„Es ist nicht selbstverständlich, eine gute Schulbildung zu bekommen“

Kürzlich wurde in der Schule Tägerst in Affoltern geschrieben, gekocht, gebohrt, gewerkt, geflochten, gekleistert, gesammelt, geformt, gelacht, fotografiert, diskutiert, gesägt, gefeilt, besprochen, erklärt, abgefüllt, gemalt, geheftet… all dies zu Gunsten von Kindern in Rumänien.

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Tägerst 3.jpg

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Anzeiger aus dem Bezirk Affoltern

Von Regula Zellweger

Schulleiter Manfred Pfammatter weiss: „Es ist nicht selbstverständlich, eine gute Schulbildung zu bekommen". In der Schule Tägerst wird alles getan, damit die 44 Schülerinnen und Schüler zwischen neun und siebzehn Jahren genau das bekommen. „Jedes Kind trägt eine Vielfalt von Fähigkeiten in sich. Es will im Grunde seines Wesens lernen und sich entwickeln. Verschiedene Ursachen können dieses Potenzial beeinträchtigen und die Entwicklung verzögern. Die besondere Aufgabe unserer Erziehung ist es, mit Geduld, Liebe und Konsequenz die Möglichkeiten der Kinder und Jugendlichen zu fördern und ihnen eine Bildung zukommen zu lassen, die sie für den Anschluss an das Berufsleben vorbereitet", steht im Leitbild der Schule. Am Projekttag konnte man es erleben: Kein Lippenbekenntnis! Die acht Schülerinnen und Schüler der Abgangsklasse beispielsweise beginnen alle eine Lehre oder treten in eine weiterführende Schule über. „Ich werde Verkehrswegbauer", erklärt ein Schüler stolz.

Spass an der Sache

Leise ist es nicht im hellen, freundlich eingerichteten Schulhaus. Da wird in altersdurchmischten Kleingruppen gearbeitet und kommuniziert. Die Kinder und rund zwanzig Lehrpersonen und Betreuerinnen haben ein klares Ziel. Am Abend liegen Produkte vor, die zugunsten "Pentru copiii abandonati", dem Verein zur Unterstützung verlassener Kinder in Rumänien, verkauft werden. Durchsichtige Japanschalen, Kugeln aus Weide, stabile Bücherständer, fantasievoll beschriftete Fotokarten, Erdbeermarmelade, Brettspiele und sogar Wildbienenhotels. „Dieser Tag ist nicht so strukturiert wie der Schulalltag sonst", meint Werklehrer Urs Moser, „aber einige unserer Schüler gelangen gerade in dieser Atmosphäre zu Höchstform". Auch er hat sichtlich Freude daran, wie seine Gruppe engagiert an den Wildbienenhotels arbeitet.

Umweltengagement Wildbienenhotel

Carmen bindet gesammelte Pflanzenteile zu Bündeln. Sie sollen ins Wildbienenhotel integriert werden, einem mit einem Dach gedeckten vielfältig bestückten Regal. „Das Hotel hat verschiedene Stockwerke", erklärt Carmen, „es gibt verschiedene Orte, wo sich die Bienen verkriechen können. Beispielsweise zwischen Schilfhalmen oder in Löchern, die wir in kleine Birkenstammscheiben bohren. Wildbienen haben es schwer zu überleben, dabei sind sie für die Umwelt ganz wichtig. Ohne Bienen hätten wir keine Früchte". Sagt's, stülpt die dicken Handschuhe über und wendet sich eifrig wieder ihren Bündeln zu.

Maik arbeitet mit Hammer und Stechbeitel. Er arbeitet flache Vertiefungen in ein dickes Brett ein. Ein afrikanisches Brettspiel entsteht. Nein, er wisse nicht, wie man es spiele, aber die Arbeit mache Spass und brauche viel Geduld. In der Küche stehen grosse Jungen in Schürzen und rüsten Erdbeeren, die sie frühmorgens bei Regenwetter auf dem Feld gepflückt haben. Trotz Regen und Schürzen - es macht Spass.

Gemeinschaft leben, Toleranz lernen

Beim gemeinsamen Mittagessen an Sechsertischen im hellen, blumengeschmückten Raum wird viel gelacht und erzählt. Die verantwortliche Lehrperson holt die Schüsseln, jemand übernimmt das Schöpfen. Heile Welt? „Nein, nein, die Probleme von aussen schwappen auch in unseren Schulalltag über", lacht Manfred Pfammatter, „wie unsinniges Medienverhalten oder Streitereien, das gibt es auch bei uns und ist Teil unserer täglichen Herausforderung. Wir wollen nicht sinnlos bestrafen, sondern Folgen und Alternativen aufzeigen. Wir haben offen formulierte Grundsätze. Respekt und Wertschätzung gehören zur Grundhaltung. Sanktionen erfolgen sofort und haben einen direkten, sinnvollen Bezug zum Verfehlen. Wir möchten auf Vernunft und Einsicht bauen können. Da die Kinder unterschiedliche Bedürftigkeiten und Bedürfnisse haben, ist Toleranz unumgänglich. Dies verlangt viele Gespräche und Konsequenz". Kein Wunder, gibt es für die Schule zu viele Anmeldungen, sogar aus verschiedenen Kantonen. „Wir wollen keine Lernfabrik werden, deshalb expandieren wir nicht. Noch immer sind wir so was wie eine grosse Familie, und das wollen wir auch bleiben".

Die Produkte werden anlässlich der Sommerquartalsfeier, des Spätsommerfests und der Herbstquartalsfeier verkauft