Medizin
Ärzte geben zu, zu häufig zum Skalpell zu greifen

Erstmals räumen Ärzten und Pfleger ein, dass in ihren Spitäler zu häufig operiert wird, ohne dass dies medizinisch notwendig wäre. Zudem belegen statistische Daten: Zugenommen haben vor allem die lukrativen Operationen.

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Nicht immer stecken medizinische Gründe hinter einer Operation.

Nicht immer stecken medizinische Gründe hinter einer Operation.

Keystone

Die Ergebnisse einer Studie des Online-Vergleichsdiensts comparis.ch untermauern einen Befund, den die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) bereits im vergangenen Jahr gefällt hat: In der Schweiz wird häufiger als in anderen Industriestaaten operiert.

Stossend: Nicht steigende Bedürfnisse der Patienten erklären die hohen Operationszahlen, sondern „andere Faktoren“, so eine internationalen Studie, in der die OECD die Industriestaaten verglichen hat.

Unnötige Operationen

Nun bestätigen erstmals Fachleute, die sich in Schweizer Operationssälen auskennen, dass viele der Operationen medizinisch gar nicht notwendig sind. Insgesamt 350 Ärzten und Pflegekräften wurde die Frage gestellt: „Haben Sie das Gefühl, dass manche Operationen aus medizinischer Sicht nicht notwendig gewesen wären?“

Die Antworten fielen überraschend aus: 18 Prozent der Ärzte und damit fast jeder fünfte von ihnen bejahte diese Frage. Bei den Pflegekräften waren es sogar 24 Prozent.

Die Fachleute wurden von „Dr-ouwerkerk – just medical“ im Auftrag des Internetvergleichsdiensts comparis.ch befragt.

OP als Wirtschaftsfaktor

Damit bestätigt sich ein Trend hin zu mehr operativen Eingriffen aus wirtschaftlichen, statt medizinischen Gründen. Sogar Ärzteverbände haben eine OP-Inflation in den vergangenen anderthalb Jahren wiederholt kritisiert. So der damalige Präsident des Schweizerischen Orthopäden-Verbands, Bernhard Christen. „Es ist nicht abzustreiten, dass manchmal zu rasch eine Operation empfohlen wird“, sagte er im vergangenen Jahr in der „NZZ“. Aus wirtschaftlichen Gründen sei es «nur logisch, dass die Operationen auch in der Schweiz zunehmen werden».

Noch deutlichere Worte fand der damalige Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Chirurgie (SGC), Ralph Alexander Schmid: «Man macht den Patienten kränker, als er ist, um Leistungen zu generieren.»

Vor allem teure Eingriffe

Eine Auswertung des Bundesamts für Statistik zeigt, wohin das Geld floss: Zwischen 2003 und 2012 waren es vor allem Operationen, mit welchen sich viel verdienen lässt. So wurden 2012 fast doppelt so viele Personen wegen einer Knieprothese stationär behandelt wie 2003, nämlich 16‘966 gegenüber 8676. Ein Anstieg von beinahe 100 Prozent.

Gross war im selben Zeitraum auch der Anstieg von Operationen wegen Wirbelkörperverblockungen am Rücken. Die Zahlen wuchsen um 80 Prozent. Auch die stationären Behandlungen wegen Hüftprothesen nahmen im selben Zeitraum um 31 Prozent auf 21‘887 Eingriffe zu.

Experte rät zu Zweitmeinungen

Diese Inflation von Operationen belastet letztlich die Portemonnaies der Krankenversicherten, weil diese die medizinisch unnötigen Eingriffe mit ihren steigenden Prämien in der obligatorischen Krankenversicherung bezahlen.

Der Krankenkassen-Experte von Comparis, Felix Schneuwly, sagt: „Offensichtlich wird mit den menschlichen und finanziellen Ressourcen im Gesundheitswesen nicht haushälterisch umgegangen.“ Das sei besonders brisant aufgrund der Tatsache, dass die Spitalkosten die steigenden Ausgaben im Gesundheitssystem massgeblich verantworteten.

Was also tun? Schneuwly rät Patienten unbedingt, sich eine Zweitmeinung einzuholen, bevor sie einer Operation zustimmen. Die Krankenkassen bezahlen Arztbesuche für Zweitmeinungen. Allerdings sollten Ärzte, die eine solche Zweitmeinung formulieren, nicht wissen, wer die Erstmeinung verfasst hat. (dfu)

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