Stillstand

Bei den schlafenden Riesen: Das Coronavirus hat Opernhaus, Jungfraubahnen und den Zirkus Knie zum Stillstand gezwungen

Alles ruht: Zirkus Knie, Jungfraujoch, Opernhaus Zürich.

Alles ruht: Zirkus Knie, Jungfraujoch, Opernhaus Zürich.

Das ganze Land kennt sie, doch die Corona-Krise zwingt sie zum Stillstand. Was macht das mit dem Zirkus Knie, der Jungfraubahn, dem Zürcher Opernhaus?

Langsam geht es vorwärts, die Schweiz windet sich aus dem Lockdown. Coiffeure, Blumenläden und Baumärkte machen heute Montag wieder auf. Ein kleiner Schritt, aber ein bedeutsamer, weil er ein Signal sendet: die Normalität kommt zurück. Doch während sich vielerorts jetzt Perspektiven eröffnen, Pläne schmieden lassen, ist für manche noch fast alles offen. Das gilt gerade für Orte, die sonst vor Leben beben, Orte wie den Zirkus Knie, die Jungfraubahnen, das Zürcher Opernhaus. Schweizer Flaggschiffe mit langer Geschichte, die schon vieles erlebt haben, aber noch nie so etwas wie jetzt, wo sie sich in schlafende Riesen verwandelt haben. Drei Geschichten über den Stillstand.

Zirkus Knie: Balancieren auf dem Parkplatz

Es steht zwar gerade alles still, aber Diego Alejandro Balbin darf sich davon nicht anstecken lassen, sonst wird es gefährlich für ihn. Er muss in Form bleiben, das gilt für seinen Kopf, und es gilt auch für seinen Körper. Und so steigt Balbin auch an diesem Morgen aus seinem Wohnwagen und tritt auf einen staubigen Parkplatz. Stellt sich auf das Stahlseil, das sich gleich nebenan zwischen zwei Blöcken spannt, 30, vielleicht 40 Zentimeter über dem Boden.

Artist Balbin beim Training.

Artist Balbin beim Training.

Er setzt zuerst einen Fuss vor den anderen. Springt dann in die Luft. Schwingt später ein Springseil um die eigene Achse. Und stellt sich vor, wie es sich anfühlen würde, wenn er jetzt im Zelt des Zirkus Knie wäre. Hoch oben in der Luft. Unter sich die Gesichter der Zuschauer. Die bangen Blicke. Das Staunen. Schliesslich der Applaus, der ihm, dem Artisten, gerade am meisten fehlt.

50 Wagen, gestrandet auf einem staubigen Parkplatz in Rapperswil-Jona: der Zirkus in der Corona-Krise.

50 Wagen, gestrandet auf einem staubigen Parkplatz in Rapperswil-Jona: der Zirkus in der Corona-Krise.

Im Internet gibt es Videos von Balbin, er steckt in schicken, massgeschneiderten Kostümen, die Haare sind gegelt. Jetzt trägt er Trainerhose und ein T-Shirt, und vor dem Training steckt er eine Zigarette an. Im Gesicht stehen Barthaare, und Balbin blinzelt aus müden Augen in die Sonne.

Seit 17 Jahren reist er als Artist durch die Welt. Der Kolumbianer sich daran gewöhnt, jede Woche in eine neue Stadt zu kommen. Sie kennenzulernen, ein wenig zumindest. Und dann wieder zu gehen. Doch jetzt steht sein Wohnwagen seit Wochen am Rand von Rapperswil-Jona, einer kleinen Stadt in der kleinen Schweiz, und nicht einmal dorthin traut sich Balbin, das Virus, man wisse schon, sagt er. Und versucht ein Lächeln.

Neben Balbins Wohnwagen stehen noch viele weitere, um die 50 sind es, dicht drängen sie sich aneinander, hier und da sitzt vor ihnen jemand in der Sonne. Eigentlich sollte der Fuhrpark des Zirkus Knie gerade durchs Land rollen, die Generalprobe war Mitte März schon abgehalten. Aber dann kam der Corona-Lockdown. Letzte Woche hat der grösste und bekannteste Zirkus der Schweiz alle Vorstellungen bis Ende Juni abgesagt, und ob es dieses Jahres überhaupt noch losgehen kann, weiss niemand. 200 Zirkusleute – Zeltbauer, Tierpfleger, Artisten – sind zum Warten verdammt, und mit ihnen über 80 Tiere.

