Sternwarte
Ein Emmentaler Käse leuchtet vom Himmel

Vor 400 Jahren beobachtete Galileo Galilei erstmals mit einem Fernrohr den Himmel über uns; am letzten Samstag lud die Schulsternwarte in Langenthal gross und klein zu einer Himmelsbeobachtung ein.

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Ein Emmentaler Käse leuchtet vom Himmel

Ein Emmentaler Käse leuchtet vom Himmel

Berner Rundschau

Martina Schlapbach

DIE DÄMMERUNG hat ihren Schwellenpunkt erreicht, das Objekt, das für Stunden im Zentrum der Aufmerksamkeit stand, ist verschwunden. «Die Sonne befand sich heute leider in einem Winterschlaf», fasst Bernhard Christen die nachmittäglichen Beobachtungen zusammen, und präzisiert: keine Sonnenflecken und keine Gasauswürfe; die Lichtkugel präsentierte sich, betrachtet durch den Wasserstoffalphafilter, der dem betrachtenden Auge zuliebe nur eine bestimmte Wellenlänge Licht durchlässt, als weisse, ruhige Scheibe.

IM RAHMEN der globalen Beobachtungskampagne des Himmelszeltes, welche dieser Tage im von der Unesco erklärten Jahr der Astronomie stattfindet, empfängt Christen, Leiter der Sternwarte Langenthal, seit dem frühen Nachmittag interessierte Personen auf dem Dach des Kreuzfeld Schulhauses 4. Nun, der Uhrzeiger am Schulhaus gegenüber zeigt auf die acht, der Filter ist entfernt, und durch die langgezogene Kuppelöffnung erscheint ein anderes, nicht minder bekanntes Himmelsobjekt. «Das schaut aus wie die Löcher in einem Emmentaler», umschreibt die Betrachterin das sich ihr durch das Fernrohr rund präsentierte Bild: die Krater des Mondes.

«JA, WIE EIN RUNDER KÄSE», stimmt die Schwester der Beobachtenden zu. Svenja und Jule Schärer aus Konolfingen schauen erstmals durch ein Fernrohr. Von ihren Grosseltern, bei denen sie zurzeit ihre Ferien verbringen, wurden die Enkelinnen, beide unwissend um des abendlichen Spaziergang Zieles, auf das Kreuzfeld-Dach gelotst. «Die Überraschung ist perfekt», sind sich die beiden Himmelsbetrachterinnen einig, und befinden sich gedanklich kurzum selber auf dem Mond. «Für ein Picknick wäre es toll, dahin zu reisen», sagt die 10-jährige Svenja, und die 9-jährige Jule stimmt ihr bei: «Aber nur, wenn die ganze Familie mitkäme und wir anschliessend wieder zurückfliegen könnten.»

IM GLEICHSCHRITT mit der sich langsam aber stetig ausbreitenden Dunkelheit besteigen stetig wachsende Menschenmassen das Schulhausdach um einen Blick Richtung Himmel zu werfen. Neue Lichtkörper rücken in den Fokus der Betrachtung, und mit ihnen erweiterte, kurzum ins Unvorstellbare gleitende Imaginationswelten. Die eine Tonne schwere, auf Kugellager liegende Kuppel wird erneut gedreht, die grosse Mondfläche auf der Linse durch einen kleinen Punkt ersetzt. Als «funkelnden Diamanten» erscheint in den Worten des jungen Betrachters der Stern, der der hellste im Bild des Kleinen Hundes ist.

DEN UM GLITZER UND HELLIGKEIT angesiedelten Attribute hält Max Weber, der die Leitung der aus dem Jahre 1939 stammenden Sternwarte bis vor zwei Jahren innehielt, konkrete Fakten gegenüber: Über 15000 Grad Celsius herrschen auf Prokyon, dem funkelnden Stern, 11407 Lichtjahre ist er entfernt, wobei ein Lichtjahr mit neun Billionen Kilometern gleichzusetzen ist. Die genannten Zahlen führen in Verbindung mit dem durch das Fernrohr Gesehenen zu gedanklichen Vorstössen ins Unermessliche. Fragen nach Grösse und Umfang einer Billion werden gestellt, Vergleiche herbeigezogen, philosophische Grenzgebiete reflektiert.

WÄHREND DIE EINEN BESUCHER im Kuppelraum Schulter an Schulter zueinander stehen, treten andere ins Freie. Dem gefühlten Bewusstsein um die Weite des Raums und die Relativität der eigenen Existenz wird mit der Suche nach einem Stück Alltag, der eigenen Wohnung oder dem grosselterlichen Haus, vom Dach aus begegnet. Die Beobachtungsbedingungen seien heute leider nicht ideal, kommentiert Bernhard Christen die am Himmel aufziehenden Schleierwolken, findet aber gleichzeitig ein neu aufblitzendes Objekt. So wird die Kuppel wieder gedreht, und via Rohr begegnet das betrachtende Auge dem bekannten Planeten Saturn und seinen über hundert, in fünf Bündeln formierten Ringen. Bis nach Mitternacht kreist die Kuppel immer weiter, sucht nach dem Licht, welches das nächtliche Himmelsschwarz durchbricht und deutlich macht, was der deutsche Naturphilosoph Friedrich Johannes Kepler, ebenfalls bereits vor 400 Jahren, entdeckte: Dass die Erde des Universums Zentrum nicht ist.

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