«Lieber schön fahren als wüst laufen»

Hans Ingold aus Kestenholz hatte während Jahrzehnten etliche Ämter inne – nicht nur in der Gemeinde. Kaum jemand würde beim Durchlesen seines Lebenslaufs merken, dass der Mann Tetraplegiker ist.

Merken
Drucken
Teilen
Ingold_Dsc.jpg

Ingold_Dsc.jpg

Solothurner Zeitung

Myriam Sperisen

Rückblick ins Jahr 1974: Der 31-jährige Hans Ingold, Maschineningenieur und Berufsschullehrer in Olten, lebt mit seiner Frau und einem Sohn seit kurzem wieder im Dorf, wo er aufgewachsen ist. Er hegt politische Ambitionen und wurde denn auch in den Gemeinderat gewählt. Der Herbst 1974 brachte eine grosse Wende. «Ich absolvierte im Militär eine Überlebenswoche, und: ich habe überlebt», sagt Hans Ingold ohne Unterton. Seit jenem Herbst ist er nämlich Tetraplegiker. Während dieser Überlebenswoche im Raum Gösgen hatte es praktisch ständig geregnet. Eines Abends, die Truppe hatte auf einem Bauernhof Quartier bezogen, rutschte Hans Ingold auf einem nassen Brett aus und stürzte drei Meter in die Tiefe.

Serie

Kommissionsmitglieder

Wir porträtieren Personen, die sich für die Öffentlichkeit engagieren, aber selten öffentlich in Erscheinung treten: Langjährige Kommissionsmitglieder und -präsidenten. Sie leisten in den Gemeinden die nötige Arbeit im Hintergrund und tragen so zum Funktionieren des Gemeinwesens bei. (fmb)

Wenig später lag er im damals neuen Paraplegikerzentrum in Basel. «Dort haben sie mir sofort gesagt, dass ich von den Schultern abwärts gelähmt bleiben würde.» Er habe sich innerlich damit arrangiert - oder es zumindest versucht. Er dachte dabei oft an einen Schulfreund, der ebenfalls gelähmt ist. «Der hat es auch geschafft.» Ingold schöpfte Mut, als er in der Rehabilitation Männer beobachtete, die sie sich langsam an den Rollstuhl gewöhnten. Er sagte sich: «Lieber schön fahren als wüst laufen.»

Er wollte wieder unterrichten

Als Tetraplegiker sitzt Hans Ingold im Rollstuhl, seine Finger rühren sich nicht, dass er seine Arme bewegen kann, erreichte er mit viel Einsatz. Für ihn war klar, er wollte wieder unterrichten, was zwei Jahre später dank ausgefeilten Hilfsmitteln wieder möglich wurde. An ein Weitermachen im Gemeinderat jedoch war nicht mehr zu denken, weil die Räumlichkeiten nicht rollstuhlgängig waren. Trotzdem wollte Ingold etwas tun für die Gemeinde. Als er für die Schulkommission angefragt wurde, sagte er allerdings Nein. «Als Lehrer wäre ich wohl ein zu starker Kritiker geworden.» In die Elektrakommission hingegen liess er sich wählen. Gleich im ersten Jahr, 1977/78, in einer wirtschaftlich schwierigen Zeit, wollten zwei Firmen aus Deutschland in Kestenholz grosse Hallen zur Herstellung von Fertighäusern bauen. Für die Elektra war dies eine grosse Herausforderung, denn durch das Gelände führten Hochspannungsfreileitungen; diese mussten verlegt und auch das Elektranetz um- und ausgebaut werden. Das war dem damaligen Präsidenten und auch dem Vizepräsidenten zu viel. Und so übernahm eben Hans Ingold die Leitung der Elektra Kestenholz und behielt sie mehr als dreissig Jahre lang.

