«Nach drei Tagen bist du fix und fertig»

Eine Gruppe von Ostschweizer Piloten hat begonnen, mit einem Kleinflugzeug nach Flüchtlingsbooten im Mittelmeer zu suchen. Schon der erste Einsatz zeigte Wirkung – über 100 Personen wurden gerettet. Der Erfolg war hart erkämpft, wie Pilot Fabio Zgraggen berichtet.

Adrian Vögele
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Gut gelandet auf Lampedusa: Fabio Zgraggen (links) nach dem ersten Suchflug der Humanitären Piloten-Initiative, mit André Linhardt von der zivilen Seenotrettung Sea-Watch. (Bilder: pd)

Gut gelandet auf Lampedusa: Fabio Zgraggen (links) nach dem ersten Suchflug der Humanitären Piloten-Initiative, mit André Linhardt von der zivilen Seenotrettung Sea-Watch. (Bilder: pd)

Im Cockpit ist es eng und laut. Unter der kleinen, zweiplätzigen Maschine liegt das offene Meer – Wasser, so weit das Auge reicht. Der Start auf der italienischen Insel Lampedusa ist schon Stunden her. Das Flugzeug hat keinen Autopiloten, das manuelle Steuern wird langsam, aber sicher anstrengend. Die beiden Piloten, Fabio Zgraggen und André Linhardt, halten Kurs auf die libysche Küste. Ihre Mission: Flüchtlinge in Seenot finden.

Als das Flugzeug die kritische Zone erreicht, geht plötzlich alles schnell: Sogleich kommt ein Schlauchboot in Sicht, kurz darauf ein zweites. Die Piloten haben alle Hände voll zu tun. Sie müssen die Boote mit dem Fernglas beobachten und Informationen sammeln: Wie viele Personen sind an Bord? In welchem Zustand ist das Boot? Gleichzeitig nimmt die Flugzeugbesatzung Funkkontakt mit der Rettungsleitstelle auf, die die Versorgung und Rettung der Flüchtlinge mit Schiffen organisiert. Und währenddessen muss jemand weiterhin die Maschine fliegen – wenige hundert Meter über der Wasseroberfläche –, die Crew muss die Navigation im Griff haben und den Luftraum im Auge behalten.

Nach 40 Minuten im Suchgebiet schlägt das Flugzeug den Rückweg ein – er dauert weitere zwei Stunden. Locker lassen dürfen Zgraggen und Linhardt nicht: Auf Lampedusa wartet ein schwieriger Landeanflug mit Seitenwind. Später erfahren die Piloten, dass ihre Mühe nicht umsonst war: 125 Flüchtlinge wurden gerettet.

«Der Kontrast ist brutal»

«Nach drei Tagen Einsatz bist du fix und fertig», sagt Fabio Zgraggen, als er über die ersten Flüge der Humanitären Piloten-Initiative (HPI) berichtet. «Darum ist es wichtig, dass sich die Besatzungen ablösen können.» Der 31jährige Ausserrhoder weilt gerade für einige Tage in der Schweiz, demnächst fliegt er zurück ans Mittelmeer. Was ging ihm durch den Kopf, als er das erste Flüchtlingsboot sah? «In dieser Situation gibt es im Cockpit derart viel zu tun, da funktioniert man einfach.» Erst nach der Landung sei ihm das Ganze richtig bewusst geworden. «Der Kontrast zu Lampedusa ist besonders brutal: Dort machen Europäer unbeschwert Badeferien – und etwas weiter südlich ertrinken jeden Tag Menschen. Das ist Wahnsinn.»

Blockade in Djerba

Die HPI ist – zusammen mit der deutschen Seenotrettung Sea-Watch – die erste zivile Organisation, die per Flugzeug Flüchtlingsboote sucht. Die Nachfrage ist enorm: «Wir haben viele positive Rückmeldungen von den Rettungskräften vor Ort erhalten. Alle warten darauf, dass wir die Suchflüge fortsetzen.» Zgraggen und seine Kollegen wollen dies so bald wie möglich tun – trotz knapper Ressourcen und bürokratischer Hürden.

