Atomenergie

Beznau-Chef betreibt Wortklauberei: Das älteste Kraftwerk ist jetzt das «erfahrenste» der Schweiz

Mike Dost, der Leiter des Kernkraftwerks Beznau, ist zuversichtlich, dass die Axpoden Sicherheitsnachweis für den Weiterbetrieb des Kraftwerks erbringen kann.

Mike Dost, der Leiter des Kernkraftwerks Beznau, ist zuversichtlich, dass die Axpoden Sicherheitsnachweis für den Weiterbetrieb des Kraftwerks erbringen kann.

Mike Dost, Leiter der Kernkraftwerke Beznau, will den Sicherheits-Nachweis erbringen und Block 1 dieses Jahr ans Netz nehmen.

Wie oft haben Sie es schon bereut, diesen Job mitten in der Stromkrise zu übernehmen?

Mike Dost: Noch nie, in keiner Weise.

Sie sind vier Monate im Amt und an allen Fronten gefordert, technisch, wirtschaftlich, politisch. Können Sie überhaupt noch ruhig schlafen?

Meine Aufgabe als KKW-Leiter ist sicher ziemlich anspruchsvoll und beschäftigt mich natürlich sehr. Aber das raubt mir den Schlaf nicht. Für diese Position wäre das keine gute Charaktereigenschaft. Sich stressen lassen führt zu Nervosität und schlechteren Ergebnissen.

Beznau 1 steht seit über einem Jahr still, wie gesund ist das Herz der Anlage, der Reaktordruckbehälter?

Technisch sind wir an einem guten Punkt. Wir konnten darlegen, woher die Anzeigen kommen, und zwar so, dass es wissenschaftlich nachvollziehbar ist. Wir sind noch nicht ganz fertig, kennen aber die Grundursache.

Geht das weltweit älteste AKW je wieder in Betrieb?

Ich habe einen neuen Begriff eingeführt und sage das erfahrenste statt das älteste Kernkraftwerk. Das Alter sehe ich nicht als Achillesferse, denn das Werk ist zwäg. Beznau ist absolut top, trotz seines Alters, das im Übrigen überhaupt nicht sichtbar ist. Darauf sind wir stolz, ich fühle mich wohl hier.

Warum dauert es so lange, bis Beznau I wieder ans Netz geht. Warum stellen Sie nicht mehr Leute ein?

Das Team ist schon recht gross und gut eingespielt. Es sind 25 bis 30 Leute im Einsatz. Das sind Personen, die hier hundertprozentig involviert sind, andere werden je nach Arbeitsanfall beigezogen. Wir haben auch international anerkannte Experten, die uns wissenschaftlich unterstützen.

Sind die Einschlüsse schon bei der Produktion der Ringe für den 6,8 Meter hohen Behälter aus rostfreiem Stahl entstanden oder durch die Neutronenbestrahlung in 45 Jahren Betrieb?

Das ist die Gretchenfrage, die viele gestellt haben. Die Einschlüsse sind klar bei der Herstellung entstanden, das kann gar nicht anders sein. Neutronenbestrahlung führt zu Effekten, aber Einschlüsse im Stahlring sind dadurch nicht möglich. Sie sind drin und verschwinden auch nicht.

Das wusste man schon vor einem halben Jahr!

Wir schon. Aber wenn man etwas beweisen muss, ist das nicht das Gleiche, das ist sehr aufwändig. Die Beweisführung ist keineswegs trivial. Man muss die umfangreiche Giessereidokumentation studieren und dann eine Indizienkette aufbauen. Die alten Meister der Giesserei sind heute 75 oder 80 Jahre alt, wir haben auch sie interviewt. Allein die Dokumente der Herstellung umfassen rund 10 000 Seiten. Vieles wurde Mitte der 60er-Jahre handschriftlich und in französischer Sprache verfasst, von der Société des Forges et Ateliers du Creusot, die heute zur Areva gehört.

Klagen Sie jetzt auf Schadenersatz?

Nein, denn die haben ja keine Fehler gemacht, und wir haben technisch gar keine Schäden. Der Reaktordruckbehälter ist in Ordnung. Nun ist es aber notwendig, dies zu beweisen, nachdem die Anzeigen festgestellt worden sind. Das bindet viele Ressourcen und braucht Zeit. Der Nachweis muss hieb- und stichfest sein.

Nimmt die Stabilität der 170 Millimeter dicken Stahlwände durch die Alterung und die starke Neutronenbestrahlung ab?

Der Stahl des Reaktordruckbehälters altert im Laufe der Zeit, auch durch die Bestrahlung. Das hat aber nichts mit den Einschlüssen zu tun. Das Langzeitverhalten des Materials wird systematisch kontrolliert und im Voraus berechnet. Wir wissen, wie lange die Festigkeit garantiert ist. Dieses Wissen ist übrigens weltweit bei allen KKW vorhanden.

Sie müssen der Aufsichtsbehörde Ensi beweisen, dass die Integrität des Druckbehälters unverändert gewährleistet ist. Rechnen Sie mit grünem Licht oder mit weiteren Auflagen?

Mit beidem. Der Nachweis wird uns gelingen. In einem Kernkraftwerk ist die Sicherheit nicht eingefroren, sie wird gezielt weiterentwickelt. Ein Projekt des Ensi heisst Ersim, also Erhöhung der Sicherheitsmargen. Die ständige Bestrebung, besser zu werden, gehört zu unserem Alltag.

Wird die Sicherheit aus politischen Gründen verschärft?

Das Ensi ist eine unabhängige Behörde und macht seine Arbeit, so wie es nötig und richtig ist. Diese Experten begleiten auch unsere Untersuchungen und stellen dabei auch Forderungen. Eine Gruppe von acht internationalen Experten hat im Auftrag des Ensi ebenfalls einen Bericht verfasst, der uns zur Verfügung gestellt wurde. Alle Hinweise nehmen wir uns natürlich zu Herzen.

Haben Sie Angst vor der Ausstiegsinitiative der Grünen?

Angst wäre falsch. Die Schweiz ist eine Demokratie, die Stimmbevölkerung wird einen Beschluss fassen, und dieser ist per Definition richtig. Ich bin Leiter eines Kernkraftwerks, politische Prognosen gehören nicht zu meiner Funktion.

Können Sie nach Tschernobyl und Fukushima Beznau 1 mit gutem Gewissen erneut anlaufen lassen?

Diese Unfälle beruhten auf Fehlentscheiden, entweder unmittelbar vor Ort oder bei der Planung der Werke. Mit dem Alter der Anlagen hatte das ja nichts zu tun. Kernenergie ist für mich eine effiziente Art, den Strom CO2-frei zu produzieren und damit unseren Lebensstandard aufrechtzuerhalten. Auch die Wasserkraft und die neuen erneuerbaren Energien sind sehr sinnvoll. Von fossilen Kraftwerken kann man das weniger sagen.

Wie lange werden Beznau 1 und Beznau  2 die Schweiz noch mit Strom versorgen?

Hoffentlich noch sehr lange. Nach Meinung der Axpo bis weit nach 2020, gemäss meiner persönlichen Meinung bis 2030.

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