Carl Hirschmann
Hirschmann-Prozess: Heikle Kehrtwende des Richters

Misstöne nach der Verurteilung von Clubbesitzer Carl Hirschmann: Sogar der Richter räumt ein, man habe «nicht alltäglich gehandelt». Mitten in der Medienkampagne hat das Gericht eine härtere Gangart eingelegt.

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Schweiz am Sonntag

Von Sacha Ercolani

«Nach meinem Eindruck hat mich das Gericht nicht so behandelt wie einen gewöhnlichen Bürger», sagte Carl Hirschmann im letzten «Sonntag». «Es liess sich von den Berichten in der Boulevardpresse beeinflussen und hat dem Druck der Medien nachgegeben.» «Es wollte bei diesem ‹Highflyer von der Zürcher Goldküste› ein Zeichen setzen.»

Worte eines schlechten Verlierers? Recherchen zeigen, dass Hirschmanns Behauptung nicht aus der Luft gegriffen ist. Dokumente belegen, dass sein Fall von einem Tag auf den anderen anders behandelt wurde:

› Am 18. März 2009 reichte Staatsanwalt Sasha Stauffer beim Strafgericht Basel-Stadt ein schriftliches Gesuch ein, um sich vom Prozess gegen Carl Hirschmann dispensieren zu lassen. Dazu stellte er den Strafantrag: Geldstrafe von 150 Tagessätzen à 90 Franken. Bedingt, mit einer Probezeit von 2 Jahren. Richter Gilbert Thiriet stimmte dem Gesuch zu und befreite den Staatsanwalt von der Hauptverhandlung - er müsse nicht im Gericht erscheinen. Alles deutete auf einen Routine-Fall hin, eine Verhandlung, wie sie täglich vorkommt und für die nicht extra der Staatsanwalt erscheinen muss.

› Am 19. November jedoch, mitten auf dem Höhepunkt der Medienkampagnen von «Blick» und «20 Minuten», änderte sich das schlagartig: Richter Thiriet befand, der Staatsanwalt habe doch zu erscheinen und er solle versuchen, aktuelle Informationen über die finanziellen Verhältnisse des Angeklagten zu beschaffen. Sasha Stauffer erschien - und stellte dann vor Gericht überraschend einen völlig anderen Strafantrag: Der Staatsanwalt verlangte eine bedingte Freiheitsstrafe von 6 Monaten mit einer Probezeit von 3 Jahren - also eine klare Verschärfung.

Zudem deuten Aussagen des Richters während des Prozesses gemäss Protokoll auf Medienbeeinflussung hin: «Wenn man Ihre Persönlichkeit und Ihren Hintergrund kennt, muss man an Ihren Aussagen Zweifel hegen», sagte Thiriet im Gerichtssaal zu Hirschmann. Offenbar stützte er sich auf Medienberichte. «Es passt zum Schema, dass Sie gekränkt reagieren, wenn eine Frau Sie zurückweist und Sie sogar schlägt.»

«Ich habe mehrere Fälle mit grosser medialer Präsenz erlebt, bei denen die Richter und Staatsanwälte in ihrem Handeln beeinflusst waren. Leider nicht immer zum Vorteil der Angeschuldigten», sagt ein renommierter Basler Anwalt. Weil er in Basel praktiziert und dort «noch viele Male» vor Gericht sei, möchte er nicht genannt werden. Im Fall Hirschmann sei es eindeutig gewesen, dass der Richter aufgrund der enormen Medienpräsenz befürchtete, sein Urteil könne als zu mild betrachtet werden und er dann kritisiert werde. «So können Urteile härter ausfallen als in Fällen ohne Medieninteresse.»

Richter Gilbert thiriet verteidigt sich: «Wir haben uns alle Mühe gegeben, diesen Fall normal durchzuführen. Nur aufgrund der Tatsche, dass nachträglich Kläger und Beklagter mit Anwälten auftauchten, fand ich es richtig, die Dispensation des Staatsanwaltes aufzuheben.» Doch er räumt ein: «Unser Vorgehen ist nicht alltäglich, aber es war juristisch korrekt.»

Zur Frage, weshalb Hirschmann das Gericht durch einen Nebenausgang betreten durfte, nach Abschluss der Verhandlung aber gezwungen wurde, dieses durch das Spalier der wartenden Fotografen und Kameraleute zu verlassen, antwortete Thiriet: «Nach der Verhandlung ist es nicht mehr Sache des Gerichtes, den Beteiligten Hand zu bieten, um den Medien zu entgehen.»

Vor Beginn der Verhandlungen hatte es noch anders getönt. Da hatte Thiriet dem Verteidiger Hirschmanns zugesichert, sein Klient könne auch am Schluss wieder den Nebenausgang benutzen. Dazu Hirschmanns Sprecher Sacha Wigdorovits: «Offenbar wollte Herr Thiriet die Medien nicht verärgern. Deshalb hat er wohl seine Meinung geändert und ihnen Herrn Hirschmann auf dem Präsentierteller vorgeführt.»

Zum ersten Mal äussert sich auch Peter Studer, ehemaliger Presseratspräsident und Ex-Chefredaktor des Schweizer Fernsehens sowie des «Tages-Anzeigers», zur Hirschmann-Medienkampagne: «Auch wenn ich die Gerichtsverhandlung in Basel nicht beobachten konnte, ist die Beeinflussung der Justiz durch Medien gelegentlich ein Thema. Das Bundesgericht hat 1990 die Beschwerde des im Tessin verurteilten Terroristen Baragiola gegen ein Urteil, das unter Druck der Medien gefällt worden sei, abgelehnt: Es sei keine Befangenheit der Richter glaubhaft gemacht. Aber manchmal müssten staatliche Stellen intervenieren (hier hatten Staatsanwalt und Verteidiger gemeinsam an die Medien appelliert). Als Leser vieler Berichte über den Fall Hirschmann hatte ich freilich den Eindruck, dass manche Journalisten unter Wettbewerbsdruck einfach die Ränder der Zürcher Szene abgrasten und knackige Zitate ohne irgendwelche Nachrecherchen ins Medium rückten. Wie der ‹Sonntag› vor zwei Wochen nachwies, sind dabei durch anonymisierte ‹Partygirls› eigentliche Lügen verbreitet worden.»

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