Kurz nach Mittag gesellte sich ein riesiges, weisses Federvieh zu den Schwimmern im Berner Marzili-Bad, die sich zur Abkühlung die Aare heruntertreiben liessen. Das 10-jährige Pelikan-Weibchen, das ein paar hundert Meter Strom aufwärts im Tierpark Dählhölzli wohnt, war ausgebüxt – und nutzte die Gunst der Stunde, um der Sommerbeschäftigung der Berner zu frönen: Sich auf der Aare Richtung Altstadt treiben lassen.

Auf Höhe des Marzili-Bads ging der Pelikan an Land, um dann etwas zurückzufliegen und abermals die Aare runter zu schwimmen. Von den vielen Badegästen liess sich der Vogel nicht beeindrucken. Eher umgekehrt. Den Badenden war etwas mulmig zumute, als der Pelikan nur einen halben Meter über der Wasseroberfläche (und ihren Köpfen) Fluss aufwärts segelte.

Der Vogel im Netz

Als ihm das Schwimmen verleidet war, ging er von Schaulustigen begleitet ans Ufer. Von dort bewegte er sich erst fort, als die Tierpfleger und die Sanitätspolizei mit einem Boot auf der Aare auftauchten. Der Pelikan flüchtete sich unter die sich sonnenden Badegäste auf der Wiese, um dem Netz der Vogelfänger zu entkommen.

Als diese ihn schon fast in die Enge getrieben hatten, flog er los, segelte ein paar Meter und landete erneut auf dem Wasser. Doch dort wartete das Boot mit zwei Sanitätspolizisten und einem Tierpfleger, der den Vogel dann schliesslich am Ufer der Aare einfangen konnte.

Die Wiederholungstäter

Pelikanen gelingt es immer mal wieder, dem Tierpark zu entkommen. Beat Messerli, Tierpfleger des Dählhölzli, sagt scherzend, das sei eine gute Übung für den Ernstfall. Tatsächlich würden Pelikane im Tierpark nicht so streng gehalten. „Die anderen Tiere sind drei Mal besser bewacht.“

Freilich versuchen die Tierpfleger, solche Ausbrüche zu verhindern. Sie stutzen den 14 Pelikanen drei bis vier Mal pro Jahr die Federn, jeweils nur auf der einen Seite. Das reicht, um sie am Wegfliegen zu hindern. Doch wie bei den Haaren des Menschen wachsen auch die Federn des Pelikans nach – und irgendwann kann er wieder fliegen. Das 10-jährige Weibchen hat das als erste der Gruppe gemerkt. Messerli schliesst nicht aus, dass ein anderer Pelikan ebenfalls einen Ausbruch versuchen wird. Die Flügel der 13 anderen Pelikane werden erst morgen gestutzt.

Mehr Stress als Vergnügen

Das ausgebüxte Weibchen hingegen kann sobald nicht mehr los. Die Tierpfleger haben ihm die Flügel gestutzt, nachdem sie es eingefangen hatten. Zudem ist es fraglich, ob es überhaupt noch einen zweiten Versuch starten will. Ein Ausbruch bedeute für einen Pelikan viel Stress, sagt Messerli. „Der Flug über das Gehege, über die Aare war sicher toll.“ Doch sobald der Pelikan auf der Aare landet, treibe er ab und entferne er sich von der Gruppe. Und das sei sich das Tier nicht gewohnt.

Weil die Tiere wenig Ausdauer im Fliegen hätten, sei es nicht so schwierig, sie wieder einzufangen. Und auch die Rückführung sei reibungslos verlaufen. Das Weibchen habe sofort den Schutz der Gruppe gesucht, als es wieder im Tierpark ankam, sagt Messerli. „Oder vielleicht erzählte es seinen Kollegen, wie toll der Ausflug auf die Aare war.“