Auch für Buchs war man sich dereinst sicher: Dem Luftverkehr gehört die Zukunft

Zukunftsgedanken machte man sich früher schon. Und auch an utopischen Flug-Vorstellungen im Werdenberg mangelte es nicht.

Hansruedi Rohrer
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Alte Postkarte: Buchs in der Zukunft mit viel Verkehr am Boden und in der Luft. Bilder: Archiv Hansruedi Rohrer
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Alte Postkarte: Buchs in der Zukunft mit viel Verkehr am Boden und in der Luft. Bilder: Archiv Hansruedi Rohrer
Alte Postkarte: Buchs in der Zukunft mit viel Verkehr am Boden und in der Luft. Bilder: Archiv Hansruedi Rohrer

Alte Postkarte: Buchs in der Zukunft mit viel Verkehr am Boden und in der Luft. Bilder: Archiv Hansruedi Rohrer

«Buchs in der Zukunft» oder «Luftfahrthalle Grabs»: mit diesen zwei alten Postkarten wurde in den 1920er Jahren aufgezeigt, dass die beiden Dörfer mindestens verkehrstechnisches Entwicklungspotenzial haben. Wenigstens in der Fantasie. Auch was der frühere Buchser Schreinermeister Hans Ködderitzsch im Jahr 1909 mit seiner Skizze zeigte, war utopisch. Die Zeichnung trug den Titel «Die Verkehrsverhältnisse in Buchs im Jahre 1920». Diese Vision legte der damalige Handwerkerverein am Vereinsabend des 23. Januar 1909 – also vor 110 Jahren – seinen Mitgliedern vor.

Ein futuristischer «Buchser Brief nach 500 Jahren» von Hans Auburger an «den lieben Fritze» in Australien, der 1932 im W&O veröffentlicht wurde, schildert die Besonderheiten der Stadt im Juni 2432. Die Rede ist von Buchs, die genau 61 212 Einwohner zählt und seit dem 1. Mai 2429 in den Luftverkehr für Güter- und Viehtransporte aufgenommen wurde. «Du kannst Dir denken, wie so eine Kuh ein langes Gesicht macht, wenn sie im Flugzeug in die Höhe steigt», schreibt der Absender. «Die Milch, welche eine Kuh während der Luftreise entwickelt, soll um ein Mehrfaches vitaminhaltiger und daher sehr begehrt sein. Den Grund dazu kann ich nur in der plötzlichen Luftveränderung finden».

Der Personen-Luftverkehr am Sonntag ist gross

Überhaupt werde der Personen-Luftverkehr vor allem am Sonntag direkt lästig: «vorüberfliegende Töchter- und Männerchöre, spielende Musikvereine, trainierende Fussballclubs und übermütiges Jungvolk aus den Grossstädten.»

Doch der Schreiber war der Ansicht, dass sich das Buchs von heute zeigen darf. «Haben wir nicht ein modernes Stadttheater, sind wir nicht im Besitze mehrerer sinnreicher Denkmäler, ist nicht das neue Rathaus mit den herrlichen Spiegelsälen ein Wunder modernster Architektur? Und das Strandbad? Ich sage Dir, der verwöhnteste Sportmensch ist entzückt. Da gibt es künstliche Heisswasserquellen, heilende Schwefelwasserbecken, mächtig ausstrahlende Springbrunnen, deren niederfallendes Wasser als Rieselbäder benutzt werden. Untiefen verleihen dem Bade etwas Schrecklich-Natürliches. Zwei Tauchboote und drei winzige Dampfschiffchen vermehren den Reiz. Weisst Du, dass die neue Kirche bald eingeweiht wird? Diesen Wunderbau solltest du sehen! Und die Glocken? Ich meine, Du müsstest sie bei günstigem Winde in Deinem Erdteil hören.

Der Abbruch der alten Kirche hat allerlei Merkwürdigkeiten zutage gebracht. Sie soll 500 Jahre bestanden haben. Ihr erster Pfarrer war ein Appenzeller und hiess W. Sonderegger. Der Stadtammann oder Gemeindeammann, wie er in der damals nur 5000köpfigen Gemeinde hiess, war ein gewisser Schwendener. Doch das Merkwürdigste kommt erst noch. Auf dem Platz der alten Kirche stand schon einmal eine solche, die ihr Entstehen der Vorreformation verdankte.