Neben dem Parkplatz liegen die Winterstallungen des Zirkus Knie. In einem Raum, den alle nur die Knie-Stube nennen, steht ein Sofa und eine kleine Bar. Dort hat sich Fredy Knie junior eingerichtet, der Patron des Zirkus. Und schaut durch eine kleine Fensterfront in die Trainingshalle, wo gerade Vollblut-Araber dressiert werden. Knie ruft hin und wieder ein Kommando in die Halle, er steht sonst auch dort, aber das geht gerade nicht. Knie ist ein Corona-Risikopatient, hat Diabetes und Bluthochdruck. Er trägt eine Maske, die er nur aus dem Gesicht zupft, wenn er etwas sagen will, das ihm besonders wichtig ist.

Patron Fredy Knie jr. in der Knie-Stube.

Patron Fredy Knie jr. in der Knie-Stube.

74 Jahre alt wird Fredy junior in diesem Herbst, er hat viel erlebt, so wie die ganze Knie-Dynastie, aber etwas wie Corona gab es noch nie, «es ist schlimm», sagt Knie, und: «dass ich das in meinem hohen Alter noch erleben darf». Dann lacht, er will Zuversicht verströmen, so gehört sich das als Chef. Ein wenig Hoffnung, sagt Knie, habe er sich bewahrt, vielleicht findet sich ja noch ein Weg, es gibt einen Plan für eine reduzierte Tournee.

Training für die Vollblut-Araber.

Training für die Vollblut-Araber.

Aber Knie sagt auch, er verfluche dieses Virus jeden Tag. Über Zahlen sprachen die Knies noch nie gerne, und so halten sie das auch in ihrer grössten Krise. Doch der Stillstand trifft sie hart, und schon jetzt, sagt Knie, stehe fest: Auf das Jahr 2019, in dem das 100-Jahre-Jubiläum das beste Ergebnis überhaupt brachte, folgte nun das schlimmste in der Geschichte des Zirkus.

Opernhaus Zürich: Aus dem Takt

Am Rand der Bühne des Zürcher Opernhauses, die in diesen Tagen leer und dunkel bleiben muss, liegt eine Jacht. Ein wenig sieht es aus, als sei sie dort gestrandet. Und in einem gewissen Sinn stimmt das auch. Sie ist eine Requisite für die Operette «Die Csárdásfürstin», die eigentlich gerade laufen sollte. Die Bühnenarbeiter waren an der Arbeit, als der Lockdown verhängt wurde. Jetzt liegt die Jacht unvollendet da. An einer Wand hängt noch der Bauplan. «So sollte eine Bühne nicht aussehen, niemals», sagt Andreas Homoki, der Intendant des Opernhauses.

1066 leere Sessel in samtrot: der Zuschauerraum des Opernhauses.

1066 leere Sessel in samtrot: der Zuschauerraum des Opernhauses.

Im Zuschauerraum, 1066 Sessel in samtrot, an der Decke ein gewaltiger Kronleuchter, hat seit Mitte März niemand mehr Platz genommen. Intendant Homoki, der seit der Spielzeit 2012/13 in Zürich wirkt, fehlen die Abende im traditionsreichen Saal. Die Musik, die Menschen. «Es wird Zeit, dass das zurückkehrt, dafür ist dieses Haus gebaut worden: für das Leben», sagt er.

Das Zürcher Opernhaus ist ein gewaltiger Betrieb, 700 Menschen teilen sich 450 Vollzeitstellen, es gibt ein Orchester und einen Chor, Bühnentechniker, eine eigene Kostümschneiderei und Theaterwerkstätten. Viele von ihnen haben nun kaum etwas zu tun und sind in Kurzarbeit. Die Künstler halten sich in Form, trainieren die Stimme. Die Schneiderei arbeitet vor. Gefordert sind derzeit vor allem die Leute im Ticketoffice. Sie erstatten Tickets zurück, buchen um. Der Spielplan des Opernhauses ist durcheinandergewirbelt worden. Und das ist ein noch weit grösseres Problem, als man es schon auf den ersten Blick vermuten würde.

Die Oper lebt davon, dass jeder Takt sitzt, und das gilt längst nicht nur während der Vorstellung. Mit drei, vier Jahren Vorlauf planen Intendant Homoki und sein Team die Spielzeiten, sie werden regelrecht komponiert. Nun fallen die Vorstellungen aus, mindestens bis zum 7. Juni noch, und realistischerweise, sagt Andreas Homoki, auch danach.