Als Basis für die Suchflüge war anfangs die tunesische Insel Djerba vorgesehen. Sie liegt nur 100 Kilometer vom Einsatzgebiet entfernt, das entspricht einer Flugzeit von 40 Minuten. Ende Juni flogen die HPI-Piloten das Kleinflugzeug in mehreren Tagesetappen dorthin, weitere Helfer reisten per Linienflug an – und ein Mitglied transportierte gar in einem Geländewagen Material von der Schweiz nach Djerba. Doch dann die Enttäuschung: Die tunesischen Behörden verlangten eine zusätzliche Bewilligung, von der das Team nichts gewusst hatte – trotz sorgfältiger Planung.

Während der Papierkrieg seinen Lauf nahm, beschlossen die Piloten, ihre Suchflüge von Lampedusa aus zu starten – obwohl das bedeutete, dass die Einsätze fünf Stunden und länger dauern würden. Nur schon nach Lampedusa zu gelangen, war aufwendig: Dort dürfen nur Maschinen landen, die innerhalb Europas gestartet sind. «Wir mussten darum einen Umweg über Malta machen», sagt Zgraggen.

Erst belächelt, dann respektiert

Bei Fliegerkollegen stiessen die HPI-Piloten mit ihrem kleinen Flugzeug vom Typ Ikarus C42 anfangs auf Skepsis. Die europäische Grenzwachtorganisation Frontex etwa ist mit deutlich grösseren Maschinen unterwegs. «Doch jeder, der sich unser Konzept im Detail anschaute, gab am Ende zu, dass wir gut vorbereitet sind», sagt Zgraggen. Die C42 hat ein spezielles Rettungssystem: Bei einem Motorausfall trägt ein Fallschirm die Maschine. Zudem ist das Flugzeug mit Schwimmkörpern ausgestattet, die Crew verfügt unter anderem über ein Rettungsfloss und Satellitensender.

Falls die Bewilligung für Djerba weiterhin ausbleibt, will die HPI wieder von Lampedusa aus fliegen – allerdings nicht mehr mit der C42. «Wir überlegen uns, auf eine schnellere, zweimotorige Maschine vom Typ Diamond Twin Star zu wechseln», sagt Zgraggen. «Der Flug ins Einsatzgebiet wäre viel kürzer, und wir hätten mehr Zeit für die Suche.» Allerdings ist der Betrieb dieser Maschine auch teurer.

Die HPI ist eine Non-Profit-Organisation, die sich über Spenden finanziert. Die drei Ostschweizer Piloten und ihre Helfer arbeiten gratis, die Spenden fliessen komplett in den Flugbetrieb. Mit der aktuellen Geldsumme kann die C42 etwa zwei Monate fliegen, bei der Twin Star wären es hingegen nur zwei bis drei Wochen. Die HPI will ihre Einsätze aber bis in den Herbst fortsetzen – «so lange eben, wie sich Flüchtlinge auf das Meer wagen», sagt Zgraggen.

Kaum Zeit für den Gleitschirm

Fabio Zgraggen räumt ein, dass es nicht einfach ist, den humanitären Einsatz mit dem Berufs- und Privatleben zu koordinieren. Er arbeitet als Gleitschirmfluglehrer und Grafiker. Einen wesentlichen Teil seines Einkommens machen Tandemflüge aus. Jetzt, im Sommer, wäre Hochsaison. Auch abgesehen vom Geld fehle ihm der Gleitschirm, sagt Zgraggen. «Ein Flugzeug zu fliegen ist zwar toll, doch ans Gleitschirmfliegen kommt es nicht heran.» Seine Privatpilotenlizenz erwarb Zgraggen vor allem im Hinblick auf Einsätze zugunsten des Gemeinwohls. Später will er sich – aus demselben Grund – zum Berufspiloten fortbilden. Allerdings zählen seine Flugstunden in der C42 dafür nicht, da diese ein Ultraleichtflugzeug ist. «Auch das zeigt: Wir fliegen die Sucheinsätze, weil wir helfen wollen. Flugstunden anzuhäufen ist nicht das Ziel.»

www.piloteninitiative.ch

Koordinierte Aktion: Das Rettungsschiff «Sea Eye» ist in Sicht.

Koordinierte Aktion: Das Rettungsschiff «Sea Eye» ist in Sicht.

Enge Verhältnisse: Das Cockpit des Suchflugzeugs vom Typ Ikarus C42.

Enge Verhältnisse: Das Cockpit des Suchflugzeugs vom Typ Ikarus C42.