Martin Dürr
«Vielleicht entspringt diese grosse Angst vor dem Islam unserer eigenen Identitätsleere.»

Zwischen Finanzkrise und Anti-Minarett-Abstimmung: Der Basler Theologe und Autor Martin Dürr schlägt Brücken.

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Martin Dürr

Martin Dürr

Schweiz am Sonntag

Bojan Stula

Martin Dürr, eigentlich wollten Sie sich um dieses Interview drücken, weil gemäss Ihnen «zu Weihnachten schon alles gesagt und geschrieben worden ist». Das tönt a) nach einer Ausrede und b) nach traumatischen Kindheitserlebnissen.

Martin Dürr: So schlimm ist es nicht mit meinen Kindheitserinnerungen. Ich kann mich gut an die gespannte Atmosphäre zurückerinnern, die jeweils bei uns am 24. Dezember herrschte. Bereits einen Tag vorher durften wir Kinder nicht mehr ins Wohnzimmer, das Schlüsselloch war mit Klebeband abgedeckt. Dann am 24. das ewige Warten auf den Abend. Dann wurde zuerst gegessen, wobei es Pastete gab, die ich als einziger in der Familie nicht mochte; ich war glücklich mit Wienerli! Danach begann das unendlich scheinende Singen der Weihnachtslieder, bei denen mein Vater am Klavier eine ungeheure Ausdauer bewies. Und erst dann, ja dann, kam die Bescherung. Rückblickend war für mich immer der Morgen des 25. der schönste Augenblick. Alles schlief noch, die ganze Anspannung des Vorabends war weg, ich durfte mich halb-legal aus der Gutzi-Dose bedienen und in aller Ruhe mit den wunderbaren Geschenken spielen.

Das ist aber nicht gerade die Geschichte der theologischen Erleuchtung von Heilig Abend, die man eigentlich von einem Pfarrer in diesem Zusammenhang erwarten würde.

Sehen Sie! Genau da liegt das Problem. Über dem ganzen Weihnachtsfest liegt so ein diffuses Gedankengebilde. Jeder kann sich irgendetwas darunter vorstellen, aber richtig verstehen tut es keiner. Weihnachten ist oft mit ganz bestimmten Erwartungen verbunden. Immer muss alles «besinnlich» sein. Als Pfarrer kann ich da eigentlich nur alles falsch machen, wenn ich mich abseits der ausgetrampelten Pfade bewegen will. Halte ich an Weihnachten zur Abwechslung einmal eine lustige Predigt, rümpfen manche die Nase. Und prompt heisst es anderntags in der Zeitung, die Predigt sei «besinnlich» gewesen. Das ist tatsächlich mal passiert; wahrscheinlich sass der Journalist gar nicht mehr in der Kirche, als meine Predigt anfing.

Und trotzdem war es ein Weihnachtsfest, das bei Ihnen den theologischen Funken gezündet hat.

Das war erst später, als ich 17 war. Da erklärte ich meinen schockierten Eltern, das erste Mal ohne sie feiern zu wollen. Stattdessen half ich am Heiligen Abend bei einem Anlass für Randständige mit und hielt anderntags mit meiner Jugendband ein Konzert im Lohnhof-Gefängnis ab. Diese Erfahrung war derart überwältigend authentisch, dass ich noch heute an jedem Weihnachtsmorgen daran zurückdenke. Irgendwie sprang damals ein Funken rüber. Da hatte ich erstmals das Gefühl, dass dies wirklich Weihnachten wie in der Weihnachtsgeschichte mit der Geburt Jesu unter den Hirten sei. Wobei mit Hirten natürlich nicht irgendwelche romantischen Figuren gemeint sind, sondern die untersten Schichten der damaligen Gesellschaft.

Wie werden Sie dieses Jahr feiern?

