Erdbeben

5 bis 15 Prozent der Häuser sind bei einem starken Erdbeben einsturzgefährdet

Ein Maurer auf einer Baustelle. Die meisten Kantone haben erdbebensicheres Bauen heute im Baugesetz verankert.

Ein Maurer auf einer Baustelle. Die meisten Kantone haben erdbebensicheres Bauen heute im Baugesetz verankert.

Nicht nur in Italien, auch in der Schweiz verlassen sich Bauplaner darauf, dass «selten» nicht «bald» bedeutet. Denn: Nach zehn Jahren sind sie für Einstürze beziehungsweise für verdeckt gebaute Mängel, nicht mehr haftbar.

Fünfmal hat diese Woche in Chateau-d’Oex VD die Erde gezittert. Gespürt haben die Menschen diesmal nichts. Aber von den 35 kleinen Erdbeben, welche die Seismografen des Schweizer Erdbebendienstes seit Mitte Juli dort verzeichneten, hatten drei die Magnitude 2,5 oder mehr und waren sehr wahrscheinlich spürbar. Es geht was im Untergrund von Chateau-d’Oex. Auch in der Stadt Sion im Nachbarkanton gab es diesen Sommer viele Erschütterungen; kein Wunder, das Wallis ist die am stärksten erdbebengefährdete Region in der Schweiz.

Im europäischen Vergleich herrscht ein mittleres Erdbebenrisiko. Das heisst, starke Erdbeben wie jenes in Italien diese Woche sind hier seltener. Aber: Die Platten unter uns, welche die Alpen geformt haben, sind noch immer in Bewegung. «Das nächste Schaden-Erdbeben kommt», sagt Sven Heunert von der Erdbebenvorsorge beim Bundesamt für Umwelt (Bafu), «die Frage ist, wann und wo.»

Einige Bauingenieure hofften bei der Planung jeweils, dass es in den folgenden zehn Jahren kein schweres Erdbeben gibt – danach sind sie für Einstürze beziehungsweise für verdeckt gebaute Mängel, nicht mehr haftbar. Dann muss der Bauherr geradestehen. «Es gibt viele Gebäude, wo von aussen sichtbar ist, dass man die Erdbebensicherheit beim Entwurf nicht beachtet hat», sagt Heunert.

Bis Ende der 80er-Jahre war die Erdbebensicherheit in den hiesigen Bauvorschriften kaum ein Thema. Es galt: Ist ein Haus windsicher, genügt das für die horizontale Stabilität. «Seither gab es im Erdbebenschutz grosse Fortschritte», sagt Heunert, «aber wir haben noch Handlungsbedarf.» Denn 80 Prozent aller Häuser wurden vor 1989 gebaut. Gemäss Schätzungen sind 5 bis 15 Prozent bei einem starken Erdbeben (ab Stärke 5,5) einsturz- oder Teil-einsturzgefährdet.

Im Epizentrum kann jedoch das Beben heftiger sein. Um Häuser so gut zu sichern, dass sie selbst da nicht beschädigt werden, wäre der Aufwand unverhältnismässig. «Das Ziel bei der Erdbebensicherheit ist, Menschenleben zu retten», sagt Heunert. Ein Gebäude muss dem ersten Beben standhalten. Wenn es stark beschädigt ist oder ohne Bewohner bei Nachbeben einstürzt, ist das weniger schlimm.

Aushöhlen ist gefährlich

Obwohl es im Mittelalter noch keine Erdbebensicherheitsnormen gab, erfüllen Altstadthäuser meist eine Grundvoraussetzung: Wand ist über Wand gebaut. Kritisch wird es, wenn das Parterre ausgehöhlt wird, weil ein schönes Ladenlokal entstehen soll. Dann entsteht ein sogenannt weiches Erdgeschoss. Die Ersatz-Stützen tragen zwar das Gebäude, aber wenn sich die Erde darunter horizontal verschiebt, brechen sie ein.

Der Erdbeben-Simulator des Schweizerischen Erdbebendienstes

Der Erdbeben-Simulator des Schweizerischen Erdbebendienstes

Steif oder beweglich – das sind die zwei Möglichkeiten, ein Haus vor Erdbeben zu sichern. Entweder müssen gute Wände das ganze Gebäude mit dem Erdbeben bewegen können oder eine Grund-Isolation schützt vor den Bewegungen. Solche «Kissen» im Fundament sind sehr teuer, da auch Wasser- und Stromleitungen die Schnittstelle flexibel überwinden müssen. In Hochrisikogebieten wie Japan ist diese Bauweise verbreitet, in der Schweiz werden höchstens neuralgische Gebäude so gesichert wie jenes der Berufsfeuerwehr Basel-Stadt.

Beim Berner Bahnhof ist es noch immer kritisch: Dort könnte das Parkhaus bei einem starken Erdbeben auf die Perrons stürzen. Der verschachtelte Bau wird deshalb nächstes Jahr für 14 Millionen Franken saniert.

Architekt muss mitdenken

Bei Neubauten ist Erdbebensicherheit hingegen fast gratis. «Wenn das Risiko schon vom Architekten berücksichtigt wird, kosten die Vorkehrungen zwischen null und einem Prozent der Gesamtsumme», sagt Sven Heunert vom Bafu. «Wenn der Ingenieur kommt, werden die Massnahmen deutlich teurer.» Bei den Architekten sei das Bewusstsein zu wenig da. Brandschutz, Akustik und die Ästhetik haben Vorrang. Sind die Architekten bezüglich Erdbebensicherheit also ungenügend ausgebildet? «Ja», sagt der Fachmann, «zum Teil auch die Ingenieure.» An manchen Fachhochschulen würde Erdbebensicherheit bisher nur rudimentär behandelt.

Die meisten Kantone haben erdbebensicheres Bauen heute im Baugesetz verankert. Die kantonalen Bewilligungsbehörden müssten die Bauten aber auch überprüfen, findet Heunert. Er sagt es deutlich: «Solange es kein schweres Erdbeben gibt, wird auch nicht nach Schuldigen gesucht.» Im Wallis muss im Baubewilligungsverfahren ein Papier zur Erdbebensicherheit eingereicht werden. «Das hat Auswirkungen, dort sind die Beteiligten sensibilisiert.»

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