Vom tiefsten zum höchsten Punkt

Die Rheintaler Patrick Sieber und Michael Graf haben es geschafft: Sie sind die ersten Menschen, die ausgehend vom tiefsten Punkt auf dem europäischen Festland den höchsten Punkt erklommen haben – und dies innerhalb von 14 Tagen.

Andrea Kobler
Drucken
Gelangten als erste Menschen vom tiefsten zum höchsten Punkt Europas: Patrick Sieber (links) und Michael Graf. (Bild: pd)

Gelangten als erste Menschen vom tiefsten zum höchsten Punkt Europas: Patrick Sieber (links) und Michael Graf. (Bild: pd)

Von Baku auf den Elbrus – 992 Kilometer und 15 330 Höhenmeter auf dem Rad und zu Fuss – und dies innerhalb von 14 Tagen. Selbst Patrick Sieber aus Heerbrugg und Michael Graf aus Rebstein sind überrascht, dass sie die Expedition «Lowest to Highest» innerhalb so kurzer Zeit schafften: «Dass es in nur 14 Tagen möglich ist, mit eigener Muskelkraft vom tiefsten zum höchsten Punkt des europäischen Festlandes zu gelangen, glaubten wir nicht.»

Doch es stimmte alles: Das Material, die physische Verfassung sowie das Wetter am Elbrus. «Das ist keine Selbstverständlichkeit – wir hatten überall das Glück auf unserer Seite», so die beiden Abenteurer. Nur einmal hatten sie eine kritische Phase zu überstehen. Am Tag vor dem Gipfelerlebnis stuften Patrick Sieber und Michael Graf ihre Chancen auf einen erfolgreichen Gipfelaufstieg als gering ein, da sie nach der Akklimatisierungstour auf 4700 Meter über Meer Probleme mit der Höhe bekamen. «In diesem Moment dachten wir, dass unsere Körper vom Radfahren zu ausgelaugt sind.»

«Kraftlos, aber überwältigt»

Doch schliesslich schafften sie es. Den Gipfel auf 5642 Meter über Meer hatten sie für sich alleine. «Wir waren kraftlos und todmüde, aber überwältigt, auf dem Gipfel zu stehen. Stolz, als erste diesen vom tiefsten Punkt Europas aus erklommen zu haben.»

Die Emotionen scheinen sich für Aussenstehende in Grenzen zu halten. Doch die Begründung dafür ist einleuchtend: «Wir hatten während der vergangenen zwei Wochen gar keine Zeit für Emotionen, waren 24 Stunden am Tag mit Radfahren, Schlafplatzeinrichten, Kochen oder Routenvorbereitungen beschäftigt.» Wohl wird den beiden erst heute richtig bewusst, was sie erreicht haben, wenn sie von gut einem Dutzend Menschen mit Plakat und Kuhglocken am Flughafen Zürich abgeholt werden.

Tee auf dem Polizeiposten

In den ersten zehn Tagen der Expedition wich der Respekt von den fernen Ländern mit fremden Kulturen, und die Gastfreundschaft zog sich wie ein roter Faden durch die Tage der Expedition. Ein reichhaltiges Frühstück bei einer Gastfamilie, Einladungen zum Tee – zum Beispiel auf einem Polizeiposten in Russland – oder eine Frau, die den beiden Rheintalern ein freistehendes Haus für die Übernachtung organisierte, sind nur einige von vielen freundschaftlichen Begegnungen.

Eine Herausforderung waren die klimatischen Bedingungen. Anfänglich herrschten Temperaturen von über 40 Grad, dann solche um den Gefrierpunkt und Dauerregen sowie am Gipfeltag minus 17 Grad. Besonders in Erinnerung bleiben wird die siebte Radetappe mit durch den starken Regen völlig aufgeweichter Strasse. So wurden für 60 Kilometer mit 1300 Höhenmetern durch Schlamm acht Stunden Fahrzeit benötigt. Die Königsetappe auf den 2395 Meter hohen Kazbegipass hingegen wurde gut bewältigt, auch wenn die Abfahrt nicht ungefährlich war.

Michael Graf und Patrick Sieber erlebten aber auch Überraschungen. Auf der Karte eingezeichnete Brücken, die nicht existierten, falsche Wegbeschreibungen oder fehlende Signalisationen bremsten die Radfahrer. Einmal übernachteten sie in einem Stundenhotel, was ihnen jedoch erst am Morgen bewusst wurde. Die grössten Gegner auf der Radtour waren die Hunde, ob am Tag auf der Strecke oder in der Nacht heulend neben den schlaflos im Zelt liegenden Abenteurern. Begleiter auf der Strasse waren oftmals einfach nur weidende Kühe. Waren aber Menschen in Sicht, waren diese immer sehr freundlich. «Wir fühlten uns bei den vielen Zurufen, Tee-Einladungen und wohlwollenden Hupkonzerten immer wieder wie Popstars», erzählen die beiden Sportler.

Besonders emotional war die letzte Etappe auf dem Fahrrad. Nach wenigen Kilometern erschien am Horizont der Elbrus, der weisse, inaktive Doppelvulkan, die höchste Erhebung Europas: «Mit unserem Ziel vor Augen vergassen wir die Strapazen, stiessen die Beine wie wahnsinnig in die Pedale!» Sie fuhren 103 Kilometer, kämpften mit den Fahrrädern, bepackt mit über 45 Kilogramm Gepäck über 2000 Höhenmeter den Berg hinauf, bis sie in Terskol, am Fusse des Elbrus, «fix und fertig» ankamen.

Nur ein Ruhetag

Dank ihrer guten körperlichen Verfassung verzichteten Patrick Sieber und Michael Graf während der Radtour auf einen Ruhetag. Dieser wurde dann am Elbrus aufgrund des vielen Neuschnees für eine fünfeinhalbstündige Erkundungstour eingezogen. Mit dem Ruhetag wurde aber auch die Müdigkeit spürbar. Dennoch konnte schliesslich der Gipfel bei starkem Wind und tiefen Temperaturen erklommen werden.