«Ostschweiz hilft Ostschweiz»
«Dann war mein Mami plötzlich weg»: Dank OhO kann diese Familie ihrem Pflegekind Reitstunden ermöglichen

Die zwölfjährige Selina aus dem Hinterthurgau ist seit Sommer Teil einer Pflegefamilie. Das Mädchen hat einen Wunsch, den ihr diese aber nicht erfüllen kann. Dank des Vereins Tipiti und der «Tagblatt»-Weihnachtsaktion «Ostschweiz hilft Ostschweiz» wird aus Selinas Traum Realität.

Christa Kamm-Sager
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Viele Mädchen möchten gerne Reiten lernen, doch das Hobby kann teuer werden.

Viele Mädchen möchten gerne Reiten lernen, doch das Hobby kann teuer werden.

Bild: Nadia Schärli

Die Türe geht auf und die Pflegemutter – nennen wir sie Chantal Gabathuler* – und drei freundliche Hunde begrüssen den Gast. Im Gang läuft die Waschmaschine, in einem Zimmer gamen zwei Jungs am PC und am Küchentisch sitzen die zwölfjährige Selina und die 17-jährige Mira, beide mit langen, braunen Haaren – wie Geschwister. Hier lebt eine bunte Familie, die aber nicht die Biologie, sondern das Schicksal zusammengeführt hat.

Die Mutter und ihr leiblicher, erwachsener Sohn haben ihre Familie bereichert mit drei Pflegekindern. Zu den beiden Schwestern kommt auch noch ein siebenjähriger Bub. Chantal Gabathuler ist Sozialpädagogin: «Ich habe meinen Job zu mir nach Hause geholt.» Es ist ihre Aufgabe, diesen Kindern, mit denen es das Leben nicht gut gemeint hat, Nestwärme und eine familiäre Struktur zu bieten.

Am Morgen leckt ihr der Hund das Gesicht ab

Die zwölfjährige Selina lebt erst seit dem Sommer im Hinterthurgau. «Vorher war ich in einer anderen Pflegefamilie mit drei Buben. Dort ging es nicht gut», sagt sie nur. Was noch weiter zurückliegt, darüber spricht sie noch weniger gern, dreht sich verlegen ab: «Plötzlich war mein Mami weg.» Die Kinder, die vom Verein Tipiti in Pflegefamilien platziert werden, verbindet es, dass sie nicht in ihrer Herkunftsfamilie bleiben können. Die Gründe dafür sind sehr unterschiedlich.

Selina hat sich gut eingelebt in ihrem neuen Daheim, der Alltag ist bereits Routine, mit ihrer neuen Schwester versteht sie sich prima. Einer der Hunde schleckt ihr jeweils das Gesicht am Morgen ab, dann macht sie sich Rühreier, geht in die nahe Schule und zum Zmittag versammelt sich die Familie am Küchentisch. Am Mittwochnachmittag trifft sie sich manchmal mit einer Freundin, die gleich nebenan wohnt, und geht dann zum Kurs Jugend und Hund – die drei Australian Labradoodle in ihrer neuen Familie sind ihr ans Herz gewachsen und umgekehrt. Neben den Hunden leben auch noch Hühner, Kaninchen, Schildkröten und Fische in Haus und Garten der Familie.

Augentests, Impfungen – alles, woran vorher niemand gedacht hat

«Im Moment haben wir noch viele Termine, Selina muss einiges nachholen», sagt die Pflegemutter. Augentests, Impfungen, alles, woran vorher niemand gedacht hat. Langsam ist in der Zeit des Ankommens in der neuen Familie ein Wunsch stärker geworden: Die Sechstklässlerin möchte gerne Reiten lernen, ein Hobby, das fast alle Mädchen in ihrer Klasse ausüben. Sie möchte nicht abseitsstehen. Dank des Zustupfs von «Ostschweiz hilft Ostschweiz» (OhO) dürfte dieser Traum für sie bald wahr werden.

Alle paar Wochen bekommt die Familie Besuch von der Fachberaterin des Vereins Tipiti. Alle freuen sich auf sie, die Pflegekinder kennen sie von den Tipiti-Herbstlagern, sie ist für die Kinder eine Vertrauensperson. Und auch Pflegemutter Chantal Gabathuler schätzt es, mit ihr Erziehungsfragen zu besprechen. So ist beispielsweise die Handyzeit für die Zwölfjährige klar geregelt: Unter der Woche liegen eineinhalb Stunden drin, am Wochenende darf es auch mal eine Stunde länger sein. Diese Regeln schaffen für alle Klarheit und geben Raum, auch mal etwas anderes miteinander zu machen am Abend, als nur am Handy zu sitzen.

*Alle Namen geändert.

Über den Verein Tipiti

Der Verein Tipiti ist aus dem Verein Heilpädagogische Grossfamilien und Kleingruppenschulen (VHPG) in Trogen 1976 im Kanton Appenzell-Ausserrhoden gewachsen. Gründer und operativer Leiter des Vereins ist der Ökonom und Sozialarbeiter Rolf Widmer. Ziel war es, alternative Plätze in fachlich begleiteten Pflegefamilien zur traditionellen Heimplatzierung von Kindern anzubieten. Zum 30-Jahr-Jubiläum im Jahr 2006 ändert der Verein seinen Namen und heisst fortan: «Tipiti – wo Kinder und Jugendliche leben und lernen». Die Betreuungsmodelle in begleiteten Pflegefamilien in der Region Ostschweiz bleiben. Das Angebot wird ständig erweitert und ausgebaut. Aktuell werden über den Verein rund 400 Kinder und Jugendliche in diversen Familien und Schulen betreut. Auch unbegleitete, minderjährige Asylsuchende finden in der Institution eine Heimat und Ausbildungsstätte.

27 Kindern des Vereins Tipiti wird dank «Ostschweiz hilft Ostschweiz» dieses Jahr ein Zustupf für die Ausübung eines Hobbys gewährt. Tipiti-Gründer Rolf Widmer sagt: «Wenn wir einem Kind, das in einer Pflegefamilie lebt, ein Hobby seiner Wahl ermöglichen können, stärkt dies sein Selbstwertgefühl und erleichtert ihm den Kontakt mit anderen Menschen.» Da die meisten Kinder aber von der Fürsorge oder öffentlichen Hand unterstützt würden, seien nur sehr beschränkte Mittel für Hobbys vorgesehen. Dank des Zustupfs von OhO sei es auch einem Pflegekind möglich, ein Musikinstrument zu lernen oder Reitstunden zu nehmen. (chs)

So können Sie spenden: Es gibt verschiedene Möglichkeiten, «Ostschweiz hilft Ostschweiz» zu unterstützen. Weitere Informationen finden Sie hier.