Andere Welt

Warum ich Japan auch nach drei Monaten nicht verstehe, überhaupt nicht

Zwei Maids präsentieren Snacks mit dem Abbild des Premierministers.

Zwei Maids präsentieren Snacks mit dem Abbild des Premierministers.

Japan ist ein hochentwickeltes Land. Mit einer Kultur, die uns fremder nicht sein könnte. Sie zu verstehen, ist fast unmöglich. Es zu versuchen aber amüsant, schockierend, verwirrend.

1. Abschliessbare Schirmständer

In Tokio ist im Sommer Regenzeit und kaum jemand verlässt die Wohnung ohne Schirm. Schirme sind transparent in Japan. Nicht schwarz. Und für Schirme gibt es Schirmständer vor jedem Laden, die abschliessbar sind sowie Automaten mit Plastikschutzhüllen, damit die Schirmträger mit dem Schirm nichts nass machen. Japaner sind aber auch bei Sonnenschein mit Schirm unterwegs, diese sind allerdings farbig. 

Abschliessbarer Schirmständer.

Abschliessbarer Schirmständer.

Die Schirme sind in Japan oft durchsichtig.

Die Schirme sind in Japan oft durchsichtig.

2. Keine Strassencafés

Japaner schützen sich vor Sonne. Sie wollen auf keinen Fall einen Teint bekommen. Sie tun das, wie gesagt, mit Schirmen oder gehen gar nicht erst an die Sonne. Strassencafés gibt es deshalb wenige. Das Leben findet drinnen statt. Hinter Schiebetüren und beschrifteten Tüchern. Vieles spielt sich in Japan im Verborgenen ab ...

3. Rosen fotografierende Männer

... oder in Parks. Vor allem an den Wochenenden. Diese sind dann voll mit Menschen. Und diese Menschen stehen stundenlang vor Blumen und Bäumen. Ganz nahe. Und betrachten diese. Männer mit riesigen Objektiven, die Rosen fotografieren, sind Normalität. 

4. Hunde in Kinderwagen

Fast alle Städter haben einen Hund. Einen kleinen Hund. Diesen führen sie nicht spazieren, sie schieben ihn in einer Art Kinderwagen für Hunde vor sich her. Oder sie speisen in Restaurants, in denen Hunde willkommen sind. Dort gibt es eine eigene Speisekarte für den Hund, er darf auf dem Tisch essen und auf dem WC gibt es eine Hundeseife. Öfter beobachtete ich, wie ein hippes Paar mehr mit dem Hund als miteinander redete. Zudem kauten sie ihrem Tier das Essen vor. Selbstverständlich wird der Liebling regelmässig in den Hunde-Salon geschickt. 

Gassi-Gehen auf japanisch.

Gassi-Gehen auf japanisch.

5. Hündeler mit Giesskanne

Japan ist sauber, Tokio ist sauber, Hündeler sind sauber. Gleich neben mir wohnte ein älteres Paar, das sein Hündchen regelmässig spazieren führte. Und das geht so: Er mit dem Hündchen voraus, sie in einem Abstand von vier Metern dahinter. Macht der Hund ein grosses Geschäft, putzt er feinsäuberlich auf. Uriniert das Tier, entfernt sie die Rückstände mit einer Giesskanne. Diese hat sie immer bei sich. 

6. Chiropraxen für Katzen

Die Liebe zu Haustieren kennt keine Grenzen. Ein Katzen-Chiropraktiker gehört fast schon zum Alltag. Dort soll der geliebte Vierbeiner einfach einmal entspannen können. Katzen, die an Leinen spazieren geführt werden, waren in meinem Quartier in Tokio keine Seltenheit. 

7. Katzen-Cafés

Es gibt sie nicht nur im Reiseführer, sie existieren wirklich; die Katzen-Cafés. Das sind Orte, wo zugegebenermassen Touristen, aber tatsächlich auch Einheimische hingehen, um Katzen zu streicheln. Im Café, das ich besuchte, waren 17 Katzen anwesend. F

Ein Katzen-Kaffee.

