.

Einem Mann ist es zu verdanken, dass sich der Abend aus denkbar ödem Anlass dennoch lohnte: Man kam einmal ausgiebig in den Genuss, Jean-Claude Juncker zuzuhören. Es war wie nach wochenlangem Grauwetter, das plötzlich aufgerissen wird von ein paar lichten Strahlen – Geist, Witz, Ironie – und all das elegant formuliert in einem minim nasalen Deutsch.

Alles war nur ein Missverständnis sagte Juncker, «etwas unkorrekt reflektiert», eine Übertreibung Blochers, auf die einzugehen «unwichtig» sei. Er zitiere Hitler oder Goebbels nie, in deren Nähe Blocher den EU-Mann rückte: «Das sind nicht meine Referenzen im politischen Denken.» Weder sei er ein Euro-Euphoriker, noch ein Euro-Idiot und schon gar kein Gegner der Schweiz, im Gegenteil: «Ich bin der grösste Schweizer, den es in Europa gibt.»

Beide Männer hatten ihre Claque. Die neutralen Besucher freuten sich mehr an den Bonmots Junckers, etwa als er begann: «Aus Liebe zur Schweiz sage ich …» Sofort wurde gemurrt. «Ja», fuhr Juncker weiter, «die Liebe versteht man nie im ersten Augenblick.»

Bei aller Jovialität, Junckers Spitzen blieben jederzeit geschliffen: «Seit 28 Jahren bin ich in meinem Land Mitglied der Regierung», sagte er mit Blick auf sein Gegenüber, «das schafft nicht jeder.» Was Blocher alles sagte, lassen wir uns hier mal geschenkt sein, einfach weil wir das mittlerweile auswändig kennen wie das Beresinalied. Vielleicht noch dieser Satz: «Ich habe ein besonderes Verhältnis zum Kleinen», sagte Blocher, «und glaube nicht an Grosskonstruktionen.»

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