Transsibirische Meiereien - Die Rückkehr des Dschingis Khan

Die tägliche Portion Meiereien aus der Aargauer Zeitung.

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DSCHINGIS KHAN ist überall. Er ist auf jeder mongolischen Banknote zu finden. In Ulan Bator sind Strassen, Plätze und Gebäude nach ihm benannt, und wie es scheint, so etwa jedes zweite Restaurant. Das Hotel, in dem die Zarengold-Reisenden an diesem Abend logieren, heisst nicht einfach Kempinski, sondern Kempinski-Khan. Wer Wodka trinken will, erhält Dschingis-Gold, wer Bier bevorzugt, kann zwischen Khan-Bräu und Chenngis-Beer wählen.

GEWALTIG IST die Statue aus Bronze vor dem Regierungsgebäude: Da sitzt der Gründer des mongolischen Weltreiches als Übervater in einem Sessel und schaut keineswegs grimmig, sondern fast schon gütig aus 25 Meter Höhe zu den Menschen herab. Die Statue kommt einem ziemlich bekannt vor: Richtig, sie steht praktisch gleich auch in Washington. Nur erheblich kleiner. Und der Mann im Sessel ist nicht Dschingis Khan, sondern Abraham Lincoln.

FÜR VIELE MONGOLEN ist und bleibt Dschingis Khan der Grösste: Er schuf im 13. Jahrhundert aus dem Nichts das grösste zusammenhängende Reich, das die Welt bisher erlebte. Unter russischer Herrschaft wurde er als Unperson aus den Geschichtsbüchern gestrichen. Doch jetzt sind die Russen weg und Dschingis Khan ist wieder da, unübersehbar, fast schon penetrant präsent.

Die Mongolei ist zwar immer noch über 30-mal grösser als die Schweiz, aber mindestens so viel mal ärmer. Sie ist Pufferzone zwischen den Grossmächten China und Russland, die beide nach den Bodenschätzen des atemberaubend schönen Steppenlands gieren. Da tut es gut, Dschingis Khan auf seiner Seite zu wissen. Er ist die grosse, nationale Symbolfigur. Er verbindet, einigt und macht stolz.

joerg.meier@azag.ch

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