Ein Katzen-Kaffee.

ür umgerechnet zehn Franken durfte ich eine halbe Stunde im Café bleiben. Rasch scharten sich die Tiere um mich, einen Tee gab es gratis dazu – mit dem Vermerk, es könne nicht garantiert werden, dass es keine Haare drin habe. Bier kostet extra. Jede weitere halbe Stunde ebenfalls. Es lag ein Katzen-Album auf mit Fotos und Namen der anwesenden Katzen. Ähnliche Cafés gibt es mit Welpen, Eulen oder Hasen. 
Eine Maid verpasst einem Kunden eine Fussmassage.

Eine Maid verpasst einem Kunden eine Fussmassage.

8. Maid-Cafés

Die Maid-Cafés, auch Cosplay-Restaurants genannt, dürften einigen bekannt sein. Viele befinden sich im Stadtteil Akihabara in Tokio. Die Kellnerinnen bedienen im Dienstmädchenlook. Speisen und Getränke werden auf den Knien serviert, der Kaffee vor den Augen des Gastes gerührt. «Willst du nur essen oder auch spielen?», fragte mich meine Bedienung. Mit «spielen» ist zum Beispiel eine Runde «Vier gewinnt gemeint». Dies tat ein Japaner am Tisch neben mir. Nach der Partie posierte er für ein Polaroid-Foto mit seiner «Dienerin». Das kostet extra, eine Widmung und eine Zeichnung auf dem Foto gehören dann aber dazu. Meine Kellnerin zeichnete eine Katze auf das Foto. Bevor sie abdrückte, musste ich «Miau» sagen. Das Pendant für Frauen heisst Butler Café. Dort bedienen junge Männer in Anzug die ausschliesslich weibliche Klientel.

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9. Hostessen-Bars

Hostessen-Bars gibt es mit verschiedenen Angeboten. Der Kunde bezahlt Eintritt, mindestens 3000 Yen (nicht ganz 25 Franken). Dafür darf er mit den anwesenden Frauen reden und ihnen teure Drinks spendieren. Dass es wirklich beim Reden bleibt, bewies mir ein Besuch in einer Hostessen-Bar mit einem japanischen Arzt. Er wollte mir unbedingt die Geheimnisse des japanischen Nachtlebens zeigen. Kurz nachdem wir uns in der Bar setzten, brachte ein Kellner eine Flasche Sake. An dieser war eine Kette angebracht mit einem Messing-Täfelchen. Darauf stand der Name des Arztes. Er sei Stammkunde hier, zweimal pro Woche besuche er die Bar. Zwei junge Frauen setzten sich zu uns, die eine sprach ihn mit einem Kosenamen an. Wir redeten und tranken, die Frauen machten dem Arzt Komplimente. Ein Besuch in dieser Bar sei für ihn Seelenmassage, verriet mir der Arzt. Um zwei Uhr verliessen wir das Lokal. Er verabschiedete sich und nahm ein Taxi, das ihn nach Hause, zu seiner Ehefrau brachte. 

10. Grabsch-Bars 

Tokio und weitere japanische Grossstädte haben ein Problem mit Grabschern in der Metro. Im dicht gedrängten Pendler-Verkehr bedrängen so viele Männer Frauen, dass es Tafeln gibt, die zeigen, wo man die Hände nicht hinhalten soll. Ausserdem gibt es Metro-Wagons ausschliesslich für Frauen. Die absurdeste Art das Problem zu lösen, sind aber ohne Zweifel Grabsch-Bars. Das sind Lokale, die aussehen wie Metro-Wagons. Die Männer zahlen Eintritt, um sich in einen solchen zu quetschen. Drinnen dürfen sie ganz legal Frauen begrabschen, die dann vorgeben, überrascht und verärgert über die Grabsch-Attacken zu sein. Wie viel solche Frauen verdienen und warum sie das tun, habe ich nicht herausgefunden. Wie so oft hiess es am Eingang, ohne mit der Wimper zu zucken: «Japanese only». Auch für Reporter. Vieles im japanischen Nachtleben bleibt den Japanern vorbehalten. 

