«Säntis ahoi!» – Wie ein kleiner Verein versucht, ein versenktes Dampfschiff aus den Tiefen des Bodensees zurück ans Tageslicht zu holen

Reportage
«Säntis ahoi!» – Wie ein kleiner Verein versucht, ein versenktes Dampfschiff aus den Tiefen des Bodensees zurück ans Tageslicht zu holen

Bilder: Raphael Rohner

Vor 90 Jahren wurde das Dampfschiff «Säntis» im Bodensee versenkt – nun soll das Wrack des Schiffs geborgen werden. Wir haben das wagemutige Projekt über mehrere Monate begleitet. Es zeigt sich: Ein versenktes Dampfschiff zu bergen, ist kein leichtes Unterfangen.

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An einem eisig kalten Morgen im Februar fährt ein kleines Boot auf den Bodensee hinaus. Die Sonne geht gerade auf und taucht den Himmel in ein spektakuläres Licht. Doch die beiden Männer blicken kaum von ihren GPS-Geräten auf: Ungefähr in der Mitte des Bodensees suchen sie ein versunkenes Schiff. Es sind zwei Mitglieder des kleinen Romanshorner Schiffsbergevereins, die sich der Bergung eines vor 90 Jahren versenkten Dampfschiffs «Säntis» verschrieben haben.

Silvan Paganini, ein 39-jähriger Ingenieur und Betriebsleiter der Werft der Schweizerischen Bodenseeschifffahrt (SBS), ist Präsident des Vereins. Er blickt kurz aufs Wasser hinaus und hofft, heute das Dampfschiffswrack zu finden. Paganini, der früher auf den Weltmeeren für die Offshore-Öl- und Gasindustrie gearbeitet hat, ist seit mehreren Monaten von der Idee fasziniert, das 1933 versenkte Dampfschiff zu bergen:

«Viele mögen denken, dass ich durchgeknallt bin. Technisch ist eine solche Bergung jedoch machbar – auch ohne Millionenbeträge für Bergeschiffe und Tiefseeroboter auszugeben.»
Im Sonnenaufgang fährt das Team auf den Bodensee hinaus.

Im Sonnenaufgang fährt das Team auf den Bodensee hinaus.

Bild: Raphael Rohner
Schiffsingenieur Silvan Paganini

Schiffsingenieur Silvan Paganini

Bild: Raphael Rohner
Die Pläne für eine Tauchdrohne

Die Pläne für eine Tauchdrohne

Bild: Raphael Rohner
Das Dampfschiff «Säntis» war einst der Stolz des Bodensees.

Das Dampfschiff «Säntis» war einst der Stolz des Bodensees.

Bild: Sammlung Raphael Rohner

Erst ging es dem Ingenieur nur darum, an der Idee technisch herumzutüfteln. Anhand von vorhandenen Aufnahmen wollte der Ingenieur 3D-Modelle und Skizzen erstellen, um damit die Machbarkeit einer Bergung durchzuspielen. Je mehr Paganini seinen Kollegen die Machbarkeit des geplanten Unterfangens schmackhaft machte, desto mehr Zuspruch und Unterstützung bekam er. Auf dem kleinen Boot blickt er zu seinem Steuermann hinüber. Michael Müller hat ebenfalls grosse Freude an Dampfschiffen: Er hat das 112-jährige Dampfschiff «Seerhein» restauriert und wieder fahrtüchtig gemacht. Paganini blickt wieder auf das Display seines GPS-Empfängers.

Kantonsarchiv hat Stoffmuster des versenkten Schiffs archiviert

Der Seegang wird stärker, und das kleine Boot hat die Stelle erreicht, wo sich 210 Meter unter der Wasseroberfläche der einstige Stolz der Bodenseeschifffahrt verbirgt: Die «Säntis» war der erste Halbsalondampfer mit reinem Ölantrieb auf dem Bodensee. Für die technischen Details, die zu einer erfolgreichen Schiffsbergung beitragen, hat Paganini mehrere Archive buchstäblich auf den Kopf gestellt: «Wir wussten zu Beginn eigentlich fast nichts über unser Dampfschiff. So fing ich damit an, in allen erdenklichen Archiven nach jedem noch so kleinen Hinweis zu suchen.»

