Gewalt gegen Homosexuelle

Ältester Schwulenaktivist der Schweiz: «Ja, es gibt einen Backlash – Schuld ist die SVP»

Ernst Ostertag (89) kämpft seit über sechzig Jahren für die Rechte von Homosexuellen. (Bildquelle: watson)

Ernst Ostertag (89) kämpft seit über sechzig Jahren für die Rechte von Homosexuellen. (Bildquelle: watson)

Im vergangenen halben Jahr gab es vermehrt Meldungen über Angriffe auf Homosexuelle. Ernst Ostertag ist der bekannteste Exponent der Schweizer Schwulenbewegung. Er sagt: «Jetzt müssen wir wieder kämpfen.»

«Blick» vom 16. September 2019: «Dann traten die Angreifer näher, spuckten das Paar an und bewarfen es mit einem Feuerzeug. Als Luca B. aufstand und die Pöbler nach dem Grund für ihr aggressives Verhalten fragte, eskalierte die Situation. Sie antworteten: ‹Weil ihr schwul seid›. Kurz darauf flogen die Fäuste.»

«20 Minuten» vom 16. Juni 2019: «Ausgelassen feierten am Samstag Zehntausende in Zürich an der Gay Pride. Unter den Feiernden waren Micha F. und sein Mann. Auf dem Heimweg wurden die beiden jedoch kurz vor Mitternacht angegriffen. Angegriffen wurden sie, weil sie schwul sind, ist F. überzeugt. ‹Sie kamen von hinten, riefen «Schwuchteln! Seid ihr schwul??!» Und dann haben sie zugeschlagen.›»

NZZ vom 20. Mai 2019: «Beim Lochergut im Zürcher Stadtkreis 4 ist es zu einem tätlichen Übergriff auf einen Strassenstand von LGBT-Aktivisten gekommen. Der Verein Achtung Liebe hatte den Stand anlässlich des Internationalen Tags gegen Homophobie aufgestellt. Vier junge Männer warfen Flyer und Essen zu Boden, kippten den Tisch um und stahlen eine Regenbogen-Flagge.»

In der Schweiz werden Lesben, Schwule, Bisexuelle, Trans- und Interpersonen, kurz LGBTI-Menschen auch im Jahr 2019 noch bespuckt, beschimpft, beleidigt – und tätlich angegriffen. Bei der Schwulenorganisation Pink-Cross gehen durchschnittlich vier Meldungen pro Woche ein. In welchem Verhältnis diese Zahlen stehen, ist schwierig zu sagen. Eine nationale Erfassung der Gewalt an LGBTI-Personen existiert nicht.

Obige Beispiele zeigen darum nur die Spitze des Eisbergs. Denn weit nicht jeder Angriff schafft es in den Fokus der Berichterstattung. Und noch seltener werden die alltäglichen Beleidigungen und Anfeindungen gemeldet und publik gemacht. Wer wissen will, wie gross das Problem mit der Schwulen- und Lesbenfeindlichkeit in der Schweiz tatsächlich ist, kann sich also nicht auf Statistiken berufen, sondern muss andere Quellen zu Rate ziehen.

Einer, der sein Leben lang für die Rechte von Homosexuellen gekämpft hat, ist der 89-jährige Ernst Ostertag. Er tanzte in den 50er-Jahren durch die Nächte an den legendären Bällen der Schwulenorganisation «Der Kreis», er erlebte an eigenem Leib mit, wie die Polizei ab den 60er-Jahren in grossangelegten Razzien gegen Homosexuelle vorging und schliesslich waren es er und sein langjähriger Partner Röbi Rapp, die sich am 1. Juli 2003 als erstes gleichgeschlechtliches Paar in der Schweiz zivil trauen liessen.

Röbi Rapp (l.) und Ernst Ostertag am 1. Juli 2003 Stadthaus Zürich. (Bildquelle

Röbi Rapp (l.) und Ernst Ostertag am 1. Juli 2003 Stadthaus Zürich. (Bildquelle

Alles in allem gilt Ostertag als einer der wichtigsten und ältesten Exponenten der Schwulenbewegung in der Schweiz. Keiner weiss besser Bescheid, wie sich die Akzeptanz gegenüber Schwulen und Lesben in den letzten Jahrzehnten verändert hat.