Buchs-Süd, so sagt eine andere Chronik, wo die Fliegerstation liegt, mit dem vor 15 Jahren renovierten Südbahnhof, soll vor grauer Zeit Räfis-Burgerau genannt worden sein. Ich teile Dir mit, dass sich der Tieflauf des Rheins mit dem Vorgelände bestens bewährt hat. Das grosse Werk hat allerdings Millionen verschlungen, aber Hilfe war hier eine Rettung. Ich muss jetzt noch lachen, wenn ich daran denke, wie Du mir dereinst bei einem Hochwasser anbrachtest, Dein Vater habe, als der alte Rhein hochging, eine ganze Woche Druckwasser vom Estrich herunter getragen. Die Zahnradbahn, welche bis zu den Hotels am Buchserberg führte, ist nun verlängert worden, so dass man jetzt bequem bis auf den Dossen fahren kann. Die dortigen Kurhäuser werfen Riesengewinne ab, und es ist erklärlich, dass gegenwärtig ein Riesenbau projektiert ist, der alle fünf anderen Hotels in den Schatten stellen wird. Die Buchs-Nesslau-Bahn rentiert gut.

Schlimmer steht es um die Strassenbahn Buchs-Balzers. Hier macht sich schon die Konkurrenz der Einmann-Schmetterlingsflugzeuge geltend, welche mit Vorliebe zu kurzen Talstrecken benützt werden.

Dieses Flugzeug ist eigentlich das Velo der Luft, und da es sehr billig und sein Verbrauch minim ist, hat es sich im Volke schnell eingebürgert. Die Verluste, welche Buchs durch Aufhebung des Grenzbahnhofes erlitt, sind nun überwunden. Man wünscht die hemmenden Grenzen nicht mehr zurück und fühlt sich glücklich im aufblühenden Paneuropa.

Gestern war ich im Kino. Oh, was hätte ich gegeben, wenn Du bei mir hättest sein können. Ich sah mit eigenen Augen eine Schlacht aus dem vierjährigen Krieg, der von 1914 bis 1918 gedauert hat. Menschen haben sich mit fürchterlichen Maschinen, Kanonen heissen sie, mit Gewehren und Messern entsetzlich hingemordet. Ich glaube, der Film entstand im überreizten Gehirn eines Phantasiemenschen, denn so ein Morden erscheint mir denn doch zu dumm, um nur einigermassen glaubwürdig zu sein. Mein Nachbar, ein Professor der alten Geschichte, erklärte mir aber, dass in früheren Jahrhunderten wirklich solche Kriege stattgefunden hätten.

Nun, was glaubst Du von den Zeichen vom Mars? Ob es dort wirklich Menschen gibt, denen es gelungen ist, mit der Erde in Verbindung zu treten? Ich habe letzthin die Abhandlung eines Gelehrten gelesen, worin dargetan wird, dass uns das 25. Jahrhundert die Genugtuung bescheren wird, auf den Mars zu steigen. Noch eins! Unsere Grossväter leben nicht mehr in ungetrübtem Frieden wie ehedem. Sie sind eifersüchtig aufeinander. Bekanntlich ist mein Grossvater drei Jahre älter als der Deine und tritt im Herbst in das 112. Lebensjahr. Kommen die beiden im Gespräch auf die Zeiten von anno dazumal, so weiss mein Grossvater, eben weil er drei Jahre älter ist, viel mehr aus der alten Zeit zu berichten als der Deine. Dies erweckt dann den Neid des anderen! Mein Grossvater kann sich sogar daran erinnern, einen Arbeitslosen gekannt zu haben. Dies muss ein sonderbarer Mensch gewesen sein!

Der älteste Mensch von Buchs ist der Radiochöb. Er zählt 121 Jahre. In der Stadt leben gegenwärtig 250 hundertjährige Bürger und Bürgerinnen.

Auch wir haben Aussicht, alt zu werden, denn wie die Gelehrten herausgefunden haben, verlängert sich die menschliche Lebensdauer pro Jahrhundert um drei bis vier Jahre.

Der nächste Sonntag wird ein Markstein für Buchs. Es soll nämlich darüber abgestimmt werden, ob die Stadt eine allgemeine Zentralheizung bekommen soll oder nicht. Jawohl, eine Zentralheizung, sage ich Dir. Wie die Leitungen des Elektrischen, so gehen die Wärmespender in alle Häuser, und zwar von jener Stelle aus, wo ein mehrere Kilometer tiefer Schacht in das Erdinnere gebohrt werden soll, um die dort herrschende Wärme dem Menschen nützlich werden zu lassen. Du siehst, die Technik hat ihr Auge nun endlich wieder einmal von oben nach unten gewendet. Das Interesse für die Luft hat an Reiz verloren – in der Erde liegt die Zukunft! Hätte Dir den Brief in Esperanto geschrieben, habe aber Deinen Widerwillen dagegen von der Schule her noch nicht vergessen. Komme in Deinen Ferien einmal zu uns! Ich würde so gerne über dieses und jenes plaudern.»