Dokumentarfilm zur geplanten Bergung im Bodensee.

Video: Sarah Wagner/Raphael Rohner

Einige Archivare haben dann auch angefangen mitzuhelfen. So hat Susanne Grieder vom Staatsarchiv des Kantons Thurgau erst ein Jahr vor Paganinis Anfrage den gesamten Bestand der Bodenseeschifffahrt in mehreren hundert Stunden durchgearbeitet und konnte Paganini bei seiner Suche behilflich sein. Sie sagt: «Es ist wirklich schön, wenn man sieht, dass unsere Arbeit eine solche Wertschätzung erfährt und wir zu so einem grossen Projekt einen Beitrag leisten können.»

Das Dampfschiff «Säntis» wird in die Werft in Romanshorn gezogen.

Das Dampfschiff «Säntis» wird in die Werft in Romanshorn gezogen.

Archivbild
Die Stoffmuster der Polster des Dampfschiffs sind im Archiv erhalten geblieben.

Die Stoffmuster der Polster des Dampfschiffs sind im Archiv erhalten geblieben.

Bild: Raphael Rohner

Die Archivbestände zu durchwühlen, habe für das Gelingen nicht nur einen nostalgischen Wert, sagt Paganini und zeigt auf zwei Stoffmuster aus dem Jahr 1904: «Mein Vorgänger aus grauer Vorzeit hatte bei der Beschaffung zwei Stoffmuster für die Polster des Dampfschiffs aufbewahrt. Das sind wertvolle Details, die wie ein Puzzlestück nach und nach das Gesamtbild des Schiffes vervollständigen.» Nebst den Stoffmustern, die Paganini eher per Zufall gefunden hat, suchte er hauptsächlich nach allen Bauplänen und Stabilitätsberechnungen des 1892 gebauten Dampfschiffes: «Wir müssen herausfinden, wie die bauliche Beschaffenheit der ‹Säntis› ist. Wie sie konstruiert wurde und wo mögliche bauliche Schwachstellen für eine Bergung vorliegen könnten.»

Das Dampfschiff «Säntis» wurde am 2. Mai 1933 nach 41 Dienstjahren im Bodensee versenkt.

Mehrere originale Briefe aus dem Keller zeigen eine «Säntis», die in ihren letzten Zügen liegt. Daraus geht auch hervor, warum man sich entschieden hatte, das Dampfschiff nicht weiter zu betreiben. Paganini liest angespannt ein Dokument von 1930: «In diesem Brief des Romanshorner Dampfschiffinspektors schreibt er der Direktion, dass sich die Renovation des veralteten Dampfschiffes nicht mehr lohnt und man beabsichtigt, alle noch wertvollen Teile zu demontieren und es dann zu versenken.» Er blickt kurz auf: «Heute unvorstellbar! Man muss sich das einmal vorstellen, dass man alte Schiffe einfach versenkt hat im Bodensee, weil sie nicht mehr rentiert haben!» Das Dampfschiff «Säntis» wurde am 2. Mai 1933 in der Mitte des Bodensees versenkt – aus Kostengründen. Eine Verschrottung war damals zu teuer.

«Ein ungewohntes Schauspiel»: So wurde vor 90 Jahren über die Versenkung der «Säntis» berichtet.

«Ein ungewohntes Schauspiel»: So wurde vor 90 Jahren über die Versenkung der «Säntis» berichtet.

Bild: Raphael Rohner

Von der Badewanne auf den Grund des Bodensees

Paganini findet sich schliesslich damit konfrontiert, dass trotz der technischen Machbarkeit und der technologischen Möglichkeiten zwei wesentliche Dinge fehlen: «ein passendes Bergungsschiff, das die Hunderte von Tonnen des Dampfschiffs bergen kann – und Geld. Das war bei meinen vergangenen Projekten auf dem Meer nie ein Thema.» Das Projekt deswegen aufzugeben, kam Paganini nicht in den Sinn – im Gegenteil.

