Drei Jahre, so lange ist es jetzt bald her, dass Sara Michalik, eine Frau von 43 Jahren und Mutter dreier Kinder, beschliesst, für den Staat einzuspringen. Das Jahr 2016 ist gerade angebrochen, und es gibt in Europa fast nur ein Thema, die Flüchtlinge. Es ist von einer Welle die Rede, von einer Krise gar, auch in Michaliks Stadt, in Aarau, ist das so. Die Fernsehbilder berühren die Psychologin, und eines Tages besucht sie in Aarau ein Zentrum, in dem minderjährige Flüchtlinge untergebracht sind.

Die kommen in dieser Zeit von weit her und in Scharen in die Schweiz. Viele von ihnen sind traumatisiert von dem, was zu Hause passiert ist, in Afghanistan oder Eritrea etwa, oder später, auf dem langen Weg nach Europa. Michalik sieht im Zentrum viele junge Menschen, aber sie sieht kaum jemanden, der sich um die Flüchtlinge kümmert. «Der Staat hat damals versagt», sagt Michalik, die den Verband der Aargauer Psychologen präsidiert, «und ich habe beschlossen, etwas dagegen zu unternehmen und einen Beitrag zur Verbesserung der Situation zu leisten». Es ist März 2016, als Michalik das Netzwerk Psy4Asyl ins Leben ruft. Es soll gewährleisten, was die Behörden nicht hinkriegen: eine angemessene psychiatrische Betreuung für Flüchtlinge. Und das kostenlos.

Wie viele traumatisierte Flüchtlinge es in der Schweiz gibt, weiss niemand. Denn es gibt niemanden, der das genau erfasst. Aber es gibt Schätzungen von Fachleuten, sie sprechen von 30 bis 50 Prozent, die etwa mit Depressionen zu kämpfen haben oder einer posttraumatischen Belastungsstörung. Bei den jungen Flüchtlingen, die alleine ins Land gekommen sind, dürfte die Quote noch deutlich höher sein.

Grosse Mängel

Es weiss auch niemand, wie viele dieser Flüchtlinge adäquat betreut werden. Doch fest steht, dass es bei vielen nicht der Fall ist. Und dass das die ohnehin schwierige Integration in der Schweiz noch zusätzlich erschwert. Oder gar verunmöglicht. Christine Kopp, Leiterin Gesundheit und Integration beim Schweizerischen Roten Kreuz, sagt: «Es gibt in der Schweiz grosse Mängel bei der psychiatrischen Versorgung von Flüchtlingen. Und wer schwer traumatisiert ist, hat kaum eine Chance, die Sprache zu lernen oder gar zu arbeiten.» Den letzten Versuch, den Missstand mit einer Zahl zu versehen, unternahm das damalige Bundesamt für Migration. Es kam in einer Studie zum Schluss, dass 200 bis 500 Therapie-Plätze für traumatisierte Flüchtlinge fehlen.

Die Zahl stammt aus dem Jahr 2013, der Zeit vor den grossen Migrationsströmen der Jahre 2015 und 2016. Michael Jordi, der Zentralsekretär der Konferenz der kantonalen Gesundheitsdirektoren (GDK), sagt denn auch: «Die Situation dürfte sich – mit regionalen Unterschieden – eher noch verschärft haben in den letzten Jahren.» Zu einem ähnlichen Schluss kommen die kantonalen Asylkoordinatoren: In einer Studie des Bundesamts für Gesundheit aus dem Jahr 2017 sagen 47 Prozent von ihnen, dass der Zugang zu psychiatrischer Versorgung in ihrem Kanton nicht ausreichend sei. Die fünf auf traumatisierte Flüchtlinge spezialisierten Ambulatorien in der Schweiz führen zum Teil lange Wartelisten.

Die Praxis von Sara Michalik liegt am Rand der Aarauer Altstadt, in einer Ecke steht ein Pult, in einer anderen ein Gestell voller Spielsachen. Mit den Problemen von Schweizer Kindern kennt sich Michalik schon lange aus, 15 Jahre arbeitet sie mittlerweile als Kinder- und Jugendpsychologin. Doch seit 2016, jenem Jahr, in dem sie beschloss, für den Staat einzuspringen, kommen auch regelmässig Flüchtlinge in ihre Praxis. Michalik behandelt sie umsonst, und sie ist nicht die Einzige: 35 Fachpersonen machen beim Netzwerk Psy4Asyl mittlerweile mit. Im Jahr 2017 hat die Gruppe im Kanton Aargau 50 Flüchtlinge betreut. Und so für 100 000 Franken Gratisarbeit geleistet.

