Zürich

Adoptiert und gestört?

Schadet eine Adoption den Kindern?

Kinderkrippe Urdorf

Schadet eine Adoption den Kindern?

Die Verteidigung des «Todesschützen vom Hönggerberg» argumentierte, sein Mandant sei seit frühester Kindheit traumatisiert. Dabei spiele auch seine Adoption eine Rolle.

Martin Reichlin

«Viele Adoptivkinder entwickeln Verhaltensstörungen», sagte der Verteidiger vorgestern vor dem Zürcher Obergericht, als er sein Plädoyer für den Mörder Luis W. (23) hielt. Die kombinierte Persönlichkeitsstörung mit stark narzisstischen und dissozialen Zügen, die W. in einem psychiatrischen Gutachten attestiert wurde und die den Hintergrund der Ermordung von Francesca (16) bildete, habe ihren Ursprung in traumatischen frühkindlichen Erlebnissen. Mit eins war W. von der Mutter bei Verwandten abgesetzt und nie wieder abgeholt worden. Kurz darauf wurde der Junge in ein Heim abgeschoben, bevor ihn schliesslich mit drei das Schweizer Ehepaar W. adoptierte.

Studie belegt Häufung

Selbstverständlich ist es unzulässig, adoptierte Menschen unter den Generalverdacht zu stellen, verhaltensauffällig oder gar gefährlich zu sein. Doch 2008 ging eine Studie der Frage nach, warum in der Psychiatrischen Uniklinik von Marburg (D) markant mehr adoptierte Kinder behandelt werden, als solche aus der «Normalbevölkerung». Waren von 3613 Patienten in den Jahren 1983 bis 2000 weniger als ein Prozent Kinder aus der Normbevölkerung, machten Adoptierte knapp vier Prozent aus.

Die Autorin stellte fest, dass sich unter den Adoptierten klar «häufiger Patienten mit Diagnosen aus dem Bereich der Verhaltens- und emotionalen Störungen mit Beginn in der Kindheit und Jugend fanden. In dieser Gruppe dominierten die hyperkinetischen Störungen und die Störungen des Sozialverhaltens, aber auch kombinierte Störungen des Sozialverhaltens und der Emotionen waren häufig. Erkrankungen aus dem Bereich der Schizophrenien, schizotypen und wahnhafte Störungen.»

Gründe bleiben unklar

Die Erforschung der Ursachen schaffte die Studie nicht. Es könne aber spekuliert werden, «dass die Gründe eine Mischung aus genetischer Anlage, Umweltfaktoren und des Einflusses des Adoptionsprozesses sein dürften.»

Darum also die Frage an Priska Luther von der Fachstelle für Adoption: Warum sind Adoptierte häufiger psychisch auffällig? «Uns ist nicht bekannt, dass ein signifikanter Zusammenhang zwischen Adoptionen und psychischen Störungen bei Kindern und Jugendlichen festzustellen ist. Dafür spielen auch zu viele Aspekte wie Alter, Vorgeschichte, sozialer Status oder Herkunftsland mit. Von Auslandsadoptionen aber wissen wir aus Erfahrung, dass sie tendenziell problematischer sind. Das hängt damit zusammen, dass die Kinder meist etwas älter sind und eine eigene, unter Umständen wechselhafte Geschichte mitbringen. Und dass sie aus ihrem angestammten kulturellen und sozialen Umfeld herausgeholt und in einen neuen Kulturkreis versetzt werden.»

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