Während er den Tauchroboter behutsam ins Wasser setzt und dieser dann gleich versinkt, erinnert er sich an die Entstehung seines Tauchroboters: Als Romanshorn in einer eisig kalten Januarnacht still und in Finsternis gehüllt war, brannte in der Werft der Schweizerischen Bodenseeschifffahrt (SBS) noch Licht – beziehungsweise brannte das Licht schon wieder: Es war 2.30 Uhr, und Paganini lötete in einer kleinen Werkstatt an einer Platine herum. Aus Einzelteilen, die er da und dort gekauft hatte, bastelte er einen Tauchroboter zusammen. Mehrere tausend Franken hat er bereits darin investiert: «Klar könnte ich auch einfach einen Tauchroboter kaufen, das wäre aber viel zu teuer.»

Der Tauchroboter verfügt über eine hochauflösende Kamera.

Der Tauchroboter verfügt über eine hochauflösende Kamera.

Bild: Raphael Rohner
Paganini hat die Steuerung einer Flugdrohne umkonstruiert.

Paganini hat die Steuerung einer Flugdrohne umkonstruiert.

Bild: Raphael Rohner
Die beiden Unterwassermotoren können per Fernsteuerung angesteuert und bewegt werden.

Die beiden Unterwassermotoren können per Fernsteuerung angesteuert und bewegt werden.

Bild: Raphael Rohner

Silvan Paganini tüftelt im Januar an der Tauchdrohne «Rupflin».

Silvan Paganini tüftelt im Januar an der Tauchdrohne «Rupflin».

Bild: Raphael Rohner

Den Roboter, der nun bei der Bergung der «Säntis» behilflich sein soll, hat Paganini selber konstruiert. Er hat sich dafür unter anderem alter Drohnen-Bauteile bedient. Die ersten Versuche mit dem Tauchroboter hat er in seiner Badewanne gemacht: «Meine Kinder fanden es lustig. Nun hoffe ich natürlich, dass der Roboter dann auch ohne Probleme auf den Grund des Bodensees tauchen kann.»

Gleich am nächsten Morgen testete Paganini den Tauchroboter im eiskalten Bodensee. In einem kleinen Zelt hat er seine «Basis» aufgeschlagen und schaut auf das Display, das über ein Kabel mit der Drohne verbunden ist. Die Temperatur liegt bei minus einem Grad Celsius. Paganini will trotzdem mit seiner Drohne ins Wasser: «Wir müssen wissen, ob die Tauchdrohne korrekt programmiert ist und alles funktioniert.»

Während Paganini in einem Neoprenanzug ins eiskalte Seewasser watet und dabei die Tauchdrohne behutsam trägt, dient Pascal Müller als Operateur: «Das wird schon gehen. Wir sind mittlerweile eine ganze Gruppe von eingeschworenen Helfern, welche die Vision von Paganini teilen, das Dampfschiff wieder vom Grund des Bodensees zu holen.»

Paganini mit Müller, der die Drohne steuert.

Paganini mit Müller, der die Drohne steuert.

Bild: Raphael Rohner
Gut erkennbar: Die Kamera in der Glaskuppel.

Gut erkennbar: Die Kamera in der Glaskuppel.

Bild: Raphael Rohner
Ingenieur Paganini wagt sich mit der selbst konstruierten Drohne ins eiskalte Wasser.

Ingenieur Paganini wagt sich mit der selbst konstruierten Drohne ins eiskalte Wasser.

Bild: Raphael Rohner

Müller ist konzentriert und blickt auf den Bildschirm, der das Bild der Drohne zeigt, wie diese das erste Mal in den Bodensee eintaucht. Gleichzeitig taucht Paganini mit einer Taucherbrille ins eiskalte Wasser und gibt Müller Anweisungen: «Rauf! Runter! Licht! Rechts! Links!»

Schliesslich testen die beiden noch einige Manöver, ehe sie dann wieder zusammenpacken. Am Ufer haben sich einzelne verwunderte Zuschauer versammelt. Ein Mann macht Fotos mit seinem Smartphone und fragt: «Was wird denn das? Sind Sie auf der Suche nach der Gin-Kugel?» Paganini verneint, gibt jedoch die Absicht, ein Dampfschiff bergen zu wollen, nicht preis: «Wir testen nur einen Tauchroboter.»