11. «Japanese only»

Nicht nur vor Clubs oder in exquisiten Restaurants heisst es immer wieder «Japanese only». Wer nicht fliessend japanisch spricht, kann auch im ganz normalen Alltag abgewiesen werden. So durfte ich zum Beispiel nicht mit einem Schnellboot mitfahren. «Voll», sagte mir der Ticketverkäufer. Ich sah die halbleere Fähre auslaufen und wartete auf ein viel langsameres Boot, auf dem auch Touristen geduldet wurden. Da die japanische Gesellschaft sehr auf Homogenität setzt, ist sie gegenüber ethnischen oder sonstigen Unterschieden generell intolerant. Auch Ausländer (Gaijin) sind von Diskriminierung betroffen. Das kann soweit führen, dass selbst Japaner, die eine längere Zeit im Ausland lebten und wieder nach Japan zurückkehren, diskriminiert werden.

12. Love Hotels 

In Japan sind Love Hotels – eine Art Stundenhotel – verbreitet. Die meisten Besucher sind Studenten und Schüler, die bei ihren Eltern wohnen und für kurze Zeit Privatsphäre suchen. Zudem kommen verheiratete Ehepaare in solche Hotels, die in hellhörigen Wohnungen wohnen. Viele Love Hotels bieten Zimmer an, die thematisch gestaltet sind. Zum Beispiel im Las-Vegas-Stil. Oder Zimmer, die aussehen wie Raumschiffe. 

13. Niemand telefoniert in der Metro

Während die Männer in der Metro grabschen, was das Zeug hält, halten sie sich strikt an eine andere Regel: In den Zügen wird nicht telefoniert. Und tatsächlich tut dies niemand. Zwar hängen alle am Handy, allerdings nur, um Kurznachrichten zu schreiben, Serien zu schauen, zu gamen oder Musik zu hören. Niemand telefoniert und die Wenigsten reden. 

14. Schwer zu beschreibende Ruhe

Tokio ist eine der grössten Metropolen der Welt. Es gibt alles ausser Platz, und überall sind Menschen. Täglich drängen sich gewaltige Massen in Metros und Züge, frequentieren riesige Bahnhöfe, in welchen es unzählige Restaurants und Bars gibt. Beim Bier trinken können die Japaner auch mal laut werden, ebenso beim Karaoke singen. Sonst aber verhalten sie sich äusserst ruhig und diszipliniert. Fast niemand spricht in der Metro und auch nicht auf der Strasse. Sobald man sich wegbewegt von den grossen Verkehrsachsen, herrscht da überall diese schwierig zu beschreibende Ruhe. Kein Geschrei, leere Balkone, leise Hybriden, Klimaanlagen, die nicht surren, nur das «Tocktock» der Highheels von Pendlerinnen nimmt man wahr. Oft stand ich mitten im Gewühl und da war nichts als Ruhe. 

15. Jede Station hat ihren eigenen Sound

Beinahe jede Metro- und Bahnstation hat ihren eigenen Klang. Das können Vogelgezwitscher, Kuckucks-Laute oder abgespacte elektronische Melodien sein. 

16. Übermüdete Gesellschaft 

Kaum ein Volk arbeitet so hart und so lange wie die Japaner. Die meisten sechs Tage pro Woche bei wenigen Tagen Ferien. Aufgrund der extremen Identifizierung mit der eigenen Firma vernachlässigen einige Angestellte die Bedürfnisse ihres Körpers. Zudem schlafen sie zu wenig. Inemuri, kurze Nickerchen, zum Beispiel in der U-Bahn oder bei öffentlichen Veranstaltungen, sind ein Phänomen, das daraus entstanden ist.

