Staatsfeind
Der Staatsfeind Nummer eins

Ausstellung zum 100. Geburtstag von «Buchhändler – Kommunist – Querdenker» Theo Pinkus «Roter Büchernarr» und «Bewegungskünstler» sind zwei Spitznamen, die der Zürcher Theodor Pinkus (1909 – 1991) zu Lebzeiten trug. Mit einer Ausstellung und einer Veranstaltungsreihe wird der «Fichenkönig» nun geehrt.

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Theo Pinkus

Theo Pinkus

Limmattaler Zeitung

Martin Reichlin

Kein Schweizer wurde gründlicher überwacht als Paul Theodor Pinkus. Insgesamt 252 Seiten legte die Bundespolizei, unterstützt durch Stadt und Kanton Zürich, über den Zürcher Buchhändler und Publizisten an. Und was immer der umstrittene Linke zwischen dem 10. September 1936, als Pinkus bei einer Razzia festgenommen wurde, und den späten 80er-Jahren, als die staatliche Spitzelei durch die «Fichenaffäre» vorübergehend zum Erliegen kam, auch tat, es schien wichtig genug, es aufzuschreiben.

Pinkus-Veranstaltungen

• 15. Sept., 18 Uhr: Vergangenes,
Bleibendes, Utopisches aus dem
Leben und Wirken von Theo Pinkus. Podiumsdiskussion.
• 13. Okt., 18 Uhr: Menschen in der Komintern: Theo Pinkus und andere. Brigitte Studer, Historikerin.
• 10. Nov., 18 Uhr: Theo Pinkus -
ein «nichtjüdischer Jude»? Berthold Rothschild, Psychiater.
• 24. Nov., 18 Uhr: Ist der Sozialismus wieder aktuell? Oskar Negt, Sozialphilosoph.
• 8. Dez., 18 Uhr: Aus den Trümmern des Vergangenen. Elmar Altvater,
Professor em. für Internationale Politische Ökonomie.
Alle Veranstaltungen in der Zentralbibliothek Zürich, Zähringerplatz 6. www.zb.uzh.ch

Dokumente der Überwachung

Ein kleiner Teil dieser überwältigenden Menge an Informationen ist nun in der Zürcher Zentralbibliothek zu sehen. Zum 100. Geburtstag des in Zürich geborenen Spross einer jüdischen Familie eröffneten sein Sohn André und der ehemalige Stadtpräsident Josef Estermann gestern die Ausstellung «Theo Pinkus. Buchhändler - Kommunist - Querdenker». «Die Ausstellung zeigt die Biographie eines engagierten Zürchers», sagte André Pinkus vor gut 200 Interessierten, «und sie dokumentiert eine lebenslange, politisch motivierte Überwachung durch die Bundespolizei.»

Dokumentiert werden in der Schau mit vielen Fotos, Tonaufnahmen, Videos und - eben - Fichen die wichtigsten Stationen in Pinkus' Leben. Wie er schon als Gymnasiast den Sozialismus für sich entdeckte, die Machtübernahme der Nazis und seine Vertreibung aus Berlin erlebte, später der Kommunistischen Partei beitrat, aber bald wieder ausgeschlossen wurde. Oder wie er, unterstützt von seiner Frau Amalie, 1940 den «Büchersuchdienst» gründete, aus dem später eine Buchhandlung, ein Treffpunkt der Linken und schliesslich ein internationales Netzwerk entstanden.

«Das hätten sich Theo und Amalie nicht träumen lassen», meinte Josef Estermann in seiner Ansprache. Dass ihr Werk, einst als «Gegenwelt» zur etablierten bürgerlichen Gesellschaft entworfen, eines Tages in einer Hochburg etablierter Kultur, der Zentralbibliothek, geehrt werde.

Brillant und verbissen

Ein kleiner Höhepunkt ist dabei jene Akte, in welcher die Bundespolizei 1973 zur Frage, ob Pinkus weiter überwacht werden soll, bemerkte: «Seine brillante Fähigkeit und die verbissene Beharrlichkeit, vorab junge Leute für den Kommunismus zu begeistern, stempelten ihn zum Objekt Nummer eins unseres Staatsschutzes.»

Gleich daneben prangt ein Vermerk der Stasi, des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR, von 1962: «Pinkus' jetzige Ansichten und seine Haltung sind jedoch offen gegen die Partei gerichtet. Unter anderem bezeichnet er die Partei der Arbeit als eine Sekte unverbesserlicher dogmatischer Starrköpfe, was er auch auf die anderen kommunistischen und Arbeiterparteien überträgt.

(. . .) Er verneint die Diktatur des Proletariats, die führende Rolle der Sowjetunion und stellt die ‹bürgerliche Demokratie der Schweiz› als Vorbild auch für die anderen sozialistischen Staaten hin.
(. . .) Typisch ist, dass Pinkus seine Ansichten massgeblich aus den vom westdeutschen ‹Ostforschungsinstitut› herausgegebenen Hetzmaterialien bezieht und zahlreiche Verbindungen zu Trotzkisten und Agenten imperialistischer Geheimdienste unterhält.» Das hätten sich Theo und Amalie Pinkus wohl nicht träumen lassen.