Medizin
Bericht rät von Brustkrebs-Tests ab - und löst grosse Empörung aus

Eine Expertengruppe aus Wissenschaftern und Ärzten rät von den systematischen Brust-Screenings zur Krebsvorsorge ab. Dies stösst auf heftige Kritik. Es sei unnötig, wie die Frauen verunsichert werden, sagt etwa Präventivmediziner Felix Gutzwiller.

Anna Wanner
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Brustkrebs ist die häufigste Krebsart bei Frauen. Jede achte Frau erkrankt daran; mehr als 1300 Frauen sterben jedes Jahr. Die Betroffenheit ist entsprechend gross. Fast jede Person kennt aus seinem näheren Umfeld einen Fall von Brustkrebs. Seit Jahrzehnten befasst sich die Politik mit Massnahmen zur Früherkennung. Denn je schneller ein Tumor entdeckt wird, desto eher kann er bekämpft und auch geheilt werden.

Beim Brustkrebs haben sich systematische Mammografie-Screenings als internationaler Standard durchgesetzt. Frauen ab 50 Jahren lassen sich dafür regelmässig ihre Brüste röntgen. Solche systematischen Screenings kennt die Romandie; auch St. Gallen, Graubünden und der Thurgau haben sie eingeführt. Die Kantone Bern, Tessin, Solothurn und die beiden Basel arbeiten noch daran.

Weil die restlichen Kantone untätig bleiben oder bewusst darauf verzichten, werden die Brust-Screenings auf nationaler Ebene gefördert. Die Nationale Strategie gegen Krebs sieht als Ziel bis 2017 vor, dass «alle Frauen in der Schweiz Zugang zu einem systematischen Screening-Programm mit gleich hoher Qualität haben sollen».

Mammografie: drei grosse Vorbehalte

Das Swiss Medical Board (SMB) hat sich mit Mammografie-Screenings zur Erkennung von Brustkrebs auseinandergesetzt. Im gestern veröffentlichten Bericht zieht es den Schluss, dass die Mortalität sinke, wenn sich Frauen über 50 regelmässig ihre Brüste röntgen lassen: So könne bei 1000 untersuchten Frauen im Laufe von zehn Jahren ein Todesfall verhindert werden. Allerdings sterben trotz Screening vier von 1000 Frauen noch an Brustkrebs. SMB-Präsident Peter Suter sagte der «NZZ am Sonntag», dass für eine Beurteilung die Nutzen den Nebenwirkungen gegenübergestellt werden müssen. Das SMB hat folgende Vorbehalte:
• Erstens bestehe eine Chance von vier Prozent, dass eine untersuchte Frau ein falsch-positives Ergebnis erhalte. Ihr werde also fälschlicherweise mitgeteilt, es sei ein Tumor entdeckt worden. Das führe zu psychischem Stress und einer möglichen Überbehandlung.
• Zweitens muss sich ein Krebsgewebe nicht zwingend in einen bösartigen Tumor umwandeln. Eine Frau kann unbeschwert damit leben, ohne dass der Krebs je ausbricht.
• Drittens können auch bei einer Mammografie nie alle Tumore erkannt werden. (wan)

«Frauen unnötig verunsichert»

Nun scheint ein Bericht des Swiss Medical Boards (SMB), der gestern veröffentlicht wurde, dem Unterfangen einen Strich durch die Rechnung zu machen: Die Expertengruppe aus Wissenschaftern und Ärzten rät nämlich von den systematischen Brust-Screenings ab.

In einer Medienmitteilung erklärt das SMB, dass sich die Sterblichkeit bei Brustkrebs mit Screenings «geringfügig senken» lasse: Von 1000 Frauen, die sich regelmässig untersuchen liessen, könnten einer bis zwei Todesfälle verhindert werden. Das sei zwar erwünscht. Doch der Schaden sei grösser als dieser Nutzen: Bei rund 100 von 1000 Frauen komme es beim Screening zu Fehlbefunden, die zu weiteren Abklärungen und zum Teil auch zu unnötigen Behandlungen führten (siehe Kasten).

Auf den Bericht hagelte es umgehend Kritik. Bei gleichem Forschungsstand komme das SMB zu grundlegend anderen Schlussfolgerungen als nationale und internationale Organisationen, schreibt der Verband Swiss Cancer Screening.

Auch Präventivmediziner Felix Gutzwiller ärgert sich über den Bericht: «Es ist unnötig, wie sich das SMB äussert und die Frauen verunsichert.» Das Problem sei nicht das Screening an sich, sagt der Zürcher FDP-Ständerat.

«Wir wissen, dass die Qualität der Untersuchungen in der Schweiz noch nicht überall stimmt.» Aber daran würden die Kantone und die Fachgesellschaften arbeiten. Doris Summermatter, Geschäftsführerin von Swiss Cancer Screening, legt noch einen drauf: Sie sagt, Kantone, die keine systematischen Screenings anböten, würden ihre gesundheitspolitische Verantwortung nicht wahrnehmen. «Denn ohne die Systematik fehlt auch eine Qualitätskontrolle. Gescreent wird trotzdem.»

Am falschen Ort gespart

Summermatter stellt infrage, ob die Experten des SMB über genügend Know-how verfügten. So sei die Forderung nach alternativen Präventionsmassnahmen «zynisch», sagt sie. «Die qualitätskontrollierte Mammografie ist die einzige Alternative.»

Auch Gutzwiller schickt die Kritik an den Absender zurück: Die Diskussion drehe sich immer um die falsch-positiven Befunde. «Mir fehlt der Aspekt, dass eine Mammografie ohne Befund sehr viele Frauen entlastet, wenn sie wissen, dass sie den häufigsten Krebs nicht haben.»

Darüber hinaus könne eine von 1000 untersuchten Frauen gerettet werden. Das sei eine gute Bilanz. «Wir geben für andere medizinische Leistungen viel mehr Geld aus, die höhere Kosten pro gewonnenes Lebensjahr verursachen», sagt Gutzwiller. Die Screenings zu reduzieren, sei am falschen Ort gespart.