A4
Der Ingenieur der ersten Stunde

35 Jahre lang hat sich Jean Thiry als Ingenieur mit der Autobahn durchs Knonaueramt befasst, an Varianten mitgearbeitet, optimiert und mit den verschiedensten Interessengruppen verhandelt. In fünf Wochen wird «seine» A4 eröffnet.

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Lebenswerk

Lebenswerk

Limmattaler Zeitung

Werner Schneiter

Sie hat im Säuliamt die schärfsten politischen Debatten ausgelöst. Und sie hat polarisiert wie keine andere Sachvorlage: Nach heftigen Auseinandersetzungen, nach jahrelanger Planung und so mancher Projektüberarbeitung wird am 13. November die A4 eröffnet.

Während 35 Jahren, bis zur Pensionierung 2003 als Projektleiter National- und Hauptstrassen im kantonalen Tiefbauamt, hat sich Jean Thiry mit der umstrittenen Strasse befasst. Kaum einer weiss, vor allem in technischer Hinsicht, so umfassend Bescheid über die N4, die heute A4 heisst, die Verfahrensabläufe und politischen Vorgänge.

«Die N4 ist mein Lebenswerk»

«Ja, die N4 ist sozusagen mein Lebenswerk», sagt Jean Thiry heute. Mit 63 war er in den Ruhestand getreten, aber das Kapitel «Autobahn» erfuhr zumindest einen kleinen Anhang: Auf Wunsch des Kantons räumte

er das Nationalstrassen-Archiv. «Dabei kam viel Interessantes zum Vorschein», erzählt Thiry.
Im September 1967 trat Thiry die Stelle beim Kanton an und befasste sich vorerst während eines Jahres mit dem Ausbau der Doppelspur am rechten Zürichseeufer. 1968 erfolgte der Wechsel ins National- und Hauptstrassenbüro der kantonalen Baudirektion. «Zusammen mit einem Zeichner, der bei mir die Lehre absolviert hatte, entwarf ich das Projekt des Autobahnabschnitts bei Knonau», erinnert er sich.

Später folgten Planauflage, Einspracheverfahren und Ausführungsprojekt, das der Bundesrat 1970 genehmigte. «Und dies am 29. Januar, am Tag meines 30. Geburtstages», fügt er lachend bei. Das Teilstück von der Zuger Kantonsgrenze bis zur Gemeindegrenze Mettmenstetten wurde 1975 gebaut.

«Übernutzte» Demokratie

Zu seinen schwierigeren Aufgaben im langen Berufsleben zählten die Verhandlungen mit den jeweiligen Einsprechern. «Da ging es oft um Einzelinteressen und um unrealistische, ja geradezu absurde Forderungen», sagt Jean Thiry, der auch böse Briefe und Anfeindungen anderer Art erlebt hat. Insgesamt waren es rund 600 Einsprachen, deren Erledigung nicht mehr mit Einzelgesprächen möglich war. «Wer bei einer Behörde arbeitet, muss den politischen Willen umsetzen» - diese nüchterne Betrachtungsweise ergänzt Jean Thiry rückblickend mit der Feststellung: «Bei der N4 ist die Demokratie phasenweise ‹übernutzt› worden.»

1976 folgten die N4-Planauflage, die auch den Bau des Üetlibergtunnels einschloss, sowie die Einspracheverhandlungen mit Privaten. Nach einer Motion des SP-Nationalrats Otto Nauer wurde aber alles sistiert. Es war die Geburtsstunde der Arbeitsgruppe «Autobahnfreies Knonaueramt». Es herrschte planerischer Stillstand bis zum Entscheid der Kommission Biel. Und die sagte dann unter grossem Getöse Ja zur Fertigstellung der restlichen Autobahnteilstücke.

Das Nein zur Kleeblattinitiative am 1. April 1990 stellte die Ampeln für den Bau der restlichen Teilstücke endgültig auf Grün. Und als der Bundesrat das «Generelle N4-Projekt» mit den beiden Anschlüssen Affoltern und Wettswil genehmigte, war auch Ingenieur Thiry wieder voll dabei. 1995 sagte der Bundesrat Ja zur Variante «Islisberg lang». Es galt, das Ausführungsprojekt zu erstellen.

Optimiert, optimiert, optimiert . . .

Es folgten die Optimierungsphasen: Überdeckungen wurden ins Spiel gebracht, ebenso der Landschafts- und Wildtierschutz. Und immer ein Thema waren natürlich auch die Projektkosten. «Mit gut 1,1 Milliarden wird man die N4 abrechnen», prognostiziert Thiry.

Und wie sieht der Ingenieur der ersten Stunde das vollendete Bauwerk heute, sechs Jahre nach seiner Pensionierung? «Das Projekt ist so herausgekommen, wie ich mir das vorgestellt habe - auch in Bezug auf Landschafts- und Naturschutz. Zumindest auf der offenen Strecke ist das Kosten-Nutzen-Verhältnis gegeben. Insgesamt dient das Werk dem Säuliamt und dessen Bewohnern in den Ortschaften.»

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