Zum ersten Mal seit ich 17 bin, werde ich nicht in einer «offiziellen» Funktion tätig sein. Ich will am 24. in die Basler Johanneskirche gehen; da findet jeweils um 17 Uhr ein ganz toller Familiengottesdienst statt. Für den 25. habe ich noch gar nichts vor. Ich freue mich jedenfalls riesig auf solch ruhige Weihnachten.

Sollten Sie als neuer reformierter Basler Industriepfarrer nicht trotzdem irgendwo «offiziell» predigen?

Meine offizielle Einsetzung findet erst Ende Januar statt. Das heisst, dass es ab nächstem Jahr mit der Ruhe an Weihnachten wieder vorbei sein wird (lacht).

Was tut ein Pfarrer des Pfarramts für Industrie und Wirtschaft? Manager über milliardenschwere Börsenverluste und entgangene Boni hinwegtrösten?

Tatsächlich geht es bei dieser Tätigkeit oft zuerst gar nicht um religiöse Fragen. Nicht wenige Menschen sprechen statt mit einem Therapeuten lieber erst mal mit einem Seelsorger. Ich habe auch in meinen früheren Funktionen schon Gespräche mit Managern geführt, die mit ihrer Aufgabe und dem Druck nicht mehr klar kommen konnten.

Zur Person

Aus der Kurzbiographie auf www.pfarramt-wirtschaft.ch:

«Martin Dürr wurde 1959 in Basel geboren. Mit seinem jüngeren Bruder wuchs er in Riehen auf. Nach dem Theologiestudium arbeitete er fünf Jahre als Behinderten- und Gefängnis-Seelsorger. Danach war er 18 Jahre lang Gemeindepfarrer an der Johanneskirche in Basel mit den Schwerpunkten Unterricht, Jugend- und Familienarbeit. Daneben arbeitete er unter anderem als Care-Team-Experte und Berater für Crossair- und Swiss-Angestellte, als Kolumnist für verschiedene Printmedien und als Referent bei unterschiedlichsten Institutionen. Mit seiner Frau Regula hat er zwei erwachsene Töchter und einen Sohn. Eine Auswahl seiner Predigten ist als Buch erschienen: «Über das neue Stadion, das Unser Vater und einige andere wesentliche Dinge». (bz)

In Ihrem Stellenbeschrieb dürften jedoch andere Aufgaben prioritär sein.

Das Pfarramt für Industrie und Wirtschaft wurde vor 40 Jahren von Felix Tschudi, dem Bruder des Bundesrats Hans-Peter Tschudi, gegründet, weil die Kirche schon damals erkannte, dass sie zu den Menschen hingehen muss, anstatt auf diese zu warten. Primär geht es um einen Brückenschlag der reformierten und katholischen Kirchen beider Basel zur Arbeitswelt. Das kann in allen möglichen Formen geschehen: von der Vermittlung zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern über die Teilnahme an Arbeitslosenprojekten bis hin zu Podiengesprächen und Einzelberatungen.

Das klingt nach einen enormen Bandbreite Ihres Aufgabengebiets.

Das ist ja gerade das Spannende an dieser Aufgabe, dass sie so vielfältig ist. Ich bin zum Glück nicht alleine, sondern teile das Amt mit meiner katholischen Co-Leiterin, Dr. Gabriele Kieser. Trotzdem merke ich jetzt schon, dass ich gewisse Schwerpunkte werde setzen müssen, sonst hetze ich nur von Veranstaltung zu Veranstaltung.

Welche Stimmung schlägt Ihnen aus der jetzigen Arbeitswelt entgegen?

Viele Menschen machen sich grosse Sorgen um ihre Arbeitsstelle. Die Not nimmt allgemein zu. Dies höre ich nicht nur bei Kontakten mit Einzelnen, sondern auch aus Gesprächen mit Personalverbänden und sozialen Organisationen. Allgemein herrscht das Gefühl vor, dass sich der Umgangston in der Arbeitswelt verschärft hat. Das höre ich beispielsweise in Unternehmen, in denen Kurzarbeit eingeführt worden ist.

Was können Sie dagegen tun?

