Rätseln rund um den Böögg

Das Zürcher Sechseläuten wird mehr und mehr zu einer Ostschweizer Angelegenheit. Heinz Wahrenberger, seit Jahrzehnten der Schöpfer des Bööggs, ist Thurgauer. Der bemitleidenswerte Schneemann selber ist ein St.

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Am 15. April brennt in Zürich der Sechseläuten-Böögg – St. Gallen ist als Gastkanton dabei. (Bild: ky/Alessandro Della Bella)

Am 15. April brennt in Zürich der Sechseläuten-Böögg – St. Gallen ist als Gastkanton dabei. (Bild: ky/Alessandro Della Bella)

Das Zürcher Sechseläuten wird mehr und mehr zu einer Ostschweizer Angelegenheit. Heinz Wahrenberger, seit Jahrzehnten der Schöpfer des Bööggs, ist Thurgauer. Der bemitleidenswerte Schneemann selber ist ein St. Galler – wenn man seine inneren Werte betrachtet: In den vergangenen Jahren war er stets mit Toggenburger Holzwolle gefüllt. Und dieses Jahr wird der Böögg gar von einem St. Galler angezündet. Jedenfalls, wenn die Zürcher Zünfte an der Tradition festhalten, dass ein Vertreter des Gastkantons am Sechseläuten den Scheiterhaufen in Brand setzen darf. Ein heisser Kandidat wäre Regierungspräsident Martin Gehrer, sicher ist jedoch noch nichts.

Schweigen bis zum 20. März

Überhaupt ist der St. Galler Auftritt am Sechseläuten-Wochenende vom 12. bis 15. April noch ein grosses Mysterium. Immerhin steht fest: Heimlich weggespart worden ist er nicht. Der St. Galler Kantonsrat hat dafür eine halbe Million Franken aus dem Lotteriefonds bewilligt, daran ist nicht mehr zu rütteln. Und immerhin gibt die Staatskanzlei einen ersten Termin bekannt: Am 20. März wird die Projektleitung gemeinsam mit den Zünften über den Gastauftritt informieren – in Zürich, versteht sich. Bis dahin bleibt das Thema Gegenstand wilder Spekulationen.

Ausserirdische aus dem Osten

Nun sind St. Gallen und Zürich ja Nachbarn, die im Grossen und Ganzen gut miteinander auskommen. Ausnahmen bestätigen die Regel: Das Zürcher Bonmot, die Schweiz – oder gar die Welt – höre östlich von Winterthur auf, ist nicht auszurotten. Vielleicht präsentieren sich die St. Galler am Sechseläuten-Umzug als Ausserirdische? Der Kontrast zum heimeligen Zug der Zünfte wäre erfrischend. Je nach persönlicher Einstellung könnten die Mitglieder der St. Galler Delegation zwischen freundlich lächelnden E.T.-Masken und zähnefletschenden Alien-Konterfeis wählen.

Dialekt und Bratwürste

Sollten Ausserirdische zu sehr an die Fasnacht erinnern, wäre auch ein Auftritt mit sprachtherapeutischem Ansatz denkbar. Dass die Zürcher den St. Galler Dialekt nicht aushalten und umgekehrt, ist ein vielbeklagtes und ungelöstes Problem. Alles eine Frage der Gewöhnung! Der Gastkanton könnte die Zürcher Innenstadt während des Sechseläuten-Wochenendes über Lautsprecherwagen mit Mundarttexten und -durchsagen beschallen. So oder so müssen sich die Zürcher bewusst sein, dass sie mit den St. Gallern nicht nur deren beliebte Bratwürste (ohne Senf), sondern auch deren Ecken und Kanten eingeladen haben.

Globen aus Styropor?

Ein weiteres Streitobjekt ist der Globus aus der St. Galler Stiftsbibliothek, vor Jahrhunderten von Zürichs Soldaten geraubt. Die Kopie, welche die St. Galler zähneknirschend als Ersatz akzeptiert hatten, wurde vor kurzem ebenfalls in Zürich gezeigt – als ob ein Exemplar nicht genug wäre. Die Limmatstadt läuft Gefahr, Mitte April mit Hunderten von Globen aus Styropor überschwemmt zu werden.

So viel zu möglichem Zündstoff am diesjährigen Sechseläuten. Vielleicht verläuft der Gastauftritt aber auch ganz anders. Sicher ist: St. Gallen wird sich, wie alle Gastkantone in den vergangenen Jahren, auf dem Zürcher Lindenhof präsentieren und an den Umzügen vom Sonntag und Montag teilnehmen.

Apropos Umzüge: Böse Zunge behaupten, manche St. Galler Schulkinder seien mit ihrer Verkleidung für den Kinderumzug nicht zufrieden: Sie würden als Pferde auftreten. Adrian Vögele