Steht Linux kurz vor dem Aus?

Die Geschäftsprüfungskommission des Solothurner Kantonsrates macht in Sachen Linux Druck. Die Gründe dafür: Das Herzstück des Informatiksystems läuft noch immer nicht. Kommt hinzu, dass eine Zwischenexpertise Ausrufezeichen gesetzt hat.

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Steht Linux kurz vor dem Aus?

Steht Linux kurz vor dem Aus?

Solothurner Zeitung

Marco Zwahlen

«Scheitert Ambassador, macht die flächendeckende Einführung von Linux kaum mehr Sinn», so Finanzdirektor Christian Wanner. Hinter Ambassador steckt die zentrale Datenbank zur Bearbeitung von Regierungsratsbeschlüssen, das Geschäftskontrollsystem.

Linuxbasiert soll damit die windowsbasierte Datenbank Konsul ersetzt werden. Es ist das Herzstück der Umstellung auf das lizenzgebührenfreie Informatiksystem Linux, da es die Departemente und deren Mitarbeiter am stärksten vernetzt. Doch das Open-Source-System läuft nicht. Die Umstellung musste bereits von Ende 2009 auf März verschoben werden. Kurzfristig ist sie bis auf Weiteres auf Ende Jahr verschoben worden.

Seit Jahren ist die Umstellung weg von lizenzgebührenpflichtigen Microsoft-Produkten im Kreuzfeuer der Kritik. Einige politische Vorstösse hatten Linux zum Inhalt. Nun geht die Geschäftsprüfungskommission (GPK) des Kantonsrates in die Offensive.

Die Frage nach Plan B

In einem Auftrag fragt sie die Regierung nach einem «Plan B für den Fall, dass das laufende Projekt scheitern sollte». Und: Sie verlangt bis am 1.Oktober einen Bericht.

Dieser muss Fragen zu den aufgelaufenen und künftigen Kosten der Umstellung sowie zu den bisherigen und zu erwartenden Schwierigkeiten bei der Realisierung beantworten. Ebenso soll der Bericht aufzeigen, welche Anwendungen weiter unter Windows betrieben werden.

Die Begründung des Vorstosses sagt einiges aus: «Wenn der Eindruck entsteht, die Kosten könnten aus dem Ruder laufen oder das Projekt könne eventuell nicht erfolgreich abgeschlossen werden, dann ist es umso wichtiger, dass der Regierungsrat seiner Führungsverantwortung gerecht wird und für Transparenz sorgt.»

Ambassador ist laut der GPK nicht das einzige Problem: «Neue und praktisch für die gesamte Verwaltung tagtäglich genutzte Linux-Programme stellen zum Teil erhebliche Rückschritte dar.» Beispiele:

Der Scalix Webmail Client im Vergleich zu Microsoft Outlook, und auch mit dem Ausdrucken von Linux-Dokumenten happerts gewaltig. Vorbereitet wurde der Auftrag schon lange, wie GPK-Präsident Willy Hafner (CVP, Balsthal) erklärt. Die Probleme mit Ambassador sowie der Zwischenbericht einer von der Regierung im Februar auf Empfehlung der Finanzkontrolle in Auftrag gegebenen Expertise hätten aber das Ihrige dazu beigetragen.

Erfolge und Misserfolge

Die Finanzkontrolle nimmt seit letztem Jahr die Strategie unter die Lupe. Dies wegen möglicher Risiken beim Datenaustausch und der Kommunikation mit externen Microsoft-Office-Anwendern sowie Fachanwendungen.

Zudem kündigte sie eine Vollkosten-Analyse an (wir berichteten). Konkret: Einsparungen dank wegfallender Lizenzgebühren sind das eine, der tagtägliche Arbeitsmehraufwand der Verwaltungsangestellten, Kosten für externen Support und Kostenabwälzungen auf andere Amtsstellen die andere Seite.

Die Expertise soll klären, «ob die Migration auf den Linux-Desktop bis Ende 2010 zu Ende geführt und langfristig erfolgreich nutzbar gemacht werden kann». Vorliegen soll sie vor den Sommerferien. Der Zwischenbericht der Expertise ist nicht öffentlich, die Folgen jedoch schon («Gerichte vorerst linuxbefreit»).

An einem Treffen der GPK mit der Regierung von letzter Woche war auch Linux ein Thema. Seither macht die Runde, dass bei der Linux-Strategie zum geordneten Rückzug geblasen wird.

Bestätigen will dies niemand. Fakt ist: Das Amt für Informatik und Organisation (AIO) hat auch anerkannte Erfolge zu verzeichnen, viele Linux-Anwendungen laufen problemlos und zur Zufriedenheit der Anwender. Fakt ist auch, dass das AIO mit einer grundsätzlichen Abwehrhaltung gegenüber Linux zu kämpfen hat. GPK-Mitglied Ulrich Bucher (SP, Zuchwil) stellt aber fest:

«Die Diskussion hat den Charakter des Glaubenskrieges verloren. Im Zentrum stehen nun pragmatische Lösungsansätze.» Und Willi Hafner sagt: «Die Regierung hat nun Gelegenheit, proaktiv zu informieren.» Dazu scheint es aber noch etwas zu früh, denn wie viele wartet Christian Wanner die Resultate der Expertise ab. Auf die Frage nach einem geordneten Rückzug antwortet der Finanzdirektor:

«Auch das ist nach Vorliegen der Expertise nicht ausgeschlossen.»

Tempo wird heruntergefahren

Seit mehreren Monaten liegt die Umsetzung der Linux-Strategie in der Verantwortung des Finanzdepartementssekretariats und nicht mehr beim AIO. Departementssekretärin Heidi Pauli ist überzeugt, dass die Stossrichtung der Strategie richtig sei.

Aber: «Wir müssen den Fächer mehr öffnen und bei der Umstellung auch Tempo rausnehmen.» Eine Erkenntnis sei auch, dass der Anwender vielmehr im Vordergrund stehen müsse. «Der Mitarbeiter ist ein Kunde, der effizient arbeiten können muss», so Pauli.

Als «Sparprogramm» war die Open-Source-Strategie der Regierung 2001 vom Kantonsrat abgesegnet worden. Ihr Grundsatz lautet: flächendeckend Linux, wo sinnvoll. Der Beschluss enthält jedoch viel «Gummi». Dass es präziser geht, zeigt der Kanton Basel-Stadt (siehe «Differenzierte Strategie»).

Offensichtlich aber hat das AIO um Chef Kurt Bader das «wo sinnvoll» lange zu stark ausgeblendet. Pauli bestätigt, dass dies der Kern der heutigen Probleme sei. Das AIO habe jetzt das umzusetzen, was vorgegeben werde. Ob sich der AIO-Chef so einfach umprogrammieren lässt? Er war gestern für eine Stellungnahme nicht erreichbar.

Warnsignale gab es genug

Zu den Kritikern erster Stunde der Open-Source-Strategie gehört seit 2001 Kantonsrätin Irene Froelicher (FdP, Lommiswil). Stets verlangte sie eine Kosten-Nutzen-Analyse. Zuletzt 2007, als auch die SVP und SP kritische Fragen zu Linux stellten.

Dass sich ihr ungutes Gefühl zunehmend bestätige, «ist aber keine Genugtuung für mich». Sie stellt die Frage in den Raum, weshalb angesichts der vielen Warnsignale die Regierung nicht aktiv geworden sei. Eine berechtigte Frage: Falsch wäre, wenn sich die Regierung, aber auch der Kantonsrat aus der Verantwortung stehlen und ein Amt an den Pranger stellen würden.

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