Zum Geburtstag

Danke, dass Sie den Ärger nicht gescheut haben, Jürgen Habermas!

Jürgen Habermas (90) – Intellektueller und Philosoph: «Jede dieser Rollen so spielen, dass die jeweils anderen gleichzeitig sichtbar bleiben.»Isolde Ohlbaum/laif

Jürgen Habermas (90) – Intellektueller und Philosoph: «Jede dieser Rollen so spielen, dass die jeweils anderen gleichzeitig sichtbar bleiben.»Isolde Ohlbaum/laif

Jürgen Habermas, der berühmteste Philosoph im deutschen Sprachraum, der nie ein «Meisterdenker» sein wollte, wird 90.

Jürgen Habermas wird heute 90. Er ist – daran wird auch der Publikationsfuror eines Peter Sloterdijk nichts mehr ändern können – der berühmteste Philosoph im deutschen Sprachraum in der Nachkriegszeit des 20. Jahrhunderts. Das Publizieren hat allerdings auch er nicht vernachlässigt: Zu den vielen tausend Seiten, die der Suhrkamp-Verlag von ihm schon herausgebracht hat, sollen in diesem Herbst noch 1700 Seiten «Auch eine Geschichte der Philosophie» kommen. Darin geht Habermas dem Verhältnis von Glauben und Wissen nach. Er ist uns das schuldig, weil er in den letzten Jahren offenbar dem Glauben noch gewisse Dinge abgewinnen konnte. Das erstaunte jene, die ihn schon länger als säkularen Denker kannten, doch ein wenig.

Berühmt ist Jürgen Habermas auch wegen seiner Formulierungen. Sprachprägungen, die sich derart in den zeitgenössischen Diskurs eingegraben haben, dass man ihre Herkunft gar nicht mehr kennt: «Wissenschaft und Technik als Ideologie», «Herrschaftsfreier Diskurs», «Die neue Unübersichtlichkeit», «Die Kolonialisierung der Lebenswelt» und – last but not least – «der zwanglose Zwang des besseren Arguments». Bekannt ist dafür noch, dass Habermas 1967 nach einer Disputation mit Rudi Dutschke der studentischen Protestgeneration «Linksfaschismus» vorwarf. Er hat das später zwar zurückgenommen, aber wer über 1968 die Nase rümpft, greift es doch gerne auf. Dabei gehörte Habermas quasi als «Junior-Mitglied» der Frankfurter Schule doch auch jener philosophischen Strömung an, aus der die Protestjugend damals schöpfte. «Der eindimensionale Mensch» und anderes von Herbert Marcuse war damals bekannter, dafür heute vergessener als die Schriften von Jürgen Habermas. Habermas war zwar Assistent von Theodor W. Adorno, aber gegenüber der Kritischen Theorie doch immer eigen- und selbstständig.

Vernunft in der Kommunikation

Jürgen Habermas musste aber auch einstecken. «Nun sprecht mal schön!» übertitelte 1982 Karl-Markus Michel im «Spiegel» seine Rezension von «Theorie des kommunikativen Handelns». Ob die Häme verdient ist oder nicht, sie hat einen Grund. Und der liegt in der bemerkenswert einfachen Feststellung, dass jegliche Kommunikation auf Verständigung abzielt und dass sich darauf eine Rechtfertigung eines Vernunftbegriffs bauen lässt. Der war aus der jüngeren deutschen Geschichte – und Habermas war als einer, der 1929 geboren wurde, zwar kein Täter, aber auf jeden Fall Zeuge – ziemlich beschädigt hervorgegangen. Was kann man der Vernunft noch zutrauen, wenn sich ein vollzivilisiertes Kulturvolk in eine Mörderbande verwandelt hat?

Horkheimer und Adorno, die späteren Frankfurter Kollegen, hatten 1944 ihre Skepsis geäussert: Die «Dialektik der Aufklärung» hatte der Vernunft ihre aufklärerische Wirkung abgesprochen und sie zur «instrumentellen Vernunft» erklärt. So leicht resignierte Habermas nicht. Das «Projekt der Moderne», was die Menschheit seit 1789 als «liberté, egalité, fraternité» verfolge, sei keineswegs gescheitert, sondern harre noch seiner Vollendung.

Der Begriff der Vernunft läuft ebenso Gefahr, dass man ihn zu trivial wie dass man ihn zu überschwänglich findet. Vernunft gibt es zweifellos im Alltag, wenn man sich eines Verhaltens befleissigt, das im Verfolgen seiner Ziele so vorgeht, dass es von den anderen akzeptiert wird. Und zwar derart, dass die anderen die Ziele für berechtigt halten und der Art und Weise, wie sie verfolgt werden, generell zustimmen. Vernunft hat aber auch einen normativen Charakter, sodass es möglich ist, dass eine Gesellschaft, die von ihr als «vernünftig» deklarierten Ziele verfehlen kann. Vernunft wäre dann auch Legitimation für Kritik. Überschwänglich könnte man dann den Anspruch der Vernunft finden, der Gesellschaft das Wahre oder das Richtige vorzuschreiben.

Die Vernunft hat viele Subjekte

Anmassend wäre das aber nur, wenn sich Einzelne als «Sprachrohr der Vernunft» inszenieren würden. Weitet man den Begriff hingegen aus, dass prinzipiell alle zugelassen sind, sich an dieser Kritik zu beteiligen, sieht es anders aus. Habermas versucht zu zeigen, dass dies nicht nur berechtigt ist, sondern auch hinreichend, um zu funktionieren. In allen Kommunikationsakten sind Vernunftansprüche drin, wenn sie gelingen sollen: Das Gesagte sollte «wahr» sein, die behauptete Normativität «richtig» und die subjektive Einstellung «wahrhaftig».

Erfolgreich ist die Kommunikation dann, wenn man verstanden wird. Damit ist die Ich-du-Dimension angesprochen. Und kommunizieren tun wir ja nicht aus dem Blauen heraus, sondern immer schon auf einer mindestens sprachlich bereits vorhandenen Basis, auf die wir uns wechselseitig beziehen müssen. So gesehen, kann sich die Rationalität einer Gesellschaft durchaus einstellen, wenn «mal schön gesprochen» wird. Zumindest prinzipiell können sich gleichberechtigte Teilnehmer an einem demokratischen gesellschaftlichen Diskurs über ihre Ziele und Methoden einig werden.

Die Philosophie müsse «an der Rolle eines Hüters der Rationalität» festhalten, schrieb Habermas einmal. «Eine Rolle, die nach meinen Erfahrungen zunehmend Ärger einbringt und gewiss zu nichts mehr privilegiert.» Danke, dass Sie den Ärger trotz dem allem nicht gescheut haben, Jürgen Habermas!

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