Turm zu Vals
«Wenn Remo Stoffel Druck ausübt, ist das für das Projekt nicht förderlich»

Wird der Immobilienunternehmer Remo Stoffel in Vals nicht weiter investieren, wenn die Stimmbürger der Bündner Gemeinde den Bau seines 381 Meter hohen Hotel-Turms ablehnen? Gemeindepräsident Stefan Schmid lässt sich nicht aus der Ruhe bringen.

Jürg Vollmer, watson.ch
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Initiant Remo Stoffel präsentiert sein Projekt
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So soll der 381 Meter hohe Turm in Vals aussehen
So soll der 381 Meter hohe Turm in Vals aussehen
So soll der 381 Meter hohe Turm in Vals aussehen
So soll der 381 Meter hohe Turm in Vals aussehen
In Vals soll ein 381 Meter hoher Turm entstehen

Initiant Remo Stoffel präsentiert sein Projekt

Keystone

«Mit der Therme Vals haben wir ja eine schöne Milchbüchlein-Rechnung gemacht», meint ein Valser kopfschüttelnd. Früher haben in Vals die «Meigga» (Mädchen) die Milchkannen vom Bauernhof geholt. Und wenn sie unterwegs «gchija» (umgefallen) sind und Milch verschütteten, dann füllten sie Wasser nach – verrechneten im Milchbüchlein aber den vollen Preis dafür.

Haben die Valser Stimmbürger genau eine solche Milchbüchlein-Rechnung genehmigt, als die Gemeindeversammlung am 9. März 2012 die Hotel und Thermalbad Vals AG dem Immobilienunternehmer Remo Stoffel verkaufte?

Ein Meisterwerk, das alle teuer zu stehen kommt

Die Therme Vals ist ein Meisterwerk. Der Bau von Architekt Peter Zumthor kostete 1996 allerdings 24 Millionen Franken, was die Möglichkeiten der Gemeinde mit nur 1000 Einwohnern weit überstieg. Vals übernahm zwar zwölf Millionen Franken und bürgte für zwei weitere Millionen. Für den Rest mussten Bund, Kanton, Graubündner Kantonalbank, Credit Suisse und die Schweizerische Gesellschaft für Hotelkredit aufkommen.

Als kurz nach der Eröffnung die Sängerin Janet Jackson das Video für ihren Song «Every Time» in der Therme Vals drehte, sprang der Puls der Valser nicht nur in die Höhe, weil die jüngste Schwester von Michael Jackson nackt war. Das Video versprach Glanz und Gloria. Die Ballade schaffte es aber nicht einmal ansatzweise in die Hitparaden und das Video verschwand in der Versenkung.

Nachhaltiger war da schon der Kulturpreis des Kantons Graubünden, den Peter Zumthor 1998 denn für sein architektonisches Schaffen erhielt, das sich «durch seinen hohen, kompromisslosen Qualitätsanspruch in formaler, gestalterischer und ideeller Hinsicht» auszeichne. Und die Bündner Regierung stellte die Therme Vals unter Denkmalschutz.

Stoffel bot 7,7, hat aber erst 1,7 Millionen gezahlt

Der Gemeinde nützten diese Auszeichnungen aber wenig: Als Vals die Therme und den nötigen Ausbau der Infrastruktur nicht mehr finanzieren konnte, suchte man nach einem Investor. «Die Therme war eine ausgelutschte, todgeweihte Braut, die niemand berühren wollte», formuliert es Remo Stoffel drastisch im Interview mit dem «Tages-Anzeiger».

Trotzdem bot Stoffel 7,777 Millionen Franken für die Hotel und Thermalbad Vals AG. Am 9. März 2012 entschieden die Stimmbürger darüber, ob sie an Stoffel oder an eine Gruppe um Architekt Peter Zumthor verkaufen wollen.

