Sesseli
Nostalgiker kommen in Fahrt

Die Sesselbahn Weissenstein muss erhalten bleiben – koste es fast, was es wolle. Sei es mit dem Kauf der Aktien durch die neugegründete Stiftung oder mit dem Gang vor Bundesgericht durch den Schweizer Heimatschutz.

Drucken
Teilen
Sesseli

Sesseli

Solothurner Zeitung

Marco Zwahlen

«Die Gründung der Stiftung ist der Schlüssel für den Erhalt der historischen Sesselbahn auf den Weissenstein», zeigten sich Heinz Rudolf von Rohr, Präsident des Vereins Pro Sesseli, und Adrian Schmid, Geschäftsleiter Schweizer Heimatschutz (SHS), gestern im «Alten Spital» überzeugt. Die Medienkonferenz stiess auf reges Interesse - selten finden so viele Medienschaffende den Weg nach Solothurn. Die Botschaft: Der von der Seilbahn Weissenstein AG (SWAG) geplante Neubau einer Gondelbahn muss verhindert werden. Die Strategie: Ein «unfreundliches Übernahmeangebot» an die Sesselbahn-Aktionäre oder im Notfall die Ausschöpfung aller Rechtsmittel (wir berichteten). Die Ausgangslage ist aus Sicht der Stiftung klar: «Der Weiterbetrieb der Sesselbahn sei ein Garant zur Erhaltung der geschützten Landschaft am Weissenstein», betont Rudolf von Rohr.

Hansjörg Wyss zieht als Mäzen am Seil

Das Geschäftsmodell der neuen Stiftung lehnt sich jenem der Furka Bahn an. Die Stiftung will die Bahn kaufen, die Sanierung und den künftigen Unterhalt via eines Dotationsfonds für Spenden und Sponsoren finanzieren. Damit wird das operative Geschäft entlastet. Der Betrieb der Bahn soll einer eigenständigen Gesellschaft übertragen werden. Für die Sanierung rechnet die Stiftung mit Kosten von 4 bis 6 Mio. Franken. Als Mäzen der Stiftung konnte Hansjörg Wyss, Verwaltungsratspräsident der Medtech-Firma Synthes und einer der reichsten Schweizer, gewonnen werden. Laut Thomas Schmid, Präsident des Stiftungsrates (siehe unten links), ist Wyss bereit, über die Hälfte einer Sanierung zu finanzieren. Schmid betont, dass die Stiftung gemeinnützigen Charakter habe und keinen Gewinn anstrebe.

Der Stiftungsrat

Die Stiftung «Historische Seilbahn Weissenstein» wird präsidiert von Thomas Schmid (Solothurn), Lungenarzt und Präsident Lungenliga Solothurn. Die weiteren Stiftungsratsmitglieder: Ruth Gisi (Hochwald), Ex-Regierungrätin/Vizepräsidentin Schweizer Heimatschutz, Ursula Hediger (Küttigkofen), Ex-Präsidentin Solothurner Heimatschutz/Unternehmsberaterin, Frank Urs Müller (Oberdorf), Oberrichter/Zentralpräsident Schweizer Alpen Club, Heinz Rudolf von Rohr (Solothurn), Präsident Verein Pro Sesseli, Roland Flückiger (Bern), Stellvertretender Denkmalpfleger Stadt Bern und Peter Schwaller (Endingen AG), Präsident Stiftung Furka Bergstrecke. (mz)

Damit das Geschäftsmodell zum Tragen kommen kann, müssen die grösstenteils anonymen Seilbahn-Aktionäre ihre Aktien überhaupt verkaufen wollen. Danach sieht es momentan nicht aus (siehe unten rechts). Sollte diese Front trotzdem aufweichen, stellt sich sofort die Preisfrage. Diese bezeichnete Adrian Schmid als den Knackpunkt überhaupt. Laut Bilanz der SWAG habe die Sesselbahn einen Buchwert von 780 Franken. Vor der Kapitalerhöhung auf 12,2 Mio. Franken betrug das alte Aktienkapital 220 000 Franken plus Rückstellungen von fast 1,6 Mio. Franken. Die an den Neubau gebundenen Gelder sind fest angelegt. Diese Festanlage könnte laut der Stiftung den Aktionären ohne Verlust rückerstattet werden. Bleibt der Preisfrage. Laut Rudolf von Rohr müsste sich der Kaufpreis nach dem unbekannten effektiven Wert der Bahn richten.

