Tropisches Klima, exotische Küche, Karneval und Party. Das ist Rio de Janeiro. Zuckerhut, Christusstatue und Caipirinhas an der Copacabana. So kennen wir Schweizer die zweitgrösste Stadt Brasiliens mit über sechs Millionen Einwohnern.

Doch auf der Reise durch die Metropole lohnt sich ein Blick hinter die touristischen Kulissen, eine Wanderung abseits der Hauptstrassen und vor allem ein Gespräch mit den Cariocas, den Einwohnern Rios, sei dies auch mit Händen und Füssen. Im Kontakt mit den Einheimischen hört man das Herz Rios schlagen.

Und das Herz der Cariocas schlägt vor allem für den Karneval. Die «Cidade do Samba», die Sambastadt, besteht aus zwölf Schulen, die sich einmal jährlich am Karneval messen. Er findet gleichzeitig mit unserer Fasnacht statt. 

Doch anders als von vielen angenommen, ist der Karneval in Rio nicht nur Spass und Party. Vielmehr ist er eine Art Champions League der Sambaschulen, ein Wettbewerb, hinter dem nicht nur viel Geld, sondern vor allem auch viel harte Arbeit steckt. 

In den Genuss einer Vorschau zu kommen, ist ein Privileg. Man erhält sie in der Sambaschule Mangueira, die bereits 19-mal zum Champion gekürt wurde. Fotografieren ist während des gesamten Besuchs verboten. Denn die Schulen hüten ihre Designs wie einen Schatz. Erst während des Umzugs soll die Welt ihre Kreationen sehen. Jede Sambaschule wählt alljährlich ein Thema, auf welches sie die Festwagen und Kostüme abstimmt. Im Innern der Fabrikhalle der Mangueira stehen die riesigen Gerüste der Wagen bereit für die Dekoration.

Auch die vielen aufwendigen Kostüme sind mitten in der Produktion. In ein paar Wochen werden sie während des 82-minütigen Auftritts jeder Schule in der 700 Meter langen Kampfarena «Sambódromo» präsentiert. Jede Schule tritt mit bis zu 5000 Teilnehmern an. Das Spektakel wird von 88 500 Zuschauern auf den Tribünen und von Millionen weiterer Zuschauer vor dem Fernseher verfolgt. 

Der Sieger des Karnevals wird am Ende mit einem Preisgeld gekürt. Ruhm und Ehre warten aber auch auf die Sambaschule mit der mitreissendsten Musik, mit den prachtvollsten Kostümen und mit den leidenschaftlichsten Tänzen. 

Bewohner wünschen Bildung

Mit einem Besuch in der Sambaschule Mangueira, wo nebst dem Präsentieren der diesjährigen Designs auch ein Samba-Kurs mit einer Tänzerin ansteht, kann schnell ein ganzer Morgen in Rio gefüllt werden. Der Nachmittag kann im nahegelegenen «Museo de Amanha», dem Museum von Morgen, verbracht werden. Statt sich wie andere Museen mit der Vergangenheit zu befassen, werfen Besucher dort einen Blick in die Zukunft, der zum Nachdenken anregt.

Der Weg von der Samba-Stadt zum Museum führt über den Olympic Boulevard. Dieser wurde im Jahr 2016 für die Olympischen Sommerspiele in Rio angelegt und ist seither von bunter Street-Art gesäumt. Allgemein hatte dieser Grossanlass einen immensen Einfluss auf die Stadt. Denn anlässlich der Spiele wurde ganz Rio «aufgeräumt», wie Gruppenführerin Giônia Belmonte erzählt.

Die Stadt erhielt neue, modernere Trams, die Strassen wurden gesäubert und teilweise saniert. «Die Spiele haben uns viel Gutes gebracht», sagt die Brasilianerin. So wurde für die Olympischen Spiele auch die Sicherheit erhöht. 

24 Stunden in Rio de Janeiro, Brasilien.

24 Stunden in Rio de Janeiro, Brasilien.

Video der Edelweiss Air zur Stadt Rio de Janeiro in Brasilien.

Mit dem Kampf gegen die Kriminalität versucht derzeit auch der umstrittene Staatspräsident Jair Bolsonaro, der am 1. Januar sein Amt angetreten hat, zu punkten. Denn die Bevölkerung leidet unter der Gewalt. «Wenn man in einem Land etwa 100 000 Tote pro Jahr und 14 Millionen Arbeitslose hat, dann läuft etwas schief», sagt Belmonte. «Es braucht eine Veränderung!»

