Mathematik verliert an Gewicht

Wie anspruchsvoll darf am Gymnasium unterrichtet werden? Ein Lehrer an der Kanti Sargans soll entlassen werden, weil sein Unterricht angeblich zu wenig schülergerecht war. Ein ETH-Experte warnt vor dem sinkenden Unterrichtsniveau.

Markus Rohner
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In einer Studie der Uni Zürich von 2008 waren 41 Prozent der Mathematik-Maturaprüfungen ungenügend. (Bild: fotolia)

In einer Studie der Uni Zürich von 2008 waren 41 Prozent der Mathematik-Maturaprüfungen ungenügend. (Bild: fotolia)

SARGANS. S. ist bis heute ein begeisterter Mathematiker. Während über 20 Jahren unterrichtete er an der Kanti Sargans im Fach Mathematik. Er schloss sein ETH-Studium nicht nur mit Doktortitel ab, der Rheintaler nutzte später sein Wissen auch für wissenschaftliche und kulturelle Arbeiten. Zum 450-Jahr-Jubiläum des Toggenburger Mathematikers Jost Bürgi verfasste er ein Theaterstück, das 2002 in Lichtensteig uraufgeführt wurde. 2010 war er Herausgeber und Mitautor eines Buches über den Mathematiker Georg Joachim Rheticus, dessen Geburtstag sich 2014 zum 500. Mal jährte.

Ein vielfältiges Engagement im Fach Mathematik, das ihm jetzt in seiner Situation wenig hilft: S. steht wegen seines angeblich zu wenig schülergerechten und strengen Unterrichts seit Jahren unter Beobachtung der Sarganser Schulleitung (Ausgabe vom 13. Januar). Vor einem Jahr wurde ihm mit der Kündigung gedroht. Diese ist bis heute nur deshalb nicht ausgesprochen worden, weil S. seit einem Jahr krankgeschrieben ist.

Grob ungenügend

Wie anspruchsvoll und auf welchem Niveau soll er denn sein, der Mathematikunterricht an Schweizer Gymnasien? Tatsache ist, dass viele Schüler heute nach dem Optimumprinzip funktionieren: Gelernt wird nicht etwa, was wichtig und nötig wäre, sondern vor allem, was mit geringstem Aufwand die besten Resultate bringt. Für sie ist das heutige Maturitätssystem perfekt. «Rund 20 Prozent der Maturanden haben grob ungenügende Mathematikkenntnisse», sagte der Präsident der Berner Maturitätskommission, Jürg Schmid, kürzlich gegenüber der NZZ. Schmid stützte sich auf eine Auswertung von Berner Maturanoten. «Grob ungenügend» heisst Note 2,5 oder tiefer. In anderen Kantonen dürfte es nicht anders sein. In der Studie Evamar II der Universität Zürich von 2008 waren 41 Prozent der schriftlichen Mathe-Maturaprüfungen ungenügend. Regelmässig kommen denn auch Klagen aus den Universitäten.

Uni: Viele fallen durch

Norbert Hungerbühler, Professor für Mathematik an der ETH Zürich und zuständig für die Ausbildung angehender Mathematiklehrer auf Gymnasialstufe, kennt sowohl den «Fall S.», wo er im Auftrag des Sarganser Rektors den Unterricht des betroffenen Lehrers untersucht hat, als auch die Situation in anderen Kantonen. Derzeit könnten im Gymnasium schlechte Noten in einem Fach durch gute Noten in anderen Fächern kompensiert werden. «Dadurch ist es möglich, zum Beispiel das Fach Mathematik faktisch abzuwählen: In anderen Fächern sind gute Noten mit weniger Aufwand zu erreichen.»

Insgesamt habe die Mathematik, und das sagt der Neuenburger Sprachwissenschafter Anton Näf, ein vergleichsweise geringes Gewicht beim Bestehen der Matura im ohnehin sprachenlastigen Gymnasium. «Diese Ausrichtung kommt in erster Linie den besonderen Fähigkeiten und Interessen der Mädchen entgegen.» Die Quittung bekommen viele Studenten später an der Uni präsentiert. Diese beobachten seit Jahren steigende Zahlen von Studienabbrechern. «Eine Statistik der ETH aus dem Jahr 2009 zeigte, dass die Bestehensquote in der Basisprüfung nach dem ersten Studienjahr im ersten Versuch je nach Studienrichtung im untersuchten Zeitraum nur zwischen 50,6 und 74,5 Prozent lag», sagt Hungerbühler. Für den ETH-Professor ist der «Fall S.» symptomatisch – und höchst problematisch. «Lehrkräfte abzustrafen oder gar zu entlassen, weil sie anspruchsvollen Unterricht erteilen, geht in keinem Fach. In der Schweiz ist mir kein solcher Fall bekannt.»

«Verheerende Strategie»

Er beobachtete in den letzten Jahren immer wieder, wie an manchen Gymnasien von der Schulleitung Druck auf die Lehrerschaft ausgeübt wurde, den Notendurchschnitt bei Prüfungen nicht unter einen bestimmten Wert sinken zu lassen. «Das ist eine verheerende Strategie und inakzeptabel: Ungenügende Leistungen müssen auch mit entsprechenden Noten quittiert werden können.»

Das vielfach gescholtene Fach Mathematik, das neben dem Fach zweite Landessprache die meisten ungenügenden Noten verteile, dürfe deswegen nicht an den Pranger gestellt werden. Die Mathematik habe das «Pech», dass es zu grossen Leistungsstreuungen neige, die auch einfach zu messen seien. Durch Anheben der Notenskala werde das Problem der schlechten Leistungen nicht gelöst.

Zu strenge Sarganser Lehrer?

Verteilen die Mathematiklehrer an der Kanti Sargans zu strenge Noten? S. und seine Kollegen sahen sich in den letzten Jahren immer wieder mit diesem Vorwurf konfrontiert. «Wir Mathelehrer waren das Feindbild der <Schulvision Wurster>», sagt Martin Schweizer, ehemaliger Lehrer für Mathematik an der KSS. Wer auf Mittelschulniveau nachgiebig sei, viel durchgehen lasse und aus Prinzip «milde Noten» setze, geniesse den Ruf, eine «gute Lehrperson» zu sein, meint Schweizer. Die Schulleitung müsse sich kaum mit Beschwerden gegen eine solche Lehrkraft herumschlagen. «Beharrt hingegen ein Lehrer auf der Erreichung der vorgegebenen Lernziele und verteilt verantwortungsbewusst Zensuren, welche die tatsächlich erbrachten Leistungen widerspiegeln, sind im heutigen <Feel good>-Schulklima Konflikte vorgezeichnet. Besonders Mathematik- und Französischlehrer befinden sich in einer undankbaren Position.»

2009 hatte Schweizer genug von dieser Entwicklung und quittierte mit 60 Jahren den Schuldienst an der KSS. Ein viel jüngerer Berufskollege tat es ihm gleich. S. ist geblieben, weil er nach wie vor mit Begeisterung junge Gymnasiasten im Fach Mathematik unterrichten will. Jetzt wird der Unbotmässige vielleicht schon bald per Entlassung in den Ruhestand geschickt.