Ein Wrack, das sich nicht so leicht finden lässt

Einige Tage später gilt es dann ernst: Der Tauchroboter, der vom Team auf den Namen «Rupflin» getauft wurde – dabei handelt es sich um einen tödlich verunfallten Matrosen der Bodenseeschifffahrt –, soll die Drohne zum Wrack bringen und Bilder machen, die Aufschluss über den Zustand des Schiffswracks geben sollen.

Für diese erste Mission ist Lukas Roth aus Basel mit seinem Boot angereist. Roth war von Paganinis Idee sofort begeistert: «Technisch ist es garantiert möglich, das Dampfschiff zu bergen. Historisch ist das auch ganz bestimmt ein Projekt, das man nur einmal im Leben macht.» Roth grinst geheimnisvoll. Er ist selber seit Jahren auf Schweizer Gewässern unterwegs und kennt Paganini. Roth sagt: «Wenn das einer bergen kann, dann Silvan.»

Das kleine Schiff fährt bei miesem Wetter auf den Bodensee hinaus, um das Wrack zu suchen.

Das kleine Schiff fährt bei miesem Wetter auf den Bodensee hinaus, um das Wrack zu suchen.

Bild: Raphael Rohner
Die Tauchdrohne ist bereit für ihren Einsatz.

Die Tauchdrohne ist bereit für ihren Einsatz.

Bild: Raphael Rohner
Der genaue Standort ist geheim.

Der genaue Standort ist geheim.

Bild: Raphael Rohner
Paganini lässt die Tauchdrohne genau über dem Standort des Dampfschiffwracks ins Wasser.

Paganini lässt die Tauchdrohne genau über dem Standort des Dampfschiffwracks ins Wasser.

Bild: Raphael Rohner

Doch finden Paganini und Roth das Wrack nicht – die Strömung ist zu stark, und sie kehren nur mit Bildern des sandigen Seebodens zurück in den Hafen. Während das Boot wieder in den Hafen zurückfährt, sagt Paganini: «Beim Projekt <Tiefenvermessung> von 2013 wurde erstmals der genaue Standort der Schiffswracks im Bodensee kartografiert. Nun liegt es an uns, die <Säntis> wiederzufinden.» Die genauen Koordinaten des Wracks sind geheim – Paganini hat diese jedoch für seine Mission erhalten. Als Grund für die Geheimhaltung nennt das Institut für Seenforschung in Langenargen schlicht, dass man die Schiffswracks vor Plünderern schützen will.

An diesem Tag hatte das Team keinen Erfolg: Die Aufnahmen vom Tauchroboter zeigen lediglich einige Sandhügel am Grund des Bodensees. Weit und breit kein Schiffswrack zu sehen. Die Enttäuschung steht Roth und Paganini in die Gesichter geschrieben.

Kein Erfolg an diesem Tag: Paganini muss ohne Bilder des Wracks in den Hafen zurückkehren.

Kein Erfolg an diesem Tag: Paganini muss ohne Bilder des Wracks in den Hafen zurückkehren.

Bild: Raphael Rohner

Viel Geld für teure Gadgets

Paganini denkt darüber nach, ein Sonargerät an den Tauchroboter zu montieren, das Hindernisse im Wasser erkennen kann: «Das kostet dann halt noch einmal eine schöne Stange Geld. Dann muss ich halt mein Sparkonto anzapfen dafür.» Gesagt, getan. Paganini bestellt das Sonargerät noch am gleichen Tag. Kostenpunkt: 2500 Franken. Insgesamt hat Paganini rund 25'000 Franken für die Tauchdrohne ausgegeben.

Einige Tage später fahren Paganini und sein Team wieder auf den Bodensee hinaus, und der Tauchroboter wird vorbereitet: Das Sonargerät, das erst am Vortag geliefert wurde, hat Paganini sofort verbaut. Der Roboter wird schliesslich ins Wasser gelassen. Nur das gelbe Kabel verrät, wie schnell der Roboter die über 200 Meter von der Wasseroberfläche zum Grund des Sees zurücklegt.

