Bern

Mit dem iPhone in der Idylle

Karte auf dem Telefon: Mit dem iPhone weiss der Wanderer immer, wo man sich befindet. (Bild: Barbara Spycher)

Iphone

Karte auf dem Telefon: Mit dem iPhone weiss der Wanderer immer, wo man sich befindet. (Bild: Barbara Spycher)

Die Jungfrau-Region bietet neu sieben weltweit einzigartige Klimapfade an. Ein jodelndes iPhone führt Wanderer vorbei an bröckelnden Felsen oder schmelzenden Gletschern. Zum Beispiel auf die Bäregg, mit Aussicht auf den ominösen Gletschersee.

Barbara Spycher

«Jodelidu!» macht das iPhone. Das ist das Zeichen: An diesem Standort will es etwas erzählen. Ein Fingerdruck, und eine Frauenstimme beginnt: «Sie blicken aufs Tal.» Häh? Wir stehen hinter dem Berg-Restaurant der Pfingstegg-Bahn auf 1391 Meter über Meer, zwischen Wegweiser und Abfallcontainer. Da hat sich das GPS wohl geirrt.

Wir gehen zurück, bis im Talboden Grindelwald zu sehen ist, umgeben von sanft geschwungenen, hügeligen Matten. Auf diesen gebe es seit jeher Rutschungen, weil der Untergrund aus Schiefer und Sandstein leicht in Bewegung gerate, erzählt die Stimme weiter. Doch in jüngerer Zeit seien in den Bergen neue Naturgefahren dazugekommen, weil die Permafrost-Grenze infolge des Klimawandels sinke. Darüber wird der multimediale «Klimaguide» auf der rund einstündigen Wanderung von der Pfingstegg auf die Bäregg informieren.

Immer im Bild über den Standort

Das iPhone, ein Telefon der Firma Apple mit unzähligen Zusatzfunktionen, ist das Herzstück der sieben weltweit einmaligen «Klimapfade», welche Anfang Juni in Grindelwald eingeweiht wurden. Das Gerät ist nicht nur mit zahlreichen Informationen bestückt, sondern auch mit einem GPS ausgestattet: So weiss es auf der ganzen Wanderung, wo es sich befindet, und zeigt das auf einer Wanderkarte an. Ziel ist, Wanderern die Folgen des Klimawandels genau dort aufzuzeigen, wo sie sichtbar werden: Dazu ist die Jungfrau-Region prädestiniert, denn hier summieren sich Felsstürze, Gletscherschwund, Murgänge und Rutschungen.

Zum Umdenken bewegen

Die Klimapfade sollen die Menschen auch zum Umdenken bewegen. Das iPhone beinhaltet deshalb Tipps zum Klimaschutz: Möglichst wenig fliegen, stromsparende Kühlgeräte kaufen oder weniger Fleisch essen. Hinter dem 300000 Franken teuren Projekt stehen die Universität Bern, die in der Klimaforschung international vorne mitmischt, die örtlichen Gemeinden sowie der Berner Energiekonzern BKW als Hauptsponsor. Die Umweltschutzorganisation Greenpeace kritisiert allerdings, dass sich die BKW für ihr Klimaschutz-Engagement feiern lässt, gleichzeitig aber in zwei deutsche Kohlekraftwerke - CO2-Schleudern - investiert.

Von der Pfingstegg führt die Wanderung neben der steil abfallenden Gletscherschlucht den Berg hinauf. «Jodelidu!». Zwei Wanderer, die am Wegrand eine Pause machen, lachen laut. Die Stimme aus dem iPhone lässt sich nicht beeindrucken: «Sie stehen auf einer Moräne.» Das Eis habe einst die ganze Schlucht aufgefüllt und bis hierhin gereicht. Mit dem Eis sei auch dessen stabilisierende Wirkung aufs Gestein weggefallen, weshalb heute kein Tag vergehe, an dem nicht kleinere oder grössere Felsbbrocken zu Tal donnerten - zum Glück auf der gegenüberliegenden Seite.

Verirrtes GPS

Weiter gehts, an Alpenrosen vorbei und anderen, orange-gelben Blumen. Wie die wohl heissen? Das iPhone weiss Rat: Im elektronischen Blumen-Führer Farbe und Form antippen, und schon ist die Blume bestimmt. Es ist ein Gold-Pippau. Dafür hat sich das multifunktionale Gerät in der Zwischenzeit geografisch verirrt. Wie anhand der Karte zu erkennen ist, haben wir den nächsten Informations-Standort längst passiert. Doch das Jodeln ist ausgeblieben.

Kein Wunder: Das GPS meint, dass wir neben dem Gletschersee stehen, weit weg vom Pfad. Nach weiteren technischen Problemen ist doch noch zu erfahren, was hier zu sehen wäre: Der Rest der Felsnase, die vor drei Jahren Schaulustige aus aller Welt anlockte und den «Blick» zur Schlagzeile verleitete «Kommt jetzt der Eiger?». Weil der Felsnase das stützende Eis fehlte, bewegte sie sich von der Eiger-Ostflanke weg, Teile davon stürzten damals in die Gletscherschlucht. Der Rest der bröckelnden Felsnase wirkt winzig wie ein Zahnstocher.

Erinnerungen an den Felssturz

Kurz darauf ist das Ziel erreicht, das Berghaus Bäregg auf 1775 Meter über Meer. «Zum Gletschersee», weist ein Schild den Weg dorthin, wo man einen Blick auf den See erhaschen kann, der die Behörden seit Monaten auf Trab hält, weil er sich launisch füllt und leert, und bei einer spontanen Entleerung Hochwasserschäden bis Interlaken verursachen könnte. Von hier oben wirkt er eher wie ein kleiner Tümpel. Doch das täuscht.

Auf der Terrasse des Berghauses Bäregg jodelt das iPhone wieder in alter Stärke. Die Stimme erzählt von den Murgängen und Rutschungen, die hier zu beobachten sind. Passend zu dieser Szenerie und in Erinnerung an den Eiger-Felssturz 2006 hat die Beiz einen «Bärgsturz-Kaffee» im Angebot, den es «nur hier» gibt. Bei einer Tasse Kaffee könnte man sich hier oben stundenlang zusätzliches Info-Material auf dem iPhone anschauen: Grafiken, Interviews mit Bergführern, Geologen oder Forschern, gar ein Dok-Film über den Gletscherschwund.

Mahnmal für Veränderungen

Doch die Lust dazu fehlt: Lieber den hausgemachten Früchtekuchen, das Panorama und die Bergluft geniessen: Die Eismassen des Unteren Grindelwaldgletschers wirken greifbar, Dohlen kreisen vor der schneebedeckten Kulisse des Fiescherhorns, untermalt wird die Szene vom Rauschen des Schmelzwassers und bimmelnden Schafglocken.

Eine Berg-Idylle, würde nicht die Stimme des iPhones nachhallen, die von bröckelnden Bergen, schmelzenden Gletschern und rutschenden Hängen erzählte. Und wäre da nicht dieses Poltern und Krachen, das irgendwo aus dem Gletscher kommt und einen immer wieder zusammenzucken lässt. Wie ein Mahnmal für die Veränderungen, die hier vor sich gehen.

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