Coronavirus

Besuch im grössten Contact-Tracing-Center der Schweiz: «Das Super-Ideal-Tracing ist nicht mehr möglich»

Contact-Tracerinnen des Kantons Zürich bei ihrer Arbeit in Pfäffikon ZH.

Contact-Tracerinnen des Kantons Zürich bei ihrer Arbeit in Pfäffikon ZH.

Das Hickhack um das Contact Tracing in Zürich geht weiter. Immer mehr Infizierte melden, dass sie nie kontaktiert wurden. Der Kanton Zürich dementiert heftig und gewährt erstmals einen Einblick hinter die Kulissen des wohl wichtigsten Callcenters der Schweiz.

Das Gezänk um das Contact Tracing in Zürich und ob es jetzt funktioniert oder nicht, ähnelt momentan einem rasanten Tennismatch.

Grund genug für die Zürcher Gesundheitsdirektion, einen Blick hinter die Kulissen zu gewähren. Am Montag lud die Kantonsärztin Christiane Meier und Andreas Juchli, operativer Leiter Contact Tracing Kanton Zürich, zum «Tag der offenen Türe» nach Pfäffikon ZH.

Das «Super-Ideal-Contact-Tracing» gibt es nicht mehr

Im Zürcher Oberland steht das Gebäude der JDMT Medical Services AG, einem von zwei Standorten des Zürcher Contact Tracings. Der andere befindet sich am Flughafen.

In den Grossraumbüros mit grauem Teppich stehen einige Räume leer, hier sollen bald weitere Tracer zum Einsatz kommen. In den Räumen, in denen bereits gearbeitet wird, stehen je 16 Tische, jeder mit mindestens 1.5 Meter Abstand, und vor ihnen meist junge Medizinstudenten. Es ist das vielleicht wichtigste Callcenter der Schweiz.

Zürcher Contact-Tracing-Team aufgestockt

Zürcher Contact-Tracing-Team aufgestockt – ein Einblick

Der Kanton Zürich gewährte am Montag Einblick in seinen Contact-Tracing-Standort in Pfäffikon ZH. Hier arbeitet das Team im Zweischichtbetrieb an sieben Tagen von 06.30 Uhr bis 21.30 Uhr. 250 Personen sind bisher geschult worden, per Montag wurde das Team pro Schicht von 50 auf 60 Personen aufgestockt.

Die Gesundheitsdirektion reagierte mit der Einladung auf die negative Berichterstattung der letzte Tage. Die «Sonntagszeitung» warf der Gesundheitsdirektion vor, die Kontrolle über das Tracing verloren zu haben. Die Zeitung lieferte als Beleg die Geschichten von verschiedenen Infizierten oder solchen, die Kontakt mit Infizierten hatten, und entweder viel zu spät oder gar nicht kontaktiert wurden.

Kantonsärztin Christiane Meier widerspricht dieser Darstellung: «Die Quote an Leuten, die wir nicht erreichen, liegt im einstelligen Prozentbereich.» Sie gebe zwar zu, dass es unmöglich sei, restlos alle Personen kontaktieren zu können. Doch das sei auch nie das Ziel gewesen.

Im Zürcher Contact-Center arbeiten meist Medizinstundenten. Bald kommen weitere dazu.

Im Zürcher Contact-Center arbeiten meist Medizinstundenten. Bald kommen weitere dazu.

Dass es Personen gäbe, die nicht kontaktiert werden, könne verschiedene Ursachen haben: «Wir bearbeiten momentan hunderte Fälle am Tag. Irgendwo in der Informationskette kann es da immer zu Problemen kommen. So sind wir zum Beispiel darauf angewiesen, dass die Labors die Fälle rechtzeitig melden. Auch mit den richtigen Kontaktdaten», so Meier. Meistens funktioniere das jedoch.

Um die in den letzten Tagen explodierenden Fallzahlen zu bewältigen, setzt man in Zürich zudem auf vereinfachte Prozesse. «Das Super-Ideale-Tracing mit Follow-Up-Anrufen und ständiger Betreuung ist jetzt nicht mehr möglich», sagt Meier.

Ohnehin laufe vieles nicht mehr auf telefonischem, sondern schriftlichen Weg. «Nach der Meldung im System erhält eine Infizierte Person innerhalb von 30 Minuten eine SMS», so Andreas Juchli. Diese sieht folgendermassen aus:

© Gesundheitsdirektion Kanton Zürich

Daraufhin muss die infizierte Person eine Liste mit Kontaktpersonen angeben. Die Contact-Tracer kontaktieren diese Personen dann einzeln. So konnte der Arbeitsaufwand drastisch gesenkt werden. Laut Juchli entsteht bei regulären Fällen mit sieben bis acht Kontaktpersonen ein Arbeitsaufwand von rund zwei Stunden. Zum Vergleich: Der Kanton Bern gab vor kurzem noch an, dass pro infizierter Person ein Arbeitsaufwand von 30 Stunden entstehe.

Auch sei man derzeit daran, weitere Tracer auszubilden. Am Montag wurde bereits von 50 auf 60 Personen pro Schicht aufgestockt. Und es sollen noch mehr werden. Kantonsärztin Christiane Meier gibt sich deswegen selbstsicher: «Wir können noch höhere Fallzahlen stemmen».

Auch im Gespräch mit einer Tracerin scheint sich dies zu bestätigen. «Wir sind nicht überfordert. Wir kommen noch nach mit den Fällen», sagt eine Medizinstudentin.

Von einer Obergrenze an Infektionen, bei der das Tracing versage, will Kantonsärztin Meier nichts wissen. «Wir machen weiter», sagt sie. «Ich sehe kein Szenario, in dem wir aufhören müssen. Die Aufgabe wäre ein politischer Entscheid.»

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