Im Opernhaus kämpfen sie jetzt darum, dass sich jahrelange Vorarbeit nicht in Luft auflöst - und mit ihnen hunderttausende Franken, die pro Stück schon investiert worden sind. In der Welt der hochklassigen Inszenierungen, in denen sich das Opernhaus bewegt, ist das eine Herkulesaufgabe. Regisseure, Sänger und Schauspieler werden lange im voraus gebucht, und wenn ein Stück nach 8 bis 12 Vorführungen wieder aus dem Spielplan verschwindet, ziehen sie weiter. Das nächste Haus, das nächste Stück.

Andreas Homoki und die anderen Verantwortlichen im Opernhaus können deshalb ihr Programm nicht einfach verschieben. Sie überlegen gerade fieberhaft, wie sie den Schaden in Grenzen halten können. Und wenn die Menschen in der Oper Masken tragen müssen, damit es bald weitergehen kann, dann ist das halt so, «wieso nicht», fragt Homoki.

Jungfraubahnen: Plötzlich Krise

Das Coronavirus war noch weit weg von der Schweiz, als Urs Kessler zu ahnen begann, dass da etwas auf ihn zukommt. Kessler ist der Chef der Jungfraubahnen, er hat sie in den letzten Jahren in neue Sphären katapultiert, mehr als eine Millionen Menschen kamen 2019 auf das Jungfraujoch, 53 Millionen Gewinn schrieb die Bahn - Rekord.

Das verwaiste Jungfraujoch.

Das verwaiste Jungfraujoch.

Kessler hat es geschafft, dass viele asiatischen Touristen die Schweiz nicht verlassen, ohne vorher auf dem Jungfraujoch gestanden zu haben. Er ist dafür oft unterwegs auf dem Kontinent, den Markt bearbeiten, auch im Februar dieses Jahres war das so. Auf der Reise sah er, wie sehr das Coronavirus die Länder dort schon beschäftigte. Nach seiner Rückkehr beschloss das Unternehmen Kosteneinsparungen. Schon zuvor, Ende Januar, als China Gruppenreisen verbot, hatte Kessler den Abbau von Überstunden angeordnet und die Hygienemassnahmen ausgebaut.

Mittlerweile sind zwei Drittel der 1000 Angestellten in Kurzarbeit, und bald könnten es noch mehr werden. Die Jungfraubahn fährt erstmals seit dem Ersten Weltkrieg keine Touristen mehr auf das Jungfraujoch, sie transportiert nur noch Personal und Güter, weil die Jungfraubahnen gerade ein gigantisches Projekt umsetzen: Den Bau der V-Bahn, 470 Millionen teuer. Sie soll die Touristen schneller und bequemer auf den Gipfel bringen. Mehr Kapazität für die Zukunft. Doch zuerst muss die Gegenwart gemeistert werden.

Vor ein paar Tagen stand Kessler oben am Berg im Zugsdepot, 30 Angestellte arbeiten dort normalerweise, doch nun ist das Depot fast verwaist, und das gilt für das ganze Jungfraujoch. Ein mulmiges Gefühl, sagt Kessler, sei das schon, und er schlafe schlechter als auch schon. Das Coronavirus hat ihn vom Erfolgs-, zum Krisenmanager gemacht, und das im Handumdrehen. Vieles liegt jetzt nicht mehr in der Macht von Kessler, dem Macher. Er hadert mit dem Virus und der Politik, von der er den Eindruck hat, dass sie «den Tourismus völlig vergessen hat».

Kessler hofft, dass sich das bald ändert, möglichst schon an Auffahrt, sagt er, wolle er mit einem Schutzkonzept wieder fahren. Er rechnet gerade, wie viele Gäste er transportieren muss, damit es sich lohnt, die Bahn wieder anzuwerfen. 2020 wird «ein Seuchenjahr», aber vielleicht wird es ja weniger schlimm als befürchtet. Eine Marktstudie hat gezeigt, dass 52 Prozent der Schweizer noch nie auf dem Jungfraujoch waren. Manager Kessler hat es sich zur Aufgabe gemacht, das heuer, wo viele im Land Ferien machen werden, zu ändern.

Autor

Dominic Wirth

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