Wie diese Veränderung aussehen soll, beschreibt ein junger Carioca um drei Uhr nachts auf der Strasse vor einem Club mit einem Wort: «Bildung.» Hätten die Bewohner der Favelas mehr Chancen auf Bildung, hätten sie eine Arbeit und müssten nicht stehlen, um ihr Überleben zu sichern. Die Stadt würde sicherer werden, der Tourismus aufblühen. «Bildung würde nicht nur einen Einzelnen verändern», sagt der Carioca. «Bildung würde das ganze Land verändern.»

Oftmals haben Touristen wegen der hohen Kriminalitätsrate Angst, Brasilien zu bereisen. Setze keinen Fuss in eine Favela, trage keinen Schmuck, spaziere nicht allein durch die Strassen.

In Rio gibt es viele Regeln. Befolgt man sie aber, fühlt man sich dort als Tourist genauso sicher wie an jedem anderen Ort der Welt. Und dann hat man während einer durchzechten Partynacht im Ausgangsviertel Lapa, vor einer dunklen Bar, aus welcher lautstark Live-Musik dröhnt, in der Hand bereits der fünfte Caipirinha, mit einem jungen Brasilianer ebendiese tiefgründigen Gespräche, wie man sie nur inmitten von Rios pulsierendem Nachtleben führt.

Raus aus der Hitze

Die Cariocas sind offen, zuvorkommend, charmant, lebensfroh, ob bei Nacht oder bei Tag, ob in einer Bar oder an der Copacabana. Rio pulsiert. In der Altstadt, wo die Catedral Metropolitana, die farbenfrohe Fliesentreppe «Escadaria Sélaron» oder Brasiliens Nationalbibliothek ein Stück Stadtgeschichte erzählen.

An den Stränden, wo Nacktheit und Körperkunst zelebriert werden. Oder rund um die Touristen-Attraktionen, den Zuckerhut und die 30 Meter hohe Christus-Statue auf dem Berg Corcovado.

Unweit der Stadt befinden sich zwei weitere interessante Ortschaften, die einen Tagesausflug wert sind. 1825 von Einwanderern aus Tirol gegründet, lassen sich in Petrópolis viele Paläste und Prachtbauten bewundern. Ebenfalls ein Stück Geschichte beschreibt die Brauerei Bohemia, die als eine der ersten Brauereien Brasiliens gilt.

Nur 70 Kilometer von Rio entfernt, gilt die «Imperial City» als populärer Urlaubsort. Denn etwas höher in den Bergen gelegen, ist es in den heissen Sommermonaten kühler und angenehmer als in der Stadt.

Ebenso heiss wie in Rio ist es dagegen in der Hafenstadt Búzios. Vormals galt die Ortschaft 160 Kilometer östlich von Rio als verschlafenes Fischerdorf, heute wird sie als «Perle der Sonnenküste» bezeichnet. Anders als an den überfüllten Stränden Rios, lässt sich an den über 20 Stränden in Búzios entspannen und der Sonnenuntergang mit einem fruchtigen Açaí oder einem erfrischenden «Caipi» geniessen.

Übrigens: Wir Schweizer mischen das brasilianische Nationalgetränk vollkommen falsch. Richtige Brasilianer verwenden raffinierten weissen Zucker. «Rohrzucker verfälscht den Geschmack des Cachaça», also der im Caipirinha enthaltenen Spirituose, wie ein Getränkemixer an der Copacabana lehrt. Er drückt einer Touristin einen Ein-Liter-Becher in die Hand. Dort wird der Cocktail nämlich getrunken wie Wasser.

Ein Trip nach Rio ist also nicht nur aufregend, sondern auch lehrreich. Und spätestens nach einer Woche ist klar: Rio de Janeiro ist mehr als seine Touristenorte, mehr als Copacabana und Samba. Rio ist all seine Bewohner, deren Herzlichkeit, all die engen und aufregenden Strassen und Gespräche um drei Uhr morgens. Rio de Janeiro ist Leben. Und Leben ist Rio de Janeiro. 

Rio de Janeiro und seine Umgebung

Rio de Janeiro und seine Umgebung

Video der Edelweiss Air zu Rio de Janeiro und seiner Umgebung.