Kolumne

30 Jahre nach dem Ende des Kalten Krieges: Gibt es wieder eine Wende?

Was machen sich wohl Geschichtsschreiber, die in einigen Jahrzehnten zurückblicken, für einen Reim auf unsere Zeit?

Was machen sich wohl Geschichtsschreiber, die in einigen Jahrzehnten zurückblicken, für einen Reim auf unsere Zeit?

Über die Verwirrung der Gefühle beim Betrachten der Welt und der Medien

Zufällig zappte ich jüngst in eine TV-Sendung über vegane Ernährung. Es begegneten mir Menschen, die mich mit heiligem Eifer davon überzeugen wollten, nur der völlige Verzicht auf tierische Lebensmittel sei in der heutigen Welt noch zu verantworten.

Ich zappte weiter (nein, nicht degoutiert, bloss etwas irritiert) und landete bei SRF, wo (natürlich) gerade ein Werbeblock lief.

Es begegneten mir Männer, die auf glühenden Grillstäben rote, vollfett triefende Klumpen wendeten und mich verbal und nonverbal davon überzeugen wollten, echte Kerls fänden erst beim Zubereiten von Tierfleisch zu ihrer wahren Bestimmung. Alles andere ist Beilage.

Ich komme ins Grübeln. Ist, was mir da aus dem Bereich der Ernährung an Widerspruch serviert wurde, nicht geradezu sinnbildlich dafür, wie die (westliche) Gesellschaft mit ihren Zielen und Wertvorstellungen auseinanderdriftet?

Dass sich Geister scheiden, ist normal. Aber die Schroffheit, mit welcher sich heutige Lebensentwürfe gegenseitig abstossen, darf man getrost «Radikalisierung» nennen. Sie verheisst nichts Gutes für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Schlimm sind nicht die jeweiligen Lebensarten. Schlimm ist das Schlechtreden der anderen, verbunden mit missionarischem Umerziehungseifer. «Ich mache es richtig. Du machst es falsch. Mach es endlich so wie ich. Sonst bekämpfe ich dich.»

Es beginnt schon bei der Politik

Vom Essteller in die Weltpolitik scheint es ein weiter Weg. Und doch lassen sich Parallelen ausmachen. Wenn wir auf die (westliche) Welt schauen, sehen wir auf der einen, der rechten Seite: Renaissance des Nationalismus. Wut und Hass, die sich an allem Fremden entladen. Parteiprogramme, die mit dem Abbau von Demokratie liebäugeln. Auftrieb für Rechts-Parteien, auch in Ländern, die die Welt noch vor wenigen Jahrzehnten mit faschistischem Herrschaftsanspruch ins Elend gestürzt haben. Lauter Protest gegen eine Strafnorm, welche die Beschimpfung von Minderheiten, zum Beispiel Homosexuellen verbieten will (ja, auch in der schönen Schweiz). Ein ehemaliges Weltreich, das sich in die Isolation verabschiedet. Eine sogenannte Führungsmacht, die von einem frauenverachtenden Rabauken regiert wird und den lärmenden Egoismus zur Staatsmaxime überhöht.

Auf der anderen, der linken Seite werden wir gerade Zeugen einer länderübergreifenden, jungen Revolution. In ihrem Fokus steht, im Allgemeinen, die Art und Weise, wie die Elterngeneration in den letzten fünfzig Jahren mit der Welt und der Umwelt umgesprungen ist, und, im Besonderen, der Klimawandel. Es wächst in die Breite, was schon länger in kleineren Gruppen gegärt hatte. Doch leider, wie oft bei solchen Bewegungen, hängen sich nicht nur gute Menschen daran, die es gut meinen mit der (Um-) Welt. Auch auf dieser Seite gibt es Radikalisierung, Gewaltbereitschaft, Liebäugeln mit der Überwindung des «Systems», Hass, Intoleranz.

Aber nicht nur «die Welt» driftet auseinander. Nehmen wir eine kleine Grossstadt wie das rot-grüne Zürich, wo gerade Quartier für Quartier von einer «neuen Oberschicht» erobert wird, die sich gut verdienend, gut gebildet, velofahrend und vegan selbst verwirklicht. Auf der anderen Seite wälzen sich in keiner anderen Schweizer Stadt derart viele geländetaugliche, massenweise benzinsaufende Grosslimousinen durch die verstopften Strassen und besetzen zwei Parkplätze (weil einer zu schmal ist).

Wieder eine Wende? Doch wohin?

Wir feiern heuer ein kleines Jubiläum: 30 Jahre Wende. Das «Ende der Geschichte», wie vom japanischen Spin-Doctor Fukuyama nach 1989 prophezeit, kam dann doch nicht. Trotz praktisch geräuschlosem Implodieren des kommunistischen Ostblocks stockte der Siegeszug der liberalen westlichen Demokratie schon bald. Heute durchziehen ganz neue (zum Teil aber auch alte) Gräben die Länder, Gesellschaften und Systeme. Es geht dabei, immer noch, um Politik. Es geht aber auch, zunehmend, um Werte, um Weltsichten, um Lebensarten. Was machen sich wohl Geschichtsschreiber, die in einigen Jahrzehnten zurückblicken, für einen Reim auf unsere Zeit? Gibt es gerade wieder eine Wende? Doch wohin führt sie? Ins linke oder ins rechte Paradies? Sind unsere Gesellschaften noch gesund genug, um zu erkennen, dass alle Paradiesversprechungen in die Hölle führen? Dass Selbstverwirklichung nicht das einzige Ziel sein kann? Dass die widersprüchlichen Megatrends unserer Zeit, die Intoleranz, der durch «soziale» Medien zusätzlich angestachelte Hass in eine Sackgasse führen? Hoffen ist erlaubt.

Meistgesehen

Artboard 1