17. Hightech-Toiletten

Toiletten sind in Japan nicht einfach Toiletten. Die meisten sind hochentwickelte Hightech-Geräte. Die Toilettenbrille ist auf Körpertemperatur beheizt, eingebaute Bides zur Intimpflege sind Usus. Dabei ist die Wassertemperatur und der Druck wählbar. Oft ist im Toilettensitz ein geruchsfilternder Lüfter eingebaut, Luftabzugvorrichtungen im Becken sind keine Seltenheit. Zudem gibt es, vor allem in kleinen Restaurants oder in engen Hotelzimmern, einen Geräusche-Knopf. Dieser soll die üblichen Geräusche einer WC-Sitzung übertönen und für etwas mehr Privatsphäre sorgen. 

18. 17-Uhr-Melodie

Die Japaner können fast überall beschallt werden mit Lautsprecheranlagen. An vielen Orten erklingt am Mittag und um 17 Uhr eine Melodie. Dieses System kann auch dazu genutzt werden, auf Gefahren oder auf lokale Veranstaltungen hinzuweisen. Auf der winzigen Insel Aka etwa gaben die Behörden über eine solche Anlage durch, dass alle Hunde zum Impfen gebracht werden müssen. 

19. Keine Abfalleimer 

In Japan, selbst in einer Grossstadt wie Tokio, gibt es fast keine Abfalleimer. Und trotzdem wirft niemand auch nur ein Papierschnipsel auf den Boden. Japans Strassen und Bahnhöfe sind extrem sauber. Es gehört zur Kultur, den Müll nach Hause zu nehmen und dort zu entsorgen. So wurde mein Rucksack während meiner Japan-Zeit zu einem Zwischenmüll-Depot. 

20. Wenig Tätowierte

Auch wenn es unter den Jungen immer mehr Tätowierte gibt, Tattoos sind in Japan im Vergleich zu westlichen Ländern immer noch eher eine Seltenheit. Dies hat damit zu tun, dass Tätowierungen oft mit Yakuza in Zusammenhang gestellt werden – der «japanischen Mafia». Lange waren sie die einzigen, die sich tätowieren liessen. So ist es auch heute noch so, dass Personen, auch Touristen, mit Tätowierungen nicht in Badehäuser oder Schwimmbäder gelassen werden. 

21. Obdachlose ziehen die Schuhe aus

In Parks oder unter Brücken stehen oft Wägelchen, auf denen Kartons, Blachen und auch Zelte feinsäuberlich aufeinander gestapelt sind. Abends beobachtete ich öfter, wie Männer in Anzügen zu diesen Wägelchen kamen, ihr Zelt, das ihr Zuhause ist, aufbauten, einen Karton davor legten, die Schuhe auszogen und sich danach schlafen legten. In Japan legen selbst Obdachlose Wert auf Ordnung, zahlreiche von ihnen haben Jobs, können sich aber keine Wohnung leisten. 

22. Niemand geht bei Rot über die Strasse

Die Japaner sind in diesem Sinne ziemlich obrigkeitsgläubig. Auch an einem Fussgängerstreifen einer noch so kleinen Nebenstrasse, wo weit und breit kein Auto zu sehen oder zu hören ist, geht kein Japaner bei Rotlicht über die Strasse. Auf die Frage, warum man sich so strikt daran hält, erhielt ich oft die Antwort. «Irgendwann hat jemand diese Regel aufgestellt und er hat sich wohl etwas dabei überlegt. Deshalb halten wir uns schlicht daran. Gegenfrage: Warum brecht ihr diese Regel so oft?»

23. Nasenschleim hochziehen

In Japan wird es als unhöflich erachtet, wenn man sich die Nase laut putzt. Das «Hochziehen» des Nasenschleims hingegen ist üblich. Die Nase sollte man sich unbeobachtet putzen, beispielsweise in einer der öffentlichen Toiletten.

Ich werde Japan nie ganz verstehen, es bleibt ein unglaublich faszinierendes Land. Zwei Tipps, die mir ältere Menschen gaben, helfen aber, die Kultur ein bisschen besser zu verstehen: 1. Verhalte dich eher scheu und sei leise, eher unterwürfig. 2. Befolge Regeln, tu nichts, das der Gesellschaft schadet. Zusammengefasst ist die Schamkultur, die in Japan gelebt wird, schlicht nicht vergleichbar mit der bei uns üblichen Schuldkultur.

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