Sprayer
Was oft verpönt ist, ist jetzt erwünscht

Meist entstehen sie über Nacht – die Graffitis. In Burgdorf aber sind zurzeit sechs junge Männer legal am Spraydosen schütteln und Wand bemalen.

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Graffiti-Künstler

Graffiti-Künstler

Solothurner Zeitung

Katharina Schwab

Seit einigen Wochen besprayen am Wochenende und teilweise auch an den Abenden junge Männer die Wand der Sporthalle Lindenfeld in Burgdorf. Dies nicht illegal, sondern von der Stadt genehmigt. Desan, ein Sprayer aus Burgdorf, hat sich seit Jahren für eine legale Wand zum Bemalen eingesetzt. Nun können die sechs jungen Männer aus der ganzen Schweiz ihrer Fantasie freien Lauf lassen, wobei das Sujet schon steht.

«Bei einer so grossen Wand, ist es wichtig, dass man gut vorbereitet ans Werk geht», sagt Jones, ein Sprayer aus Aarau. Die Wand ist sieben Meter hoch und 30 Meter breit. So eine grosse Fläche habe ihnen noch nie zur Verfügung gestanden.

Viel Teamwork

Um Ideen zu sammeln und sich gut vorzubereiten, sind sie alle im Vornherein zusammen gesessen, haben sich beraten über Sujets und zusammen skizziert, bis sie sich einig waren. Auch das Sprayen wird im Team erledigt. So treffen sich die Sprayer an den Wochenenden, um gemeinsam am Werk zu arbeiten. Ausser am letzten Samstag. Da regnete es.

Normalerweise sprayen sie in Zürich und Umgebung, da es dort mehr legale Wände gebe. Desan hat schon immer gern gezeichnet. Als er mit dem Zug zur Schule pendelte, wurde er das erste Mal mit Graffitis konfrontiert, fand es «cool» und fing an zu üben. Alle von ihnen haben illegal angefangen zu sprayen. An Schulhäusern, unter Brücken, an Gebäuden.

«Schliesslich hat fast niemand eine Wand im Garten stehen, wo er üben kann», sagt Desan. Um die richtige Technik mit der Spraydose zu lernen, sei Übung sehr wichtig. In Nacht- und Nebelaktionen sind sie ans Werk gegangen und haben zig Wände versprayt. Das machen sie heute nicht mehr. Aber wo liegt der Reiz im Bemalen von legalen Flächen? «Man hat Zeit, um die Details auszuarbeiten», sagt Malik, der schon seit 17 Jahren sprayt.

Bild soll Referenz sein

In der Sprayerszene kennt man sich - in letzter Zeit vor allem dank des Internets. Desan und seine Jungs stellen denn auch ihre Bilder ins Netz. So wurden sie schon angefragt, im Ausland zu sprayen. «Das Internet ist eine Art Partnerbörse», witzelt Malik. Es beeinflusse den Stil massgeblich, sind alle überzeugt.

Die Millionen von Graffitis auf dem Netz kann alle Welt anschauen, teilweise kopiere man sicher unbewusst. Trotzdem: «Ein eigener Stil ist das Nonplusultra - ohne ihn wird man nicht ernst genommen», so Malik.

Vordergründig geht es ihnen nicht um das Geld, «aber wer möchte nicht von dem leben, was er am liebsten macht», sagt Desan. Deshalb soll das fertige Bild an der Sporthalle auch eine Referenz sein, um andere Aufträge an Land zu ziehen. Aber momentan geht es noch darum, die 444 Dosen leer zu sprayen, damit die Wand pünktlich am 8. August eingeweiht werden kann. Denn obwohl die Umrisse schon gut erkennbar sind, liegt noch eine Menge Arbeit vor den Sprayern.

Es bleibt Strassenkunst

«Die Spraydose ist lange nicht ernst genommen worden», sagt Malik. Aber seit Graffitis auch auf Titelseiten von Kunstzeitschriften zu sehen seien, habe es sich gebessert. Trotzdem bleibe es Strassenkunst - eben Kunst für alle und jeden. Was sagen sie den Menschen, welche die Bilder als Schmierereien beschimpfen? «Es gibt sicher Beispiele, über die man sich ärgern kann, die schlecht ausgeführt wurden», so Desan, «aber man sollte denen, die sich Mühe geben, auch die Möglichkeit bieten, sich zu präsentieren.»

Hier an der Wand der Sporthalle Lindenfeld in Burgdorf haben sie dazu die Möglichkeit. Sie sind sich allerdings bewusst, dass es vorkommen kann, dass einmal jemand darüber sprayen könnte. «Das würde natürlich nerven», sagt Desan. Denn normalerweise hätten Sprayer untereinander grossen Respekt.

Wie kommen sie eigentlich auf die Sujets? Auf Ideensuche müssten Sprayer nicht gehen, «Ideen habe wir so oder so», weiss Malik aus Erfahrung. Es gehe darum, Gedanken zu karikieren, damit auch der Rest der Bevölkerung angesprochen werden könne. Das wollen sie auch mit dem Bild an der Sporthalle. «Es soll gesamthaft für sich stehen und sowohl Schüler wie auch Erwachsene ansprechen», so Desan. Was es wird, bleibt bis zur Einweihung jedoch streng geheim.