Ostertag neigt den Oberkörper leicht vor, um dann seine Arme hinter dem Rücken zu verschränken und sie zwischen der Stuhllehne einzuklemmen. Er sitzt am Stubentisch in seiner Wohnung im Zürcher Seefeld. Seit dem Tod seines Partners Röbi Rapp im August 2018 lebt er hier allein. Er vermisst ihn schmerzlich, die beiden waren 62 Jahre lang ein Paar. Doch einsam ist Ostertag nicht, «die Community» schaut gut zu ihm. Und ausserdem ist da noch «sein Giovanni», mit dem Ostertag und Rapp 15 Jahre eine Dreierbeziehung führten. «Wir sind immer noch ein bisschen am Herausfinden, was diese neue Zweierkonstellation jetzt für uns bedeutet», sagt Ostertag.

Wache Augen hinter einem modischen, dunklen Brillengestell, roter Strickpullover über einem blau-weiss gestreiften Hemd mit gestärktem Kragen. Vor Ostertag auf dem Tisch liegen die Zeitungsartikel über die Angriffe auf Homosexuelle, die sich in den letzten sechs Monaten zugetragen haben. Er nickt stumm und schiebt die Papiere beiseite: «Ich kann Sie trösten. Heute ist man auf das Thema sensibilisiert. Wenn so was passiert, dann landet es ziemlich rasch in der Zeitung.»

Trösten? Dass ausgerechnet Ostertag die Journalistin trösten will, scheint paradox. Schliesslich kämpfte er sein Leben lang gegen Homophobie. Ist es da nicht beelendend, dass 2019 Menschen noch immer aufgrund ihrer sexuellen Orientierung angegriffen werden? Was hätte ein 25-jähriger Ostertag zu solchen Meldungen gesagt? Er lächelt verschmitzt: «Wissen Sie, ich mache mir keine Sorgen. Ich glaube sogar, dass das für uns heilsam ist. Jetzt wird wieder eine Gegenbewegung aktiviert. In den letzten Jahren haben zu viele von uns nur noch Feste gefeiert. Jetzt müssen wir wieder kämpfen.»

Kämpfen so wie früher. Während in Nazideutschland Schwule gejagt und in Konzentrationslager deportiert wurden, fungierte insbesondere Zürich als international bekannter Treffpunkt für Homosexuelle. Damals galt die Schweiz als vergleichsweise liberal: Seit 1942 war Homosexualität straffrei. Doch in den späten 50er-Jahren drehte der Wind. Zwei Morde im Schwulenmilieu mündeten in einer homophoben Stimmungsmache vonseiten Polizei und Presse. Homosexuelle wurden als perverse Triebtäter abgestempelt, ab sofort waren ihnen Tanzveranstaltungen untersagt, Razzien wurden durchgeführt und ein Schwulenregister aktiv ausgebaut.

Das junge Paar Röbi Rapp (l.) und Ernst Ostertag 1956. (Bildquelle: zVg)

Das junge Paar Röbi Rapp (l.) und Ernst Ostertag 1956. (Bildquelle: zVg)

Ostertag erinnert sich lebhaft an diese Zeit. Weil er Lehrer war, musste er seine Homosexualität verstecken. Trotz der liberalen Schweizer Gesetzeslage war damals ein schwuler Lehrer ein absolutes Tabu. Ostertag führte also ein Doppelleben, zeigte sich nur selten mit seinem Freund Röbi Rapp in der Öffentlichkeit. Waren sie zusammen unterwegs, gingen sie stets hintereinander. Wegen dem Versteckspiel wurde Ostertag auf der Strasse nicht angefeindet, auch Gewalt erfuhr er nie – bis zu dem einen Mal: «Die Polizei holte mich auf den Posten. Nach dem zweiten Mord holten sie alle, die sie kriegen konnten auf den Posten. Und irgendwie waren sie auch auf meinen Namen gestossen. Als ich aufmuckte, hielten sie mich fest und schlugen mich.»

Ostertag behielt die Homosexualität weiterhin geheim. Geoutet hat er sich erst nach seiner Pensionierung. 1999 nahm er zum ersten Mal an der Pride teil, später demonstrierte er zusammen mit seinem Röbi auf dem Bundesplatz für das Partnerschaftsgesetz. Das Paar trug ein Transparent auf dem stand: «Ein Paar seit 43 Jahren, rechtlos…» Und erst durch die Bekanntschaft zu dem Dritten im Bunde, dem halb so alten Giovanni Lanni im Jahr 2003, lernten Ostertag und Rapp auch in der Öffentlichkeit ihre Zuneigung füreinander zu zeigen. «Giovanni sagte uns: So jetzt küsst euch doch endlich mal! Und dann haben wir es gemacht», sagt Ostertag und lacht.