Der «Gelbe» und der «Rote»

Privat kann Hans Ingold auf die Unterstützung seiner zweiten Ehefrau Irène, einer Handweberin und Keramikmalerin, zählen. Im letzten Jahr stand ein Hausumbau an: «Das alte, schöne Dach samt Ausbauten wurde abgebrochen und darauf ein moderner Kubus mit begrüntem Flachdach gestellt», so Ingold. Dabei hat das Ehepaar viele Einrichtungen selber kreiert und gezeichnet. «Ich nenne das Haus nicht rollstuhlgängig oder behindertengerecht, sondern nur praktisch.» Das Haus, das er als «Senioren WG Ingold und Ingold» benennt, enthält drei Wohnungen: die eine wird demnächst seinem Bruder Charles gehören. Die beiden Brüder hätten ein gutes Verhältnis, seien aber politischen Diskussionen nicht abgeneigt. Hans bezeichnet sich als liberaler Freisinniger, ein «Gelber», Charles hingegen ist eingefleischter Sozialdemokrat, ein «Roter». Vater Edmund Ingold war seinerzeit ebenfalls freisinnig, in der Armenpflege der Bürgergemeinde tätig und Präsident der Friedhofskommission gewesen. Wenn Hans Ingold seine Ämter niedergelegt haben wird, will er sich um private Projekte kümmern. Er liebt Kunst. Und er wird nicht müde, nach Lösungen im Haushalt zu «tüfteln», die ihm und anderen das Leben erleichtern könnten. «Ich will zeigen, dass man das Leben trotz schwerster Behinderung meistern kann. Voraussetzung ist jedoch ein intaktes Umfeld.» (my)

Bis der Job erledigt ist

Kaum war der erste Ausbau beendet, stand 1981 schon ein weiterer an. Und weil die Erfahrungen mit dem planenden Elektro-Ingenieurbüro nicht die besten waren, führte Ingold die Arbeiten von da an selbst aus. Es herrschte Sanierungsbedarf bei den vier älteren Trafostationen, zudem waren erst wenige Leitungen in den Boden verlegt. Zusammen mit seinen Kommissionskollegen packte Ingold die Arbeit an und sagte damals, er werde die Führung erst abgeben, wenn dieser Job voll erledigt sei.

Das Teilpensum im angestammten Beruf als Lehrer an der Gewerbeschule gab er einige Jahr später auf. «Ich hätte den Schülern nicht mehr genug bieten können.» Ingold wandte sich der Computertechnologie zu. Auf seine Initiative hin wurde der Informatikunterricht an allen Berufsschulen des Kantons eingeführt; auch Ingold selber unterrichtete bis 1991. Dann machte er sich in der Informatikbranche selbstständig.

Restrukturierung durchgesetzt

Bei der Arbeit für die Gemeinde wurden 1997 auf Ingolds Vorschlag hin alle Werke, also Strassenbau und Unterhalt, die Wasserversorgung und die Abwasserentsorgung sowie die Elektra in der Werkkommission zusammengefasst - mit Ingold als Präsident während der ersten vier Jahre. Mittlerweile haben auch Werk- und Baukommission fusioniert. Deren Mitglied wird Ingold bis zum Ende der aktuellen Legislaturperiode bleiben und als Ressortleiter die Elektrageschäfte weiterführen. Vor ein paar Monaten wurde die Elektra Kestenholz als öffentlich-rechtliche Firma konzipiert. «Die Elektra besitzt heute 13 Trafostationen, davon wurden 12 während der letzten 30 Jahre gebaut», erklärt Ingold.

Joseph Joachim, Inva, Männerchor

Nicht zu vergessen ist der Elan, den Ingold 1984 im Gedenkjahr an den Kestenholzer Heimatdichter Joseph Joachim an den Tag legte: Er war verantwortlich für die Gedenkausstellung mit Lesungen und Konzerten. Daraus resultierte, dass er Initiant und Mitbegründer des Kulturzirkels Joseph-Joachim wurde. Diesen Zirkel präsidierte er bis zur Schaffung der Kultur- und Sportkommission durch die Gemeinde.

Damit nicht genug: er war auch noch im Vorstand der «Inva», einem Fahrdienst für Behinderte. Und: während zehn Jahren amtete er als Kassier des schweizerischen Metall- und Elektrofachlehrverbandes. Seit 1991 ist er Mitglied des Lionsclubs Falkenstein Balsthal und betreute 14 Jahre lang die Kasse. Ingold liebt auch die Musik. In der Jugend spielte er verschiedene Instrumente. Nach dem Unfall war das nicht mehr möglich. So wurde er eben Mitglied im Männerchor.