Kritik an Gesamtkonzept

An der Medienkonferenz wurden die Vorwürfe an den Kanton und die Bahnbetreiber erneuert. Rudolf von Rohr dazu: «Der Bau einer Gondelbahn zieht Eingriffe, wie Rodungen, und den Bau mächtiger Bahnstationen mit sich.» Mit den bis zu 22 Metern doppelt so hohen Masten würden zudem die geschützte Silhouette des Vorbergs zerstört. Dies alles seien gravierende Verletzungen des BLN-Gebietes (Bundesinventar der Landschaften und Naturdenkmäler). Und überhaupt: Es fehle eine Gesamtsicht.

«Dem Gondelbahnprojekt droht ein finanzielles Fiasko», so Rudolf von Rohr. Eine Gondelbahn könnte nur dank stark erhöhter Frequenz wirtschaftlich betrieben werden.» Voraussetzung dazu wären Freizeitanlagen «in riesigem Ausmass». Nachdem aber die gemäss Businessplan notwendige Tubing- und Rodelbahn nach der Kritik des Bundes aus dem Richtplan gefallen ist, fehle diese Voraussetzung. Daran ändere auch die Übernahme der der Downhill-Strecke durch die SWAG (wir berichteten) nichts.

Brief an Bundesrat Couchepin

«Es ist nicht statthaft, ohne rechtsverbindliche Entscheide zum Abbruch und Neubau Bestandteile dieses Kulturgutes zu verschleudern», machte Adrian Schmid seinem Ärger Luft. Gründe: Die SWAG kündigte an der Aktionärsversammlung vor einem Monat an, dass der Abbruch der 60-jährigen Bahn bereits geplant werde. Ebenso, dass auf einer Warteliste bereits 100 «Sässeli» zum Stückpreis von 1000 Franken verkauft seien. Schmid verwies auf das Natur- und Heimatschutzgesetz: Drohe einem Kulturdenkmal von nationaler Bedeutung unmittelbare Gefahr, könne das Eidgenössische Departement des Innern dieses sofort unter Schutz stellen und Massnahmen zum Erhalt anordnen. Dem nachzukommen, fordert der Heimatschutz mit Nachdruck in einem gestern verschickten Brief an Innenminister Pascal Couchepin. «Die hohe Schutzwürdigkeit der Sesselbahn halten die Eidgenössischen Kommissionen für Denkmalpflege sowie für Natur- und Heimatschutz in ihrem Gutachten vom Juni 2007 fest», so Schmid.

Ob der Brief Wirkung zeigt? Couchepin müsste zumindest den Kanton anhören. Und dieser hat bekanntlich eine andere Meinung zum Thema. Ohne Bewilligung wird auf der anderen Seite ein Abbruch nicht möglich sein. Bewegliche Einzelteile wie «Sässeli» der nicht unter Schutz stehenden Bahn kann die Seilbahn jedoch als ihr Privateigentum jederzeit veräussern.

Bahn wird lange nicht mehr laufen

Die Betriebsbewilligung für die Sesselbahn läuft Ende Jahr aus. Laut der SWAG ist vom Bundesamt für Verkehr (BAV) keine Verlängerung zu erwarten. Daran zweifelt Thomas Schmid. Die Stiftung will daher mit dem BAV direkt verhandeln. Verhandelt wird auch bereits mit einer Unternehmung, welche die sanierte Bahn betreiben würde.

SHS und Pro Sesseli gehen davon aus, dass die Richtplananpassung vom Bundesamt für Raumentwicklung (ARE) korrigiert wird. Bis zum Entscheid des ARE ist das Nutzungsplanverfahren blockiert. Bei diesem steht ebenfalls der Weg bis ans Bundesgericht offen. Vieles spricht also dafür, dass es aufgrund der gesetzlichen Fristen in solchen Verfahren zu Verzögerungen kommt, die weit über das Verfalldatum der Betriebsbewilligung vom 31. Dezember 2009 hinausreichen.

Aktuelle Nachrichten