Gedankenstrich-Kolumne
Samantha Wanjiru: Von den Stärken und Schwächen verschiedener Kulturen

Der Tod des Amerikaners George Floyd vor zwei Jahren hat einen kulturellen Wandel ausgelöst, schreibt unsere Kolumnistin Samantha Wanjiru. Diesen habe nun auch die Ostschweiz erreicht.

Samantha Wanjiru
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Samantha Wanjiru, «Tagblatt»-Kolumnistin.

Samantha Wanjiru, «Tagblatt»-Kolumnistin.

Bild: Arthur Gamsa

Liebe Leserin, lieber Leser. Dies wird eine meiner letzten Kolumnen sein, die ich für diese Zeitung schreibe. Ich habe für über ein Jahr die Möglichkeit erhalten, auf Themen aufmerksam zu machen, die ich als wichtig empfinde. Dies aufgrund meines Engagements in der Black-Lives-Matter-Bewegung. Dafür bin ich unendlich dankbar.

Ich möchte die Gelegenheit nutzen und noch einmal auf die Wichtigkeit der Kulturförderung in St.Gallen aufmerksam machen. Denn was viele, die keinen Migrationshintergrund haben, nicht sehen, ist, dass in der Stadt St.Gallen eine kulturelle Renaissance stattfindet.

Aus persönlichen und privaten Gründen konnte ich mich im vergangenen Jahr nicht mehr dem Aktivismus widmen. Doch nur weil Sie mein Gesicht nicht mehr in den Medien gesehen haben, bedeutet das nicht, dass die Menschen sich nicht mobilisiert hätten. Im Gegenteil! Der Tod von George Floyd hat einen globalen Kulturwandel ausgelöst, der erst heute, zwei Jahre später, spürbar ist. Menschen, denen die Gesellschaft sagte, sie seien zu schwarz, um als schön zu gelten, oder sie hätten einen zu albanischen Namen, haben ihr Schicksal in ihre eigenen Hände genommen. So wurden etwa Bars wie The Culture eröffnet, geführt vom aus Simbabwe stammenden Marcel.

Auf meiner Suche nach einer kompetenten Ernährungsberaterin bin ich auf die aus Bosnien-Herzegowina stammende Mili gestossen, die sich erst vor kurzem selbstständig machte. Endlich sind wir, die lange am Ende der Nahrungskette standen, aktiv geworden. Eine unheimliche Freude für mich. Es hat mir die Augen dafür geöffnet, dass Kommunikation die Lösung für kulturelle Unterschiede ist. Wir reden nicht mehr miteinander, sondern nur noch übereinander.

Dabei ist die Schwäche einer Kultur die Stärke einer anderen. Ist der Deutsche in manchen Situationen zu sehr Perfektionist, bringen die Afrikaner die Lebensfreude in unsere Gesellschaft. Sind die Schweizer mit ihrer Neutralität zu passiv, schmeissen sich die Amerikaner mit ihrem Patriotismus in jedes Abenteuer. Denn die Physik sagt: Gegensätze ziehen sich an. Durch Reibung entsteht Energie. Wieso nutzen wir diese nicht einfach zu unserem Vorteil?

Auch wenn ich stundenlang darüber philosophieren könnte, wie man die Welt rettet, möchte ich die Gelegenheit nutzen und mich bei Ihnen persönlich bedanken. Ich habe durch den Journalismus meinen Lebensweg gefunden. Deshalb bleibe ich auch dieser Zeitung treu. Wer gerade auf derselben Wellenlänge schwimmt wie ich, wird Folgendes verstehen: Do it for the culture. Danke nochmals, und Sie werden von mir hören.

Samantha Wanjiru ist Kopf der Black-Lives-Matter-Bewegung in der Ostschweiz. Sie schreibt diese Kolumne immer montags im Turnus mit Toni Brunner, Ulrike Landfester und Walter Hugentobler.