Eigentlich müsste in der Schweiz der Zugang zur Gesundheitsversorgung für alle gewährleistet sein. Das gilt auch für Flüchtlinge. Doch gerade auf dem Land fehlt es an Betreuungsplätzen. Flüchtlinge bekommen diesen Mangel besonders zu spüren. Es mangelt an Therapeuten, die mit traumatisierten Flüchtlingen umzugehen wissen.

Knatsch um Dolmetscherkosten

Das grösste Problem, und darin sind sich eigentlich alle einig, sind die Dolmetscherkosten. Schon seit Jahren streiten sich Bund, Kantone und Krankenversicherer darüber, wer für diese Kosten aufkommen soll. Heute ist das in den Kantonen unterschiedlich geregelt, und gerade in der Deutschschweiz gilt oft: Wenn es einen Dolmetscher braucht, bezahlt der behandelnde Psychiater oder das Spital für diese Kosten. Das macht die Behandlung von Flüchtlingen teuer. Und damit kaum attraktiv. Das schlechte Betreuungsangebot ist eine Folge davon. Zwar hat die Gesundheitsdirektorenkonferenz vor Kurzem empfohlen, dass zumindest im stationären Bereich Dolmetscherkosten künftig über die Fallpauschale abgerechnet werden sollen. So würden Kantone und Krankenkassen die Kosten aufteilen. Doch wie viele Kantone mitmachen, steht in den Sternen. Und die Krankenkassen reagieren zurückhaltend auf den Vorschlag.

Sara Michalik ärgert sich darüber, dass sich alle aus der Verantwortung stehlen, sie wie eine heisse Kartoffel weiterreichen, vom Bund zu den Kantonen und so weiter. «Die psychische Gesundheit der Flüchtlinge wird bis heute völlig vernachlässigt», sagt sie. Für die 43-Jährige steht fest, dass so am Ende alle verlieren, die Flüchtlinge, aber auch die Schweiz. «Wenn wir psychische Probleme nicht rechtzeitig behandeln, sind die Folgekosten enorm», sagt sie, «wie soll sich jemand integrieren, der nicht schlafen, sich nicht konzentrieren kann?» In vielen Fällen seien keine langen Therapien notwendig. «Oft reichen ein paar Stunden, um die Probleme in den Griff zu bekommen, die Leute zu stabilisieren», sagt sie.

Als damals, Anfang 2016, alles anfing für Sara Michalik, da traf sie bald einmal auf Alireza. Der Afghane heisst eigentlich anders, und er gehört zu den vielen jungen Männern, die in jener Zeit in die Schweiz kamen. Alireza ist in einem kleinen Dorf im Osten Afghanistans aufgewachsen. Eines Tages, so erzählt er es, standen die Taliban vor dem kleinen Haus der Bauernfamilie. Sie waren gekommen, um ihn, den ältesten Sohn, mitzunehmen. Dem Vater gelang es, einen Aufschub auszuhandeln, ein paar Tage Gnadenfrist.

Die Taliban zogen ab, und als sie später zurückkehrten, war Alireza längst auf der Flucht nach Europa. Sein Vater bezahlte das mit seinem Leben, die Islamisten erschossen ihn. Alireza erfuhr erst davon, als er schon in der Schweiz war. Er fand tagelang keinen Schlaf, von Schuldgefühlen geplagt und das Bild des toten Vaters, das ihm über ein soziales Netzwerk zugestellt worden war, vor Augen. Es ging Alireza erst wieder besser, als er sich hin und wieder in die Praxis von Sara Michalik setzte, um das Geschehene aufzuarbeiten. «Es hat mir sehr geholfen, mit jemandem zu sprechen», sagt er. Mittlerweile ist der Afghane 19 Jahre alt, und aus dem Flüchtling ist ein Lehrling geworden: Er absolviert die Ausbildung zum Pflegefachmann Gesundheit in einem Aargauer Pflegeheim.