Coronakrise

Bildungsdirektor befürchtet «Schaden» und fordert: «So rasch wie möglich aus Notstand heraus»

Gähnende Leere in den Schulzimmern: Alle Schülerinnen und Schüler sind zuhause.

Gähnende Leere in den Schulzimmern: Alle Schülerinnen und Schüler sind zuhause.

«Eigentlich müssten die Schulen möglichst schnell wieder aufmachen», sagt die oberste Lehrerin der Schweiz. Die Kantone beraten derweil über einheitliche Regeln und fragen sich, wie sinnvoll Zeugnisse noch sind.

Wann beginnt die Schule wieder? Auch die oberste Lehrerin der Schweiz hat keine Antwort auf die Frage, die so viele Eltern umtreibt. «Ein Zeitpunkt ist nicht absehbar», sagt Dagmar Rösler. Sie rechnet damit, dass es Ende Mai oder später werden könnte. Glücklich ist sie damit – aus schulischer Perspektive – nicht. «Eigentlich müssten die Schulen möglichst schnell wieder aufmachen», sagt sie. Denn eines sei klar: «Die Chancengerechtigkeit ist im Moment nicht gewährleistet. Je länger die Phase andauert, umso mehr öffnet sich die Schere zwischen Schülern, die von den Eltern unterstützt werden, und bildungsferneren Familien, in denen dies nicht oder zu wenig der Fall ist.»

Besonders betroffen seien Schülerinnen und Schüler, die speziell gefördert werden müssten. Zwar würden Heilpädagogen etwa per Videochat ihr Möglichstes versuchen. «Dies ersetzt den persönlichen Kontakt aber nicht. Und er ist in solchen Fällen das A und O». So wünschenswert ein rascher Schulbeginn deshalb wäre, auch für Rösler hat die Eindämmung der Epidemie Vorrang.

Klar ist derzeit einzig: Bis am 19. April findet in Klassenzimmern kein Unterricht statt. Das hat der Bundesrat beschlossen. Was danach kommt, weiss auch bei der Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren niemand. Präsidentin Silvia Steiner will keine Einschätzung abgeben. Man wisse nichts Genaues, hält ihre Presseabteilung fest.

Zuger Bildungsdirektor hofft auf Normalisierung

Nichts anderes als abzuwarten bleibt auch Stephan Schleiss übrig. Darüber ist der Zuger Bildungsdirektor nicht glücklich. Mit Blick auf den 19. April sagt der SVP-Politiker kritisch: «Der Bundesrat soll so rasch wie möglich aus dem Notstands-Modus heraus kommen. Die Massnahmen sollen so lange wie nötig verordnet bleiben, aber nicht länger.» Schleiss hofft auf einen «Entscheid mit Augenmass» nach dem 19. April.

Er könnte sich grundsätzlich vorstellen, dass der Unterricht unter Einhaltung von Hygienevorschriften wiederaufgenommen wird. «Der Schaden ist offensichtlich», sagt Schleiss zum derzeitigen Fernunterricht: «Das soziale Lernen findet nicht statt. Und was den Schulstoff anbelangt, sind Schüler in schwachen Familienstrukturen besonders gefährdet.» Das schlimmste Szenario wäre aus seiner Sicht, wenn bis zu den Sommerferien kein regulärer Unterricht stattfände. «Dies ist zumindest nicht ausgeschlossen», sagt er.

Kantone bereiten sich auf lange Dauer der Massnahmen vor

Tatsächlich bereiten die Kantone auch längerfristigen Fernunterricht vor, möge dieser kommen oder nicht. Sie wollen vorbereitet sein; so überstürzt wie nach der Schulschliessung des Bundesrates vor zwei Wochen wollen die Bildungsdirektoren nicht mehr handeln müssen.

Eine Frage, die Dagmar Rösler, die oberste Lehrerin, vor diesem Hintergrund umtreibt, betrifft die Noten und Zeugnisse: «Im Moment kann man keine Noten geben», sagt die Solothurnerin. «Es muss sich später im Zeugnis widerspiegeln, dass dieses Schuljahr aussergewöhnlich war.»

Knifflige Situation bei Lehrabschlüssen und Zeugnissen

Zeugnisse Ja oder Nein?, Maturprüfungen, Lehrabschlüsse: Das sind Fragen, die auch die Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren beschäftigen. Deren Vorstand hat am Donnerstag per Videokonferenz getagt und erste Vorschläge an die Kantone geschickt. Dringender Punkt: Die Lehrabschlüsse stehen vor der Türe. Doch die Berufsschulen sind zu. Der Solothurner Regierungsrat Remo Ankli fordert, dass der Bundesrat per Verordnung einen kantonalen Flickenteppich verhindert. Ein gemeinsames Verfahren für die Abschlussprüfungen auf allen Stufen – von der Universität bis zur Sekundarstufen – fordern auch der Luzerner Bildungsdirektor Marcel Schwerzmann und sein Nidwaldner Kollege Res Schmid. Für die Maturanden müsse im Herbst der Zugang zu den weiterführenden Schulen gewährleistet sein, sagt der Schwyzer Regierungsrat Michael Stähli.

Doch es gibt der Krise auch positive Seiten abzugewinnen. «Der digitale Unterricht ist gut angelaufen», sagt Luzerns Bildungsdirektor Schwerzmann. «Wenn wieder Normalbetrieb herrscht, können wir die gemachten Erfahrungen und den digitalen Unterricht in den Schulalltag einfliessen lassen.» Und Michael Stähli gibt sich trotz ausserplanmässigem Unterricht zuversichtlich: «Einige Wochen Fernunterricht ruinieren keine Bildungskarrieren.»

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