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Abt Martin Werlen kritisiert Papst

Der Einsiedler Abt Martin Werlen ruft die katholische Kirche mit konkreten Forderungen zum Handeln auf. Laut Werlen hat der Pontifex den Ernst der Lage nicht erkannt.

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Christof Forster

Der einflussreiche Abt Martin Werlen geht in die Offensive. In seiner gestrigen Predigt in Einsiedeln kritisierte er den Papst: Dieser konzentriere sich in seinem Hirtenbrief ausschliesslich auf Übergriffe an Kindern und Jugendlichen. Das sei für Frauen, die von Priestern missbraucht wurden, «sehr schmerzhaft». Die Kirchenleitung in Rom habe den Ernst der Lage nicht erkannt, sagte Werlen gegenüber dem «SonntagsBlick». Auch in seiner Stiftsschule Einsiedeln kam es zu sexuellen Übergriffen.

Seine Kritik am Papst verband Werlen mit einer Reihe von konkreten Forderungen. Neu soll die Kirche grundsätzlich Anzeige erstatten, ausser das Opfer wehre sich ausdrücklich dagegen. In einem zentralen Register in Rom sollen straffällige Kirchenmänner vermerkt werden. Dies würde auf ein faktisches Berufsverbot für pädophile Priester hinauslaufen. Support erhält Werlen in dieser Frage von CVP-Präsident Christophe Darbellay.

Werlen drückt aufs Tempo und will die Vorschläge möglichst schnell an einer ausserordentlichen Sitzung der Bischofskonferenz diskutieren. Das scheint allerdings nicht nur aus terminlichen Gründen fraglich. Norbert Brunner, der Präsident der Konferenz, will das Vorgehen gegen pädophile Priester nicht verschärfen, wie er gestern in der Sonntagspresse sagte.

Am Samstag drückte Papst Benedikt XVI. in einem Hirtenbrief den Opfern sein tiefes Bedauern aus. Zu einer direkten Verantwortung des Vatikans äusserte sich der Papst nicht, ebenso wenig zu den jüngs-ten Missbrauchsfällen in der Schweiz, Deutschland und Österreich. Er mahnte lediglich deutsche Pilger auf dem Petersplatz in Rom, andere nicht vorschnell zu verurteilen: «Prüfen wir, ob wir den moralischen Massstäben, die wir anderen anlegen, auch selbst gerecht werden.»
Seiten 3, 6, Kommentar rechts