Ich kenne keine Patentrezepte. Ich kann mich aber zumindest gut in die Lage von Betroffenen versetzen. Ich bin selbst mal entlassen worden, als Airline-Seelsorger. Ironischerweise hiess es in meinem Kündigungsschreiben, dass ich mich bei seelischen Problemen an den zuständigen Seelsorger Martin Dürr wenden solle . . . Die Verantwortlichen haben sich später für diesen Fauxpas entschuldigt, und der daraus entstehende Briefwechsel war nicht viel mehr als eine nette Anekdote (Ich bedankte mich für den ausgezeichneten Rat). Entscheidend war die Erfahrung, wie schwer mich diese Kündigung traf, obschon ich finanziell nicht einmal von der Stelle abhängig war. Es war wie eine persönliche Niederlage, ich schämte mich. Wie ist es dann erst bei jenen, die auf jeden Rappen angewiesen sind? Trotz der Abfederung durch das starke Schweizer Sozialnetz ist jede Entlassung ein dramatischer Einschnitt; gerade für die Älteren. Wenn man merkt, dass man nirgendwo mehr gebraucht wird, geht es sehr schnell ans Existenzielle.

Gerade deshalb müssten Sie in Ihrem neuen Job vor allem die Manager ins Gebet nehmen.

Ich will als Industriepfarrer nicht nur das Sprachrohr der Reklamierenden sein. Es geht darum, Brücken zu schlagen. Von Arbeitgeberseite gibt es erste Kontakte. Es wird an mir liegen, wie gut ich das Amt ausfüllen kann. Die Arbeitgeberseite muss merken, dass man mir vertrauen und mich ernst nehmen kann.

Neben der Finanzkrise war hierzulande die Minarett-Abstimmung das wohl einschneidendste Ereignis in diesem Jahr. Wie denken Sie als evangelischer Theologe darüber?

Mich hat das Abstimmungsergebnis nicht so sehr überrascht. Wenn man im Vorfeld die Beiträge in den diversen Internetforen studierte, merkte man sofort, wie viel allgemeine Unzufriedenheit am Symbol des Minaretts abgeladen wurde. Am Minarett an sich kann das Hochkochen all dieser Emotionen ja nun wirklich nicht gelegen haben. Einen vergleichbaren Hass auf fremde Fahnen und Symbole habe ich bisher erst im Fussball erlebt. Ich dachte eigentlich, in der Schweiz sei ein solcher Fahnenkult überwunden.

Wie erklären Sie sich diesen Rückfall?

Ich vermute, dass es an unserem eigenen Identitätsproblem liegt. Wer sind wir Schweizer eigentlich und woran glauben wir? Wozu wollen wir den Islam abwehren, wenn wir nicht mehr wissen, was es heisst, als Christ zu leben und zu glauben? Welche Inhalte sollen wir eigentlich verteidigen, wenn es nicht bloss um die Abwehr von etwas Fremdem geht? Vielleicht entspringt diese Angst vor dem Islam unserer eigenen Identitätsleere. Viele kennen ja nur noch eine Karikatur von Kirche. Dabei spürt man gerade an Weihnachten die weitverbreitete Sehnsucht nach Halt, nach Geborgenheit, nach etwas Leuchtendem im Dunkel. Viele merken erst jetzt, dass uns im Alltag etwas entglitten ist.

Ist das der Grund, wieso in der Schweiz die Intoleranz Überhand gewinnt?

Toleranz heisst nicht: Mir ist es wurscht, was andere denken. Echte Toleranz hiesse stattdessen, dass wir uns bewusst werden, aus welchen Quellen wir überhaupt schöpfen. Nur dann können wir auch den Andersgläubigen achten, verstehen und seine Würde respektieren. Hierin verstehe ich gerade in der Schweiz, wo die Toleranz und Glaubensfreiheit eine historisch derart wichtige Rolle spielt, die Aufgabe der Kirchen: den Menschen aufzuzeigen, wo ihre religiösen Wurzeln liegen.

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