Röbi Rapp (l.) und Ernst Ostertag demonstrieren 1999 in Bern für das Partnerschaftsgesetz. (Bildquelle: zVg)

Röbi Rapp (l.) und Ernst Ostertag demonstrieren 1999 in Bern für das Partnerschaftsgesetz. (Bildquelle: zVg)

Heute könne er offen schwul leben, ohne ein Problem damit zu haben. «Alte Menschen lässt man viel durchgehen. Das ist ein Bonus und den nutzen wir aus.» Vieles habe sich verbessert, das sei klar. Inzwischen gebe es schwule Lehrer, lesbische Nationalrätinnen, bisexuelle-Postmitarbeiter oder Transpersonen, die bei den SBB arbeiten. «Aber ich habe immer gewarnt, schon damals beim Partnerschaftsgesetz: Jetzt ist der Wind gerade gut für uns, jetzt müssen wir weiterbohren. Die Geschichte bewegt sich in Wellen und bald wird es wieder weniger gute Zeiten für uns geben.»

Ostertag streicht das gelbe Tischtuch glatt. Neben ihm an der Wand tickt eine Uhr. Sein Blick schweift kurz ab, streift das aufgeräumte Wohnzimmer mit der Sofagruppe aus dunkelrotem Samt. Dann fasst er sich und wird deutlich: «Ja, wir erleben einen Backlash - und Schuld daran trägt die SVP.» Dreh- und Wendepunkt sei für ihn der 6. Dezember 1992 gewesen. Mit dem Nein zum EWR habe für die SVP eine neue Ära begonnen, die Ära Christoph Blocher. Er habe die Partei zu einer schlagkräftigen, konservativen Gruppe gemacht, die sich gegen Minderheiten und gegen Ausländer positioniere. Und die jedes Gesetz, das ein Fortschritt für die Homosexuellen bedeutet, ausbremse.

Ernst Ostertag in seiner Wohnung: «Weil es Hassreden gibt, die mit Meinungsfreiheit nichts zu tun hat, muss es einen Diskriminierungsschutz geben.» (Bildquelle: watson)

Ernst Ostertag in seiner Wohnung: «Weil es Hassreden gibt, die mit Meinungsfreiheit nichts zu tun hat, muss es einen Diskriminierungsschutz geben.» (Bildquelle: watson)

«Sobald nicht mehr der Konsens, sondern die Konfrontation im Vordergrund steht, sind es die Minderheiten, die unter Beschuss geraten. Das liegt an der Art des Denkens, an der Sprache und am Verhalten. Die Grenzen des Sag- und Machbaren werden neu ausgelotet. Das ist fatal», sagt Ostertag. Darum sei jetzt wichtig, dass «die Community» wieder politisch sei, dass messerscharf argumentiert werde, dass man sich verpflichte für das Engagement.

Der nächste grosse Stichtag wird der 9. Februar 2020 sein. Dann wird an der Urne über das neue Anti-Diskriminierungsgesetz abgestimmt. Es will die Rassismusstrafnorm so erweitern, dass künftig auch Hass und Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung unter Strafe steht. Ostertag schüttelt den Kopf und sagt: «Unsere Gegner sagen, die Meinungsfreiheit müsse geschützt werden vor diesem «Zensurgesetz».» Dabei gehe es doch gar nicht darum, dass die Meinungsfreiheit gefährdet, sondern dass sie missbraucht werde. Es sei keine Zensur. Sondern es gehe um Respekt und Achtung vor dem Mitmenschen. «Weil es Hassreden gibt, die mit Meinungsfreiheit nichts zu tun hat, muss es einen Diskriminierungsschutz geben. Hassreden führen zu Hasstaten und bis jetzt konnten Hassreden gerichtlich nicht bestraft werden.»

Zwei Wochen vor der Abstimmung feiert Ostertag seinen 90. Geburtstag. Anstatt einer grossen Party, die sich nur um ihn dreht, wünscht er sich eine Feier, die ganz im Zeichen des Abstimmungskampfes stehen soll. «Damit wir dann am 9. Februar einen Ja-Anteil von mindestens 60 Prozent erreichen können. Das wäre das schönste Geburtstagsgeschenk.»

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