Gilles Tschudi

Gilles Tschudi wechselt den Blick

Der Basler Schauspieler und Regisseur Gilles Tschudi verwirklicht sich einen Kindheitstraum: Er leistet Integrationsarbeit.

Andreas Maurer

Eigentlich wollte der Basler Schauspieler Gilles Tschudi Entwicklungshelfer werden. «Ich war ein sehr introvertiertes Kind. Das Theater bot mir die einzige Möglichkeit, mich zu öffnen», begründet er den nicht ganz wunschgemässen Karriereverlauf. Dank seines Promistatus’ kann er sich seinen Kindheitstraum doch noch verwirklichen: Er amtet als Botschafter für das Hilfswerk der Evangelischen Kirchen Schweiz (Heks).

Um die Inlandarbeit bekannter zu machen und um ein Zeichen gegen soziale Ausgrenzung zu setzen, organisiert das Heks Stadtrundgänge zum Thema Blickwechsel. Als Auftakt veranstaltet das Hilfswerk Begegnungen zwischen Prominenten und sozial benachteiligten Personen. In Bern macht Bundespräsidentin Doris Leuthard mit. Da Basel keinen Bundesrat stellt, übernimmt hier Gilles Tschudi die Rolle des Prominenten.

In den Hunkeler-Filmen und der Fernsehserie Lüthi und Blanc gibt sich Tschudi kühl und arrogant. Beim Heks-Anlass hingegen beantwortet er auch sehr kritische Fragen charmant. Könnte er nicht einen sinnvolleren Beitrag für die Integrationsarbeit leisten anstelle der inszenierten Symbolbegegnung? «Ich bin ein offener Geist. Die Sinnfrage stelle ich mir gar nicht», entgegnet Tschudi. Trotzdem erklärt er freundlich den Sinn dieser Begegnung: «Als Einheimische nehmen wir oft gar nicht wahr, wie schwer das Leben für Fremde sein kann.» Als Kind erlebte er als Welscher in Basel selber einen Kulturschock. Mit der Sprache hatte er anfangs grosse Mühe. «Unter der Arroganz der Deutschschweizer habe ich sehr gelitten», erinnert er sich. Davon ist heute nichts mehr zu spüren: Tschudi spricht perfektes Bühnenhochdeutsch und pflegt ein Vorzeige-Baseldytsch.

Auch die Albanerin Valbone Hoti hatte einen schweren Start in Basel. In ihrem Wohnort im Aargau meldete sie sich ab, ohne sich in Basel wieder anzumelden. «Ich war ohne Status», erinnert sie sich. Ihr drohte deshalb die Ausweisung aus der Schweiz. «Mit meinen zwei unehelichen Kindern konnte ich aber unmöglich wieder zurück nach Kosovo», erzählt sie. Ihre grossen Pläne, die sie als Volkswirtschaftsstudentin geschmiedet hatte, lösten sich in Luft auf: «Ich war am Boden zerstört.» Durch die Beratungsstelle für Asylsuchende der Region Basel fand sie den Einstieg ins Berufsleben aber doch noch. Die Heks-Klientin wurde zur Heks-Mitarbeiterin. Unter anderem arbeitet sie heute als Albanisch-Übersetzerin in der Frauenklinik.

Mit Gilles Tschudi teilt sie eine Leidenschaft: das Theater. Hoti spielt in einer albanischen Laienschauspielgruppe. Sie besuchte seinen Auftritt beim diesjährigen Pfyfferli. Er revanchierte sich mit einem Besuch ihres albanischen Theaterstücks. Vor der Vermittlungsaktion durch das Heks war ihr sein Name jedoch nicht geläufig. Sie musste ihn zuerst googeln. Erst dann dämmerte ihr, dass sie ja schon einige Theaterstücke mit ihm gesehen hatte. Sie lächelt verschmitzt. Er hat es nicht gehört.

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