Flüchtlinge

80 Prozent der Flüchtlinge kommen mit Schleppern in die Schweiz

Das Geschäft der Menschenschmuggler boomt: Auch in der Schweiz dürften «Lastwagen mit versteckten Migranten» unterwegs sein. Die Drahtzieher bleiben unbehelligt. Eine neue Task-Force dürfte daran wenig ändern.

Polizisten und Grenzbeamte sitzen ihnen im Nacken. Doch gerade weil sie permanent flexibel und mobil sein müssen, gehen sie den Behörden kaum je ins Netz. Die Rede ist von Schlepperbanden. Laut einer Studie reisen 80 Prozent der Asylsuchenden mit ihrer Hilfe in die Schweiz ein – ein lukratives Geschäft.

Das Angebot reicht von Billig- bis zu Luxusschleusungen, auf dem Luft-, Land oder Seeweg. Je sicherer und komfortabler die Schleusung, desto höher die Kosten. Die Preise reichen von einigen hundert bis mehrere tausend Franken. Laut dem Bericht des Bundesamtes für Polizei (Fedpol) über gewerbsmässigen Menschenschmuggel gehen die Schlepper potenzielle Migranten in den Herkunftsländern gezielt über Zeitungsanzeigen, im Internet oder über Reiseagenturen an.

Viele Flüchtlinge überleben die gefährliche Reise nicht: Gegen 20 000 Menschen sollen in den letzten zwei Jahrzehnten an den Grenzen Europas ums Leben gekommen sein. Zu dieser tragischen Zahl müssen nun jene 71 Migranten gezählt werden, die diese Woche in Österreich am Rand einer Autobahn tot im Laderaum eines Lastwagens entdeckt worden sind. 

Taxi statt Lastwagen

Schlepper, die Migranten in Lastwagen nach Europa schmuggeln, verfügen nach Angaben des Fedpol meist über eine ausgesprochen umfassende Logistik und einen hohen Organisationsgrad. In der Regel werden die künftigen Asylsuchenden schon in der Türkei oder in Griechenland verladen und «direkt oder etappenweise via die Balkanstaaten nach Nord- und Westeuropa transportiert».

In der Schweiz gibt es bis jetzt mindestens einen bestätigten Fall: Im Januar 2014 entdeckten Beamte in Chiasso bei einer Handelswarenkontrolle auf der Ladefläche eines Lastwagens zwei Migranten. Bei einem zweiten Fall wurde zwar niemand gefunden, die Indizien sprachen aber laut Fedpol klar dafür, «dass sich im Hohlraum des Lastwagens für längere Zeit Menschen befunden hatten». Wann und wo diese abgesetzt worden seien, sei unklar. Die Wahrscheinlichkeit sei aber gross, dass bisher «mehr als nur ein Lastwagen mit versteckten Migranten auf schweizerischen Strassen» unterwegs gewesen sei.

Bei Schleusungen per Strasse setzen Schlepper nebst Lastwagen auf Personenwagen und Kleinbusse. Oft werden auch Taxifahrer angeheuert, um Migranten in die Schweiz zu bringen. Im Fall einer Kontrolle können diese behaupten, sie seien sich des illegalen Aufenthaltsstatus ihrer Fahrgäste nicht bewusst gewesen. Ebenfalls beliebt ist die Anwerbung von ahnungslosen Autofahrern über Mitfahrzentralen im Internet: Diese werden so unfreiwilligen zu Komplizen der Schleuser.

Neue Task-Force

Um tragische Fälle wie jene in Österreich zu verhindern, arbeiten die Schweizer Sicherheitsbehörden in Zukunft verstärkt mit den Nachbarländern zusammen. Fedpol-Vizedirektor Olivier Pecorini kündigte gestern in einem Radiointerview an, bald werde eine internationale Task-Force die Arbeit aufnehmen: «Wir werden versuchen, die Schlepper-Netzwerke zu identifizieren und zu vernichten.» Das Credo laute: erwischen, verhaften und verurteilen. Eine Fedpol-Sprecherin präzisierte auf Anfrage, die Gruppe sei schon vor einigen Monaten gegründet worden und stelle keine Reaktion auf das Drama von Österreich dar.

Die Federführung der Task-Force liegt bei der Staatsanwaltschaft und der Kantonspolizei des Kantons Tessin. Mit am Tisch sitzen aber auch das Fedpol sowie Vertreter der italienischen und der deutschen Polizei. Ob die Gruppe viel bewegen kann, ist fraglich: Das Fedpol selber schrieb vor einem Jahr in seinem Bericht, die Anzahl der verhafteten Schlepper im Verhältnis zur Zahl der aufgegriffenen Migranten nehme langfristig ab. Der Rückgang sei unter anderem darauf zurückzuführen, dass Schleusergruppierungen «vermehrt auf Dokumentenfälschung und andere Methoden zurückgreifen, die die legale Einreise oder den legalen Aufenthalt vortäuschen».

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