Als vor zwei Wochen die Medienmitteilung verschickt wurde, ging ein Raunen durch katholische Reihen. Die Benediktinerinnen aus dem Kloster Fahr, so die Meldung, hatten sich nach eingehender Prüfung für einen Partner entschieden, der sie bei der Entwicklung und Bewirtschaftung der Annexgebäude und Betriebe entlastet. Auch finanziell. Dieser Partner ist eine Pensionskassen-Stiftung namens Prosperita.

Das Spezielle daran: die Prosperita, die ihren Sitz in Bern hat, wurzelt im freikirchlichen Milieu. Ihr Leitungspersonal hat diesen Hintergrund, und viele der angeschlossenen Unternehmen und Kirchen stammen aus diesen Kreisen.

Ihre Delegiertenversammlung 2018 beispielsweise hielt die «christlich-ethische Pensionskasse» in der Samsung Hall in Dübendorf ZH ab, beim International Christian Fellowship (ICF), einer evangelikalen Freikirche, der mitunter sektenhafte Züge zugeordnet werden.

Die Aargauer SP-Nationalrätin Yvonne Feri etwa staunt: «Evangelikale Freikirchen gehören doch nicht ins Kloster – oder passt das zur katholischen Lehre? Das passt etwa so gut zusammen wie das UBS-Sponsoring und die SP.»

Das Kloster Fahr ist eine Aargauer Exklave, es liegt bei Dietikon ZH. Administrativ gehört es zum Kloster Einsiedeln. Wie andere kirchliche Institutionen leidet Fahr unter Nachwuchssorgen und Finanzproblemen. Vor fünf Jahren musste die traditionsreiche Bäuerinnenschule schliessen. So suchten die Nonnen in einer öffentlichen Ausschreibung einen Partner «für die Entwicklung und zukünftige Nutzung der Annexgebäude und Betriebe in Ergänzung zum laufenden Renovationsprozess».

Überraschter Stadtverband

Etwa 20 Vorschläge gingen ein, so viele wie derzeit noch Schwestern im Kloster wohnen, und die Wahl fiel auf das Projekt «erfahrbar», das von Prosperita als Investor und zwei lokal verankerten Familien um EVP-Frau Julia Neuenschwander getragen wird. «Das Projekt ‹erfahrbar› realisiert modernes Generationenwohnen, mit christlicher Grundhaltung und klosternah», sagt die Priorin des Klosters, Irene Gassmann.

Selbst Spitzenleute in katholischen Verbänden machten grosse Augen, als sie hörten, dass Evangelische zum Zuge kommen. «Katholisch Stadt Zürich wurde vom Entscheid des Klosters Fahr überrascht», sagt beispielsweise Daniel Meier, der Präsident des Stadtverbands.

Priorin Irene hält fest: «Die katholische Landeskirche war über die Ausschreibung informiert, und es gab immer wieder Kontakt. Wir hätten uns gefreut, wenn vonseiten der katholischen Kirche Ideen und Projekte gekommen wären.»

Eine katholische Lösung scheiterte aber auch am Geld. «Weder die römisch-katholische Kirche im Aargau noch die Römischkatholische Zentralkonferenz RKZ verfügen über Mittel, um sich im Fahr zu engagieren», sagt RKZ-Präsident Luc Humbel. «Der Aargau ist mit dem eige- nen Bildungshaus Propstei Wislikofen, welches ebenfalls ein früheres Benediktinerkloster umfasst, gut unterwegs.»

Jedenfalls waren die Evangelischen aktiver. «Das Projektteam trat äusserst kompetent und begeistert auf – und es hatte grossen Respekt vor unserer Institution und dem Ort», sagt Priorin Irene.

In der ehemaligen Bäuerinnenschule sollen nun Mietwohnungen entstehen. Joel Blunier, Geschäftsführer der Prosperita und ehemaliger Generalsekretär der EVP Schweiz, sagt: «Wir planen 15 bis 18 Wohnungen. Die Mietpreise werden sich im normalen, aber moderaten Rahmen bewegen, denn als Pensionskasse müssen wir eine marktübliche Rendite erzielen.» Viele Mietinteressenten seien bereits vorhanden. Einen «tiefen zweistelligen Millionenbetrag» will Prosperita investieren, die neuen Partner der Nonnen werden auch den Gasthof betreiben und in die Landwirtschaft investieren.

Blunier will die Prosperita nicht als freikirchlich oder EVP-nah verstanden haben. Er legt Wert darauf, dass sie «eine ganz normale BVG-Sammelstiftung ist, in der die Risiken Alter, Tod und Invalidität versichert werden». Es gebe keine Verbindung zu ICF, ausser, dass dieser der BVG-Stiftung angeschlossen sei. Und: «Wir verfolgen als PK keine weiteren Ziele im Kloster Fahr», sagt Blunier.

Priorin gibt Entwarnung

Auch Priorin Irene beruhigt: «Die Prosperita ist eine christlich-ethische Pensionskasse. Stiftungsrat und Geschäftsführung haben allergrössten Respekt vor unserer katholischen Grundhaltung und der benediktinischen Lebensform. Die Prosperita investiert in ein Wohnprojekt mit christlicher, überkonfessioneller, ökumenischer Ausrichtung.

Selbstverständlich werden weder eine bestimmte Freikirche noch «die Freikirchen» insgesamt das Wohnprojekt prägen». Sie betont zudem: «Niemand übernimmt unser Kloster. Die Benediktinerinnengemeinschaft im Fahr wird unverändert weiterleben. Es geht einzig um Annexgebäude und Betriebe. Hier suchten wir Entlastung und Neubelebung.»

In katholischen Kreisen bleiben einige Bedenken, dass die Freikirchen zu starken Einfluss gewinnen. «Das Modell findet bei uns aber grundsätzlich Anklang», sagt Daniel Meier vom Stadtverband Zürich. Bei der Umsetzung des Vorhabens sei ja noch einiges offen. «Wir suchen deshalb das Gespräch mit der Schwesterngemeinschaft. Für die katholische Kirche Zürichs ist es jedenfalls wichtig, dass die enge Beziehung zum Kloster Fahr erhalten bleibt.»

«Für die kantonalen Landeskirchen stehen die Türen zur Zusammenarbeit offen», sagt Joel Blunier, der Geschäftsführer der Prosperita. Tatsächlich ist noch nichts in Stein gemeisselt. Das Projekt soll jetzt mit den zuständigen Behörden konkretisiert werden. Danach wird ein Vertrag, der auch die Dauer des Baurechts regelt, ausgearbeitet werden.