Gedankenstrich-Kolumne
Ulrike Landfester: Nestflüchtige Kinder und galoppierende Gedanken

Die Kinder ziehen aus und brechen auf - Richtung Zürich. Das bringt «Tagblatt»-Kolumnistin Ulrike Landfester ins Sinnieren. Die nestflüchtigen Jungerwachsenen bringen ihre Fantasie zum Galoppieren - und öffnen neue Perspektiven für die Ostschweiz.

Ulrike Landfester
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Ulrike Landfester, «Tagblatt»-Kolumnistin.

Ulrike Landfester, «Tagblatt»-Kolumnistin.

Bild. Arthur Gamsa

Wer Kinder hat, kennt dieses Gefühl: Der Seelenhaushalt sackt weg wie ein Magen, der in einem (falls funktionierenden) Neigezug nach rechts flappt, während der Rest per Schwerkraft nach links geschleudert wird – das jungerwachsene Kind beschliesst, aus dem Einzugsbereich des heimischen Ostschweizer Herdes wegzuziehen. In diesem Fall nach Zürich. Weil dort die Verkehrsanbindungen besser sind. Und die in der Ostschweiz absehbar schlechter werden.

Und wer Kinder hat, weiss auch, wie in einem solchen Fall zu reagieren ist: mit dem entschlossenen Unterdrücken jeglicher spontaner Entsetzensäusserungen (Wie kannst du uns in unserem Alter ohne Hundesitter, Einkaufshilfe, Urlaubsbriefkastenleerer allein lassen!) zu Gunsten ebenso entschlossener Unterstützung: Natürlich musst du nach Zürich ziehen – international leichtgängige Zuganschlüsse, einfache Erreichbarkeit des Flughafens Kloten, in Zeiten mobilitätsabhängiger Berufsbilder klare Must-haves.

Aber ebenso natürlich können Eltern nestflüchtiger Jungerwachsener sich auch nicht der lokalpatriotisch-pädagogischen Pflicht entziehen, die verkehrstechnische Austrocknung der Ostschweiz schönzureden. Denn natürlich hat der Bund die besten Interessen der Ostschweiz im Blick, wenn die Restschweiz von ihr abhängt. Es ist ein riesiges Kompliment, wenn er der Ostschweiz zutraut, zur Speerspitze, ja gar zum Winkelried der Energiesparbewegung zu werden. Man denke, wie viel im Ostschweizer Schienennetz gespart werden kann, wenn die Zugverbindungen so disfunktional werden, dass man eher früher als später ganze Netzteile stilllegen kann, weil die Nutzung nicht mehr lohnt.

Und im Gegenzug – welch ungeahntes Potenzial! Kaum auszudenken, welcher Prosperität wir entgegensehen, wenn der Zürcher Flughafen nicht mehr zeitnah erreichbar ist und der Flughafen Altenrhein endlich zum Kernflughafen der Region, gar des gesamten Bodenseeraums expandieren kann! Und die Automobilindustrie angesichts eines enorm wachsenden Marktes für Zweitwagen stürmischen Aufwind erhält! Arbeitsplätze! Steuereinnahmen! Internationales Prestige!

In der Zwischenzeit können wir allfällige Verbindungsprobleme ganz locker mit Hilfe der Ballonfahrt-Expertise überbrücken, die die Austragung des Gordon-Bennett-Cups von St.Gallen aus demonstriert. Kein Wunder, gehört die Schweiz zu den stärksten der dazu angetretenen Nationen und hat das Thurgauer Team im vergangenen Jahr den Cup sogar gewonnen; zukunftsträchtige Mobilitätstechnologien sind schliesslich unsere Spezialität. Wer möchte nicht statt mit dem langweiligen Zug per Gasballon zum Einkaufen? Wo man dann landet, ist ja nicht so wichtig, und wenn der Ballonkorb zu klein ist, kann man die Einkäufe per Bahn heimtransportieren lassen, dann kommen sie garantiert nach ihrem Verfallsdatum an. Positives Denken ist gefragt!

Und wer solche Auslegungsakrobatiken mit im Idealfall kaum hörbarem Zähneknirschen hinter sich gebracht hat und sich aufatmend den Schweiss von der Stirn wischt, der kennt auch das Gefühl, wenn der nestflüchtige Jungerwachsene dann im vollen Bewusstsein seiner intellektuellen Überlegenheit die Augenbrauen hochzieht und mit peinlich berührter Höflichkeit zurückfragt: Das glaubst du? Echt jetzt?

Ulrike Landfester ist Professorin für deutsche Sprache und Literatur an der HSG. Sie schreibt diese Kolumne im Turnus mit Toni Brunner, Samantha Wanjiru und Walter Hugentobler.