Der Ton an der Gemeindeversammlung war so gehässig, dass sich einige Valser seither demonstrativ aus dem Weg gehen – was im kleinen Bergdorf gar nicht so einfach ist.

Es fehlen noch: 6 Millionen

Überraschend stimmte die Gemeindeversammlung für den Investor Remo Stoffel, der in Vals geboren und aufgewachsen ist. Dieser muss im Gegenzug 50 Millionen Franken investieren, das alte Hotel renovieren und ein architektonisch hochstehendes neues Hotel mit 70 Zimmern bauen. Ausserdem muss Stoffel sechs Millionen Franken für eine Mehrzweckhalle bereitstellen, wenn die Gemeinde den gleichen Betrag dafür genehmigt.

Effektiv bezahlt hat Remo Stoffel seit 2012 von den 7,777 Millionen Franken Kaufpreis aber erst 1,777 Millionen. Am 20. Februar 2015 übergab die Gemeinde eine Vereinbarung zur geplanten Mehrzweckhalle an Stoffel. Seither hat Gemeindepräsident Stefan Schmid nichts mehr gehört. «Wir sind aber klar der Meinung, dass die Stimmbürger vor der Zonenplanrevision für den Turm über die Mehrzweckhalle entscheiden müssen.»

Im «Tages-Anzeiger» hatte Stoffel erklärt, dass ihm der Kanton vier Millionen Franken in Aussicht gestellt habe. Der Leiter des Amts für Wirtschaft und Tourismus in Graubünden sagt dagegen: «Bevor wir etwas unterstützen können, müssen wir wissen, was da überhaupt kommt.»

Das Turm-Projekt muss zuerst an die Urne

Ob und in welcher Höhe sich der Kanton beteilige, beschliesse die Kantonsregierung erst nach einer Abstimmung in der Gemeinde. «Ob der Turm gebaut wird, liegt also in den Händen der Valser.»

In Vals hat man aber noch nicht einmal einen Termin für die Gemeindeversammlung festgelegt. Dass sie noch in diesem Jahr stattfinden kann, ist gemäss Gemeindepräsident Stefan Schmid unrealistisch. Zudem entscheidet die Gemeindeversammlung nicht abschliessend über Stoffels Turm-Projekt, dazu braucht es eine Urnenabstimmung.

Im «Tages-Anzeiger»-Interview erklärte Remo Stoffel, wenn die Gemeindeversammlung die Zonenplanänderung für den Turm ablehne, «entzieht man mir als Investor das Vertrauen. [...] Die Valser müssen sich überlegen, ob sie den Turm wollen – oder was die Alternative ist». Er könne genauso gut am Dorfrand «ein Jumbo-Chalet neben dem anderen hinbauen».

Unter dem Turm liegen die Valser-Quellen

Der Valser Gemeindepräsident lässt sich von dieser Ansage nicht aus der Ruhe bringen. Er habe die nötigen Projektdaten für den Turm gerade erst erhalten. Und in diesen fehle unter anderem ein geologisches Gutachten zur möglichen Gefährdung der Quellschutzzone, wo das «Valser Wasser» gefasst wird.

Coca-Cola hatte 2002 für 190 Millionen Franken die Valser Mineralquellen AG gekauft und «wir gehen keinerlei Risiken ein, welche die hohe Qualität des Valser Wassers gefährden könnten», sagt Coca-Cola-Sprecher Patrick Bossart.

Wenn die Valser den Turm nicht wollen ...

Die Valser brauchen Zeit, um über den Turm entscheiden zu können, erklärt Gemeindepräsident Stefan Schmid. «Wenn Remo Stoffel Druck ausübt, ist das der Sache sicher nicht förderlich. Als Valser sollte er das wissen.»

Und Stoffel könne Vals auch nicht einfach den Rücken kehren: «Wenn die Valser den Turm ablehnen, müsste Stoffel das Projekt abändern, wenn er nicht vertragsbrüchig werden will», betont der Gemeindepräsident.