Ambitioniert
Neu-Kantonsrätin Sabina Revoli (SVP): Politische Spätzünderin mit sozialer Ader

Sie hat für Swissair und Swiss während 37 Jahren die Welt bereist und sitzt seit September im Kantonsrat St.Gallen. Politisch interessiert war Sabina Revoli schon immer, Zeit, sich aktiv «einzumischen», hat sie erst seit dem Ende ihrer Karriere als Flugbegleiterin. Viel unterwegs ist sie auch heute noch, als Ambulanzfahrerin und Transporthelferin.

Rudolf Hirtl
Drucken
Sabina Revoli will sich im Kantonsrat St.Gallen insbesondere bei den Themen Sicherheit und Gesundheit einbringen.

Sabina Revoli will sich im Kantonsrat St.Gallen insbesondere bei den Themen Sicherheit und Gesundheit einbringen.

Bild: Rudolf Hirtl

Die 62-jährige Sabina Revoli nimmt im Café La Vela in Rorschach einen Schluck aus der weissen Tasse, lehnt sich zurück und räumt ohne Umschweife ein, dass die September-Session des St.Galler Kantonsrates, bei der sie als Kantonsrätin vereidigt wurde, ganz schön anstrengend gewesen sei. Nicht nur körperlich, wie sie mit einem Schmunzeln eingesteht. «Ich bin jemand, der pragmatisch vorwärts arbeitet. Wenn Leute nicht auf den Punkt kommen und nur herumschwafeln, dann kann ich schon mal ungeduldig werden.» Sie müsse sich noch daran gewöhnen, dass es im Plenarsaal nicht in ihrem gewohnten Tempo vorangehe und dadurch, zumindest diesmal, auch nicht alle geplanten Geschäfte behandelt wurden.

Sabina Revoli ist an die Stelle des 76-jährigen Mäge Luterbacher nachgerückt, da sie bei der Wahl 2020 mit 1664 Stimmen die beste nicht gewählte SVP-Kandidatin war. Das war vor zwei Jahren ein bemerkenswertes und nicht selbstverständliches Resultat, zumal sie erst im Jahr 2017 mit der Wahl zur Präsidentin der SVP des Kreises Rorschach politisch aktiv geworden ist.

Lastwagenführerschein, um Ambulanz fahren zu dürfen

Sie habe sich zwar schon immer für Politik interessiert, habe selbstverständlich auch immer an Abstimmungen teilgenommen, doch als Flugbegleiterin sei sie für Swissair und Swiss während 37 Jahren um die Welt gejettet und habe schlicht einen zu unregelmässigen Arbeitstag gehabt, um eine politische Funktion übernehmen zu können. Sabina Revoli ist in Rorschacherberg aufgewachsen, lebt aber seit 1983 in Tübach. Obwohl sie bei der Airline mit 60 Jahren in Pension ging, sitzt sie nicht untätig zu Hause, sondern ist als Ambulanzfahrerin und Transporthelferin tätig. «Um die über vier Tonnen schweren Ambulanzfahrzeuge lenken zu dürfen, musste ich zuerst noch den Lastwagenführerschein machen», sagt sie.

Auch bei diesem emotional ansprechenden Job kommt sie weit herum, erledigt sie doch für den internationalen Rettungsdienst VGS Schweiz AG mit Hauptsitz in Tübach Rückführungen von Patienten aus ganz Europa. «Da sind wir gelegentlich schon mal über 15 Stunden unterwegs. Doch wenn ich in die dankbaren Gesichter der Patienten blicke, dann weiss ich, dass sich die Anstrengung gelohnt hat.»

Zwar sozial, aber auch realistisch

Sie hat eine soziale Ader, arbeitet gerne mit Menschen und sucht das Gespräch. «Ich bin aber auch realistisch», betont die SVP-Politikerin und ergänzt:

«Ich sehe die Not der Menschen, ich habe aber nicht den Anspruch, alle zu retten.»

Was sie gar nicht mag, sind Ungerechtigkeiten. «Es gibt genug Menschen in der Schweiz, die jeden Rappen zweimal umdrehen müssen. Da darf es nicht sein, dass Leute unsere sozialen Leistungen schamlos ausnutzen. Wenn wir das zulassen, senden wir ein völlig falsches Signal aus.» Wichtig ist ihr auch ein stilvoller Umgang miteinander, weshalb sie bei der Frage nach ihrem politischen Vorbild Toni Brunner nennt. «Er ist hart in der Sache, bleibt dabei aber immer fair.»

Ihre eigenen Stärken sieht sie in ihrem Durchsetzungsvermögen, ihrer Hartnäckigkeit und ihrer Kompromissbereitschaft, ihre Schwäche ortet sie bei ihrer Ungeduld. Was die grossen regionalen Entwicklungen angeht, so hofft sie, dass es beim Autobahnanschluss A1 endlich vorwärtsgeht und das Projekt rasch umgesetzt wird. Bezüglich Fusion zur Stadt am See sei es jetzt nicht der richtige Moment, um diese Frage nochmals zu stellen. «Das Volk hat nein gesagt. Diesen Willen sollte man nun auch respektieren.»

Esther Friedli als Bundesrätin

Als Kantonsrätin will sie sich vor allem für die Themen Gesundheit und Sicherheit engagieren. Bezüglich Sicherheit macht sie keinen Hehl daraus, dass ihr die «zügellose Zuwanderung» ein Dorn im Auge ist. «Das darf kein Fass ohne Boden sein. Die Zuwanderung ist besser zu steuern und sollte in erster Linie darauf abzielen, Fachkräfte ins Land zu holen», sagt sie.

Gespannt ist sie auf die Wahl der Nachfolgerin oder des Nachfolgers von Ueli Maurer. «Esther Friedli wäre eine tolle Bundesrätin. Sie ist eine extreme Schafferin, blitzgescheit und dennoch bescheiden», zeigt sie sich überzeugt von ihrer persönlichen Favoritin. Zu einfach ist es ihrer Meinung nach, bei den Themen AHV und Lohngleichheit ständig nur den Männern die Schuld zu geben. «Wenn man in der Situation ist, nicht den gleichen Lohn zu erhalten, wie ein Mann in derselben Position, dann muss man als Frau einstehen und sein Recht einfordern. Jammern allein hilft niemandem.» Fakt sei aber auch, dass das Thema Lohngleichheit endlich auf nationaler Ebene mit Nachdruck angegangen werden müsse.