Ein neuer Versuch soll Erfolg bringen: Die Drohne hat unterdessen ein Sonargerät spendiert bekommen, damit man das Wrack unter Wasser sehen kann.

Ein neuer Versuch soll Erfolg bringen: Die Drohne hat unterdessen ein Sonargerät spendiert bekommen, damit man das Wrack unter Wasser sehen kann.

Bild: Raphael Rohner

Dieses Mal kommen Freunde des Teams mit einem Motorboot zur Hilfe, das den Standort per GPS exakt an Ort und Stelle halten kann. Paganini beginnt auf den Bildschirm zu schauen und hofft, das Wrack möge gleich sichtbar werden. Nur einige Minuten später jubelt Paganini, als die Umrisse des vor 90 Jahren versenkten Schiffs auf dem Bildschirm sichtbar werden:

«Säntis ahoi! – Wir haben unser Dampfschiff wiedergefunden!»
Das Schaufelrad des Raddampfers zeigt kaum Korrosionsschäden.

Das Schaufelrad des Raddampfers zeigt kaum Korrosionsschäden.

Beinahe hätte sich die Tauchdrohne in einem Seil am Wrack verheddert.

Beinahe hätte sich die Tauchdrohne in einem Seil am Wrack verheddert.

Gut erkennbar: Das Schiff hat sich in den Seeboden gegraben.

Gut erkennbar: Das Schiff hat sich in den Seeboden gegraben.

Der Schriftzug der «Säntis» ist noch bestens zu erkennen.

Der Schriftzug der «Säntis» ist noch bestens zu erkennen.

Auf einem keinen Bildschirm sehen die Mitglieder von Paganinis Team die Drohnenbilder ihrer Tauchdrohnen unter Wasser.

Auf einem keinen Bildschirm sehen die Mitglieder von Paganinis Team die Drohnenbilder ihrer Tauchdrohnen unter Wasser.

Bild: Raphael Rohner

Schliesslich holt Paganini seinen Roboter wieder aus dem Wasser, und das Boot fährt zurück an Land. An Bord die neuesten Bilder des Wracks und weitere Erkenntnisse, die Paganini unterwegs im gemeinsamen Whatsapp-Chat des Schiffsbergevereins teilt. Rund ein Dutzend Mitglieder teilen seine Begeisterung für die Bergung des Dampfschiffes. Abends wird dann angestossen, und man tauscht sich aus:

«Wir werden das Geld zusammenbringen und den Stolz des Bodensees nach 90 Jahren endlich dahin zurückbringen, wo er hingehört: auf den See.»

Wie bei der Titanic liegt der Rumpf des Schiffes auf dem Grund und fristet einen tristen Dornröschenschlaf. Dass das Schiff von nationaler Bedeutung ist, hat auch der Thurgauer Kantonsarchäologe Hansjörg Brem schon mehrmals in Interviews erwähnt: «Das Schiffswrack ist eine Zeitkapsel und birgt bestimmt noch so manches Geheimnis aus der Vergangenheit. Eine solche Bergungsmission hat eine landesweite, wenn nicht sogar europaweite Ausstrahlung.»

Das Dampfschiff «Säntis» soll eines Tages wieder auf dem Bodensee unterwegs sein, birgt jedoch noch viele Geheimnisse.

Das Dampfschiff «Säntis» soll eines Tages wieder auf dem Bodensee unterwegs sein, birgt jedoch noch viele Geheimnisse.

Bild: Private Sammlung

SBS verkauft das Dampfschiff Säntis für einen symbolischen Preis

Im Laufe einer Machbarkeitsstudie hat Paganini auch Michael Egger vom Spezialtransportunternehmen Emil Egger um Hilfe gebeten. Zusammen stehen sie an einem Nachmittag im März im Hafen vom Romanhorn. Egger ist sofort Feuer und Flamme für das Projekt: «Wir sind uns ja aussergewöhnliche Projekte gewohnt, aber zu versuchen, so ein emotionales Stück Ostschweiz zu bergen, wird bestimmt sehr interessant.»

