Coronakrise

Berner Unternehmen startet aus Not mit Masken-Produktion – und landet damit prompt einen Hit

Hirschis Maske besteht aus zwei Teilen, einer Art Grundgerüst aus Baumwolle und einer Einlage aus Vlies. Und sie ist wiederverwertbar.

Hirschis Maske besteht aus zwei Teilen, einer Art Grundgerüst aus Baumwolle und einer Einlage aus Vlies. Und sie ist wiederverwertbar.

Das Berner Textil-Unternehmen um Peter Hirschi hilft einem befreundeten Arzt mit einer Stoffmaske aus - und will jetzt mehr.

Wenn die Welt in Ordnung wäre, dann würde Peter Hirschi vieles machen. Aber bestimmt keine Masken. Aber die Welt ist nun mal nicht mehr in Ordnung, seit sich das Coronavirus durch die Länder walzt. Auch in der Textilfirma von Peter Hirschi ist es auf gewisse Weise schon angekommen, in Rohrbach, Kanton Bern, 1500 Einwohner, im Umland Hügel, Ackerland, stattliche Bauernhöfe. Hirschi ist einer, von dem die Leute sagen, dass er anpackt. Der einfach macht. Und so macht er jetzt Masken, weil er findet, dass es nicht anders geht. «Man muss mit den Steinen mauern, die man hat», sagt Hirschi, der viele solche Sätze auf Lager hat.

Diese Geschichte ist noch nicht alt, wie so viele in diesen Tagen hat sie rasch an Fahrt gewonnen. Aber wenn man will, kann man ihren Anfang auch ein wenig weiter in die Vergangenheit datieren, ins Jahr 2011. Damals lernen sich Peter Hirschi, Unternehmer und Lokalpolitiker, und Andreas Baumann, Arzt mit Fachgebiet Neurologie, kennen. Hirschi ist schwer krank und weiss nicht mehr weiter. Baumann ist der Mann, der eine Lösung findet, der ihm «das Leben rettet», so erzählt Hirschi es. Die Männer mögen sich auf Anhieb. Beide sind auf Bauernhöfen gross geworden, und beide haben sich hochgearbeitet. Eine Freundschaft beginnt.

Eine Maske als Experiment

Am letzten Mittwoch ruft Arzt Baumann seinen Freund Hirschi an. Schon seit längerem bereitet ihm das Maskenlager in seiner Praxis, dem Neurozentrum Oberaargau, Sorge. Es leert sich, und Nachschub ist nicht in Sicht, weil sich gerade alle um Schutzmasken streiten: Spitäler, Hausärzte, die Spitex, Altersheime. Und auch Privatpersonen. Vielleicht, denkt Baumann, kann ja Hirschi helfen. Dessen Firma Lanz-Anliker produziert technische Textilien, von der Schwingerhose über die Namensschilder der Armee bis zu Strahlenschutzbekleidung für Mediziner.

Und Hirschi hilft. Am Freitag hat Baumann einen Prototypen in der Post, tags darauf testet ihn der Arzt. Er ist begeistert, so sehr, dass er ein Video dreht, in dem er von seinen Erfahrungen berichtet. Auf den sozialen Medien verbreitet es sich rasch.

Peter Hirschi hat das Wochenende durchgearbeitet, und auch jetzt spurtet er durch seine Fabrik. In den untersten Stock, wo ein Angestellter mit der Schneidemaschine das Grundmaterial der Masken zuschneidet. In den obersten, wo die Stoffstücke gefaltet und zusammengenäht werden. In den mittleren, wo die Masken in Plastiksäcklein landen.

Hirschis Maske ist ein Experiment. Sie besteht aus zwei Teilen, einer Art Grundgerüst aus Baumwolle und einer Einlage aus Vlies. Und sie ist wiederverwertbar, während bis zu 20 Tagen. Dafür muss die Maske abends in siedendem Wasser ausgewaschen werden, um die Keime zu vernichten. Zudem muss ihr Träger die Einlage zweimal täglich wechseln. Der Unternehmer hat noch nie Masken hergestellt, und er sagt, er mache das nur, weil gerade Not herrsche.

Es ist Hirschi wichtig, nicht als Krisenprofiteur dazustehen. Für ein Set - eine Maske plus 40 Einlagen - verlangt er 22 Franken. Bei 20 Einsatztagen macht das Kosten von 1.10 Franken pro Tag. Eine herkömmliche Einweg-Hygienemaske kostet laut Experten in normalen Zeiten 9 Rappen - und derzeit, so sie denn erhältlich ist, zwischen 50 Rappen und vier Franken. «Die 22 Franken muss ich verlangen, damit ich die Kosten für Löhne und Material decken kann», sagt Hirschi.

Darf man das, einfach so Masken herstellen und diese verkaufen? Ja, hat das Bundeslabor in Spiez Hirschi beschieden - aber nur, solange man sie nicht mit einem Schutzwert anpreist. Das tut Hirschi nicht. Der 53-Jährige hat für seine Maske einen Durchlässigkeitswert gemessen, der vergleichbar ist mit jenem einer herkömmlichen Hygienemaske. In den nächsten Tagen will er das vom Labor Spiez aber noch prüfen lassen.

Schon 700 Masken ausgeliefert

Neurologe Andreas Baumann hat die Stoffmaske mittlerweile während zwei langen Arbeitstagen getragen. Sie sei bequem, und er fühle sich sicher, sagt Baumann. Er empfiehlt sie Kollegen, aber auch Altersheimen oder Spitex-Angestellten, die keine andere Lösung finden.

Peter Hirschi hat bis gestern Abend 700 Stoffmasken ausgeliefert. Spitex-Anbieter haben sich bei ihm gemeldet, Ärzte, auch Firmen, die ihre Mitarbeiter schützen wollen. Schon bald, rechnet er vor, könnte seine Firma 3000 Stück pro Tag nähen. An ihm soll es nicht scheitern.

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