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Am Anfang der weltweiten Verteufelung des Hanfs stand ein Schweizer in den USA

Ein Schweizer in Amerika, Harry Jacob Anslinger, steht am Anfang der weltweiten Marihuana-Prohibition.

Ein Schweizer in Amerika, Harry Jacob Anslinger, steht am Anfang der weltweiten Marihuana-Prohibition.

Harry J. Anslinger war der Chef des Federal Bureau of Narcotics (FBN). Er führte einen lebenlangen Kampf für die Kriminalisierung von Hanf.

Einer der eifrigsten Eiferer gegen den Hanf war der «Schweizer» Harry J. Anslinger (1892-1975). Sein Vater war 1881 in die USA ausgewandert, weil er offenbar in der Schweiz keinen Militärdienst leisten wollte. Der «Secondo» Anslinger jr. machte in den USA Karriere, indem er die Nichte des Multimlliardärs Andrew Mellon heiratete. Sein Schwiegeronkel wurde dann 1930 Finanzminister der USA und holte Anslinger in seine Behörde. Zuerst sollte er mithelfen, die Prohibition durchzusetzen. Dann wurde er Chef des «Federal Bureau of Narcotics» (FBN), das Mellon in seinem Finanzdepartement gegründet hatte.

Reefer Madness (1936) - Original Version

Reefer Madness (1936) - Original Version

Das ist der original Trailer des Films Reefer Madness aus dem Jahre 1936. Das Ziel: Kiffen zu verteufeln.

1933 wurde die Prohibition in den USA wieder aufgehoben, aber Anslinger hatte längst einen neuen Feind entdeckt: den Hanf. Verschiedene Quellen geben an, dass Anslinger sich selbst in einem erbitterten Konkurrenzkampf sah mit J. Edgar Hoovers FBI. Dieses Büro war eigentlich für die Drogen und die damit verbundene Kriminalität zuständig. Unter Drogen verstand man vor allem Opiate wie Opium, aber auch Morphin, Kokain und das künstlich hergestellte Heroin. An Hanf (englisch «hemp») als Rauschmittel verschwendete damals niemand allzu viele Gedanken. Als Nutzpflanze erlebte Hanf gerade in den 30er Jahren einen Boom. Und als die Japaner die Philippinen besetzten, wurde es unverzichtbar für die Herstellung von Tauwerk. Denn der «Manilahanf» war nicht mehr erhältlich.

Hanf ist doch keine Killerdroge

Anslinger inszenierte eine rhetorisch geschickte Kampagne. Es galt, aus dem Cannabis eine gefährliche «Killerdroge» zu machen, damit es auch nach dem Alkohol etwas zu überwachen und zu bekämpfen gäbe. Aus Mexiko stammt das Wort «Marijuana», eine Zusammensetzung aus «Maria» und «Juana» (Johanna) - das Mittel sollte sogar als Aphrodisiakum gute Dienste leisten. «Hanf» - ist alltäglich und harmlos. «Marihuana» hingegen das klingt verrucht und gefährlich genug.

Ein bisschen Wissen übers Kiffen

Damit die Amerikaner auch erfuhren, wie gefährlich Marihuana ist, spannte Anslinger die Boulevardpresse ein. Er verschickte Rundschreiben an die Redaktionen, in denen er ersuchte, Horrorgeschichten über den «Marihuana-Wahnsinn» zu publizieren, um so das Phänomen auch dokumentieren zu können. Für die besten Storys gab es auch Preise.

Ende 1933 verabschiedete der US-Kongress den Cullen-Harrison-Act, der das Ende der Alkoholprohibition bedeutete. 1933 tauchten auch die ersten Schlagzeilen in kalifornischen Zeitungen auf. «Mörderkraut überall an der Küste gefunden - tödliche Marihuana-Pflanzen erntereif, um die kalifornischen Kinder zu versklaven!» titelte der Los Angeles Examiner am 5. November 1933.

Schock für Frankensteins Monster
«Es war das hysterischste Anti-Drogen-Wüten, das je veranstaltet wurde», fasst Buchautor Jack Herer Anslingers Kampagne zusammen. «Das Killer-Kraut mit den Wurzeln in der Hölle», so bezeichnete Anslinger Marihuana, einen seiner Artikel überschrieb er mit «The Killer of Youth» - «Der Mörder der Jugend». Marihuana sei so gefährlich wie eine «zusammengerollte Klapperschlange».

Seine Lieblingsaussage war: «Wenn Frankensteins abscheuliches Monster dem Monstrum Marihuana von Angesicht zu Angesicht gegenüberstünde, würde es vor Schreck umfallen.» Marihuana macht wahnsinnig, erzeugt Gewalt, schon nach ein paar Zügen verwandelt sich der Jugendliche in eine mordende und vergewaltigende Bestie. Anslinger war auch Rassist und weisser Suprematist. Er wetterte gegen den Jazz ("Negermusik") und hatte ernsthaft den Plan, die berühmtesten Jazz-Musiker der Epoche kollektiv "einzusammeln". Schwarze und andere Nicht-Weisse seien unter anderem durch Marihuana-Konsum degeneriert, deshalb gälte es, die weisse Jugend zu schützen.

Über Cannabis: Eher falsch oder eher wahr?

Die Wissenschaft weiss noch nicht recht, was THC in unseren Gehirnen wirklich anstellt. Über Wirkungen und Folgen das Kiffen hat, ist deshalb heftig umstritten. Prüfen Sie selbst, ob Sie mit Ihren Annahmen eher falsch oder richtig liegen.

Ist der Konsum von Hanfprodukten gefährlich?

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Quiz: Über Cannabis - Eher falsch oder eher wahr?

Nach seinem Tod sichtete man Anslingers sogenanntes «Archiv». Es enthielt rund 200 Horrorstories aus Boulevardzeitungen, als diese noch wirklich solche waren. Historiker haben recherchiert und befunden, dass 198 falsch oder schlichtweg erlogen waren. Darunter auch die, die er selbst verfasst hatte. Sein Paradebeispiel war der «Victor-Licita-Fall»: Der Jugendliche hatte in einem Akt von geistiger Umnachtung seine ganze Familie mit einer Axt ausgelöscht. Marihuana spielte dabei allerdings keine Rolle, der unglückliche Jugendliche war schwer schizophren und gewaltgeneigt - schon zuvor.

Anslingers Darstellung bildete das Basismaterial und Schema für den Film «Reefer Madness» (1937), in dem unschuldige, gut erzogene junge Amerikaner und Amerikanerinnen alle Abgründe der Kriminalität, Bosheit und Unmoral durchschreiten, kaum haben sie an Marihuana gerochen.

Fanatismus ist eine starke Triebfeder. Bei Anslinger vermutete man allerdings auch handfestere Motive: Die chemische (DuPont - Plastik und die NylonFaser) und die Papier- und Zeitungsindustrie (Hearst) fürchteten die Konkurrenz des Hanf für ihr Geschäft. Die zellulosereiche Hanf-Biomasse hätte sich gut für die Papierherstellung geeignet. Amerikas Wälder hätten auch profitiert. Henry Ford soll an einem Auto gewerkelt haben, dessen Karosserie aus einem Material bestand, das aus Hanffasern, Stroh und Sisal gefertigt wurde. Das Bio-Fahrzeug soll sogar den Knüppel-Text bestanden haben, Henry Ford persönlich prügelte auf den Blechersatz ein. 1941 präsentierte es Ford, es fuhr auch mit Hanföl und bestand zum grössten Teil aus Hanf. Aber dank der Marihuana-Kampagne blieb es beim Blech im Automobilbau.

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