Standortbestimmung: 360 Tage Papst Franziskus

Als der Zeremonienmeister dem frischgewählten Papst die fürs neue Amt gedachten roten Schuhe und den roten Schulterumhang aus Samt anziehen wollte, wies dieser ihn mit dem Worten zurück: «Das können Sie selbst anziehen. Die Fasnacht ist vorbei.»

Christoph Klein Altstätten
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Papst Franziskus setzt kleine Zeichen und sucht den Kontakt zu einfachen Menschen. Doch die Welt macht grosse Augen. (Bild: Shutterstock)

Papst Franziskus setzt kleine Zeichen und sucht den Kontakt zu einfachen Menschen. Doch die Welt macht grosse Augen. (Bild: Shutterstock)

Als der Zeremonienmeister dem frischgewählten Papst die fürs neue Amt gedachten roten Schuhe und den roten Schulterumhang aus Samt anziehen wollte, wies dieser ihn mit dem Worten zurück: «Das können Sie selbst anziehen. Die Fasnacht ist vorbei.»

Wenn die oft erzählte Anekdote nicht wahr ist, so ist sie gut erfunden. Jedenfalls brachte und bringt sie den Neuanfang mit Papst Franziskus genau auf den Punkt.

Es gibt in der katholischen Kirche Zeichen, die von der breiten Öffentlichkeit nicht oder kaum mehr verstanden werden (wie etwa das Priesterzölibat als Zeichen für das kommende Gottesreich). Andererseits aber gibt es in ihr Zeichen, die diese Öffentlichkeit lange vermisst hat – Zeichen dafür, dass die Kirche Jesu Auftrag, zu den Geringsten zu gehen, ernst nimmt.

Franziskus setzt kleine Zeichen wie etwa eine einfache Messe mit den Flüchtlingen auf Lampedusa, doch die Welt macht grosse Augen. Man schaut hin und beginnt nachzudenken.

Der Papst ist im guten Sinne konservativ – er bewahrt den Kern der christlichen Botschaft für seine Kirche –, doch auch im guten Sinne progressiv – er weiss, dass dieses Bewahren nur im «Weiterschreiten», also durch neue Zeichen, für eine sich stets wandelnde Gesellschaft möglich ist.

Es würde allerdings so gar nicht zum neuen Papst passen, würde man sich nun einfach über diese notwendigen Zeichen freuen, frohgemut auf weitere Kurskorrekturen und Abschaffungen ausgedienter Zeichen in Rom hoffen und dann das Thema wechseln. Wie kein anderer seiner Vorgänger macht Franziskus deutlich: Kirche wird nicht durch römische Bestimmungen, nicht durch besonders feierliche Liturgie definiert, sondern in erster Linie durch alle ihre Mitglieder. Wie vom Papst, so ist auch von ihnen weder gefragt, nun alles über den Haufen zu werfen, noch sich ängstlich an die Überreste christlicher Überlieferungen und Traditionen zu klammern, sondern auf kreative und weitherzige Art treu zu sein. Treu zu jenen einfachen Grundlinien, die Christus ihnen gegeben hat. Die Standortbestimmung der Kirche unter Papst Franziskus führt somit beunruhigend schnell in den Nahbereich der eigenen Haustür: Es sind kreative Zeichen der Nächsten- und Fernstenliebe gefragt, Zeichen für die Gegenwart Gottes gerade dort, wo Menschen leiden. Dass es Spass macht, solche Zeichen zu setzen, zeigt Franziskus auch – man muss ihn nur anschauen.

Aktuell kann zu solchem Handeln die Fastenzeit Impulse liefern. Die Fasnacht ist vorbei, doch es folgt eine andere, ebenfalls beglückende Art von Frohsinn.