Gesundheit
Fett ist nicht gleich Fett

Lange galt der Body-Mass-Index, kurz BMI, als Mass der Dinge. Forscher haben jetzt eine aussagekräftigere Berechnungsformel entwickelt.

Benjamin Wünsch
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Übergewicht ist nicht nur eine Frage der Ästhetik. Zu viel Fett erhöht nicht nur die Zahl der Kilos auf der Waage, sondern auch das Risiko zu erkranken. Doch wie weiss man, ob zusätzliche Pfunde gleich als medizinisches Problem einzuordnen sind? Bisher galt der Body-Mass-Index, kurz BMI, als Mass der Dinge. Zu Unrecht, meint ein Forscher-Team aus München. Um die Gefahr für die Gesundheit sinnvoll einzuschätzen, müsse am Bauch gemessen werden.

Nicht die Menge, sondern die Verteilung des Körperfetts sei entscheidend, sagt Harald Schneider von der Medizinischen Klinik der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität. In einer von ihm geleiteten Studie wurde nachgewiesen, dass der BMI für das Schlaganfall-, Herzinfarkt- oder Todesrisiko eines Menschen gar keine Rolle spielt. «Im Gegenteil, wir hatten einen leichten Trend, dass Patienten mit höherem BMI sogar ein bisschen besser abschneiden», sagt Schneider. Beim BMI wird das Gewicht in Kilogramm durch die Körpergrösse in Metern zum Quadrat geteilt. Heraus kommt eine Statistik, derzufolge 75 Prozent aller deutschen Männer und fast 60 Prozent der Frauen übergewichtig, mehr als 50 Prozent der Männer und 23 Prozent der Frauen gar fettleibig sind. Was diese Statistik nicht berücksichtigt: Bei sportlichen Menschen sind es oft Muskeln, die das Gewicht und damit den BMI nach oben treiben. Und selbst wenn Fett den Ausschlag gibt: Fett ist nicht gleich Fett. Schneider und seine Kollegen sprechen in ihrer Studie von «gutem und bösem Fett». Der Speck um den Bauch könne schädliche Fettsäuren abgeben und diverse entzündungsfördernde Botenstoffe in den Körper abgeben. Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Schlaganfälle können die Folge sein. Das so genannte Unterhautfett, das «Geschwabbel» an den Oberschenkeln, an den Armen oder am Gesäss, ist hingegen ungefährlich. Frühere Untersuchungen haben gezeigt, dass dieses Fett etwa im Sinne einer Isolation sogar eine gewisse Schutzfunktion hat.

Das Bauchfett dient biologisch gesehen als eine Art Reserve. Es wird vergleichsweise kurzfristig angesammelt und kann bei kurzfristigem Energieaufwand auch schnell wieder abgebaut werden. In der heutigen Zeit ist dieses von der Natur praktisch eingerichtete Prinzip allerdings häufig gestört. «Wir müssen keinem Mammut mehr hinterherrennen, wir gehen einfach in den Supermarkt, kaufen uns unser Fleisch und setzen uns vor den Fernseher», sagt Schneider. Die Reserven um den Bauch werden dadurch natürlich immer grösser. In Bezug auf Diäten ist das eine gute Nachricht: Bewegung und Ernährung nützen mehr, als man es dem Körper äusserlich vielleicht ansieht. Denn während das aus medizinischer Sicht «gute» Fett an Armen und Beinen sich nur allzu oft als geradezu diätresistent erweist, spricht das «böse» Bauchfett mit seiner aktiven Speicherfunktion in der Regel sehr gut auf derartige Massnahmen an. Das Gesundheitsrisiko eines Menschen lässt sich dementsprechend am besten an der Taille messen.

Ginge es nach den Münchner Wissenschaftern, würde der von medizinischen Fachgesellschaften und der Weltgesundheitsorganisation zur Messung des Körperfetts empfohlene BMI baldmöglichst durch einen anderen Richtwert ersetzt– den «waist-to-height-ratio», bei dem nicht Gewicht, sondern Taillenumfang durch Körpergrösse geteilt wird. Mit diesem Wert lässt sich wesentlich besser als mit dem BMI voraussagen, ob ein Mensch einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall bekommt oder daran stirbt. Das jedenfalls ist das Ergebnis der Münchner Studie, bei der knapp 11000 Probanden bis zu acht Jahre lang beobachtet wurden. Verlässliche Richtwerte sind für Mediziner wichtig. «Man braucht Grenzwerte, um zu entscheiden, ist eine Gesundheitsgefährdung da, muss ich mit einer Therapie anfangen, und wie aggressiv muss ich die Therapie machen», sagt Schneider. Bei stark übergewichtigen Patienten sei die Diagnose meist eindeutig. In solchen Fällen helfe manchmal nur die radikalste Methode, nämlich die operative Magenverkleinerung. Schwieriger seien die Grenzfälle. So würden verschiedene Gremien empfehlen, schon bei einem vergleichsweise niedrigen BMI von 25 Diäten zu verordnen. «Das ist aus meiner Sicht falsch», sagt Schneider. «Die Leute quälen sich oft unnötig. In solchen Fällen muss wirklich auf den Bauch geguckt werden.»

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