Michael Egger und Gerd Chmeliczek gehen mit Paganini jedes Detail seiner Pläne für die Bergung durch.

Michael Egger und Gerd Chmeliczek gehen mit Paganini jedes Detail seiner Pläne für die Bergung durch.

Bild: Raphael Rohner
Die «Säntis» verlässt den Hafen von Lindau.

Die «Säntis» verlässt den Hafen von Lindau.

Archivbild
Die Relinge sind auch noch heute gut erhalten.

Die Relinge sind auch noch heute gut erhalten.

Bild: PD

Egger sass mehrere Stunden mit Paganini und einem weiteren Experten für Hebetechnik aus Deutschland, Gerd Chmeliczek zusammen. Die drei Ingenieure haben gemeinsam die Möglichkeiten durchgerechnet und einen Einsatzplan ausgearbeitet, um das Dampfschiff der ehemaligen Nordostbahn vom Grund des Bodensees zu bergen.

Eigentlich ist die Schweizerische Bodenseeschifffahrt (SBS) nach all den Jahren noch immer Besitzerin des Wracks. Doch konnte Paganini den Verwaltungsrat der SBS überzeugen, ihm und seinem Verein das Schiff für einen symbolischen Betrag zu verkaufen. Während ursprünglich geplant war, die «Säntis» auf die Bunkerwiese zu stellen, soll sie nach ihrer Bergung im Hafen einen Liegeplatz bekommen, bis eine Anschlusslösung gefunden wird. Hermann Hess, Verwaltungsratspräsident der Schweizerischen Bodenseeschifffahrt, ist vom Engagement und Enthusiasmus des Vereins angesteckt:

«Wir werden mithelfen, wo immer wir können.»

Ausser was die Finanzierung angehe, da könne man keine grossen Summen sprechen.

Verwaltungsratspräsident der SBS AG: Hermann Hess.

Verwaltungsratspräsident der SBS AG: Hermann Hess.

Bild: Raphael Rohner

Verein will 550’000 Franken per Crowdfunding sammeln

«Das Geld zusammenzubekommen ist eine grössere Herausforderung als die Bergung des Schiffs», sagt Paganini und blickt weiter auf die Umrisse des Dampfschiffs 210 Meter unter ihm. Er flüstert kurz: «Wir werden die ‹Säntis› wieder heraufholen. Eins nach dem anderen.»

Variante 1: Das Dampschiff wird mit der «Euregia» und Litzenhebern geborgen.

Variante 1: Das Dampschiff wird mit der «Euregia» und Litzenhebern geborgen.

Skizze: Schiffsbergeverein
Variante 2: Mit mehreren Hebesäcken kann das Wrack an die Seeoberfläche befördert werden.

Variante 2: Mit mehreren Hebesäcken kann das Wrack an die Seeoberfläche befördert werden.

Skizze: Schiffsbergeverein

Paganini und sein Team haben über mehrere Monate zwei Varianten ausgearbeitet und die Kosten berechnet, die für die Bergung der «Säntis» anfallen. Möglich wäre eine Bergung etwa mit sogenannten Litzenhebern, die auf der Motorfähre «Euregia» montiert würden, oder mit Hebesäcken, die mit Luft gefüllt das rund 240 Tonnen schwere Wrack vom Grund des Bodensees heben würden. Beide Varianten sind äusserst kostspielig. Der Verein rechnet mit Kosten je nach Bergemethode 200’000 oder 550’000 Franken mittels Litzenhebetechnik – mindestens. Paganini sagt voller Zuversicht:

«Die Kosten für die Bergung lassen sich ziemlich genau beziffern – sofern wir keine bösen Überraschungen erleben.»

Über die Crowdfunding-Plattform der Raiffeisenbank, lokalhelden.ch, soll das Geld zusammenkommen. Die Beträge mögen zwar hoch erscheinen, doch sind in der Vergangenheit schon vergleichbare Summen zusammengekommen. Für die Generalsanierung des Dampfschiffs «Stadt Luzern» etwa wurden